A «Man’s World»: Die Frauen rollen Zigarren und die Männer rauchen sie

Die Männermesse «Man’s World» warb mit stereotypen Slogans wie «Wo Papas einfach Männer sind» oder «Wo Helden einfach Männer sind». Welche Männer besuchen eine solche Messe? Ein Besuch soll Klarheit schaffen.
16. März 2018

«This is a man's world, but it would be nothing, nothing without a woman or a girl» singt James Brown in seinem Song. Die gleichnamige Messe «Man’s World» in der Zürcher Messehalle Stage One beim Bahnhof Oerlikon fand dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt. Die Zürcher Organisator*innen haben sich zum Ziel gesetzt, «eine Bastion für qualitätsaffine Geniesser und Entdecker» zu werden. Vor zwei Jahren waren zwei Männer unserer Redaktion dort, dieses Jahr wagte ich mich als Frau in die Höhle des Löwen.

Die Autorin auf einem Chopper: Etwa ein Drittel der Käufer*innen sei weiblich. Bildquelle: Ein Mitarbeiter des Motorradcenters Arrigoni

Zigarre rauchen für Anfänger

Es ist Sonntagnachmittag, die Veranstaltung ist in vollem Gange. Vorbei an einem Mini Cooper, einem Hutstand, einer Spirituosenmanufaktur und einer Bar ist endlich die Kasse in Sicht. Nach Bezahlen des Eintrittes überreicht eine Mitarbeiterin, sie könnte eine Studentin Mitte Zwanzig sein, den Besucher*innen einen Bändel und eine Flasche Feldschlösschen Bier.

Die Jacke an der Garderobe abgegeben und rein ins Getümmel. In der «Villiger Cigar Lounge» ist die Luft zigarrenrauchgeschwängert. Das Ambiente ist einem New Yorker «Speakeasy», einer illegalen Kneipe während der Alkoholprohibition in den 20er Jahren, nachempfunden. Um kleine Bartische herum stehen junge Männer und rauchen Zigarren. Eine Hostess zündet diese mit einem Mini-Bunsenbrenner an. Passend zur ganzen «Roaring 20s»-Dekoration der Messehalle trägt auch sie eine weisse Bluse, eine schwarze Anzugshose mit Hosenträgern und eine Fliege.

Sorgfältig wird die Zigarre für die Kundschaft gleichmässig angezündet. Bild: Laura Kaufmann

Ein Besucher Mitte Zwanzig fragt sie, ob sie ihm die Zigarre nochmals anzünden könne. Er habe dringend aufs WC gemusst, entschuldigt er sich. Die Mitarbeiterin ist kurz verwirrt, hält ihm dann freundlich lächelnd eine Zündholzschachtel hin. «Aha ganz normal anzünden», stottert er vor sich hin und bedankt sich. Viele der jüngeren Besucher rauchen hier zum ersten Mal eine Zigarre. Die Preise beginnen bei acht Franken und sind nach oben offen.

«Zigarren sind wie Frauen und Wein, jeder hat seinen eigenen Geschmack»

Hinter einem kleinen Tischchen im Vintage-Look steht eine grossgewachsene, dunkelhäutige Frau im Deux-Pièce. Als Show-Element der Messe hat die Exil-Kubanerin Maria Caridad hier Zigarren gerollt. Nein, jetzt könne sie wirklich keine weitere Zigarre mehr rollen, entschuldigt sie sich. «Ich bin schon ganz verspannt. Es braucht viel Kraft», erklärt sie. Die Zigarre ist perfekt gerollt, sieht aus wie aus dem Geschäft. «Komm, nimm die mit!» fordert sie (Anm. d. Red.: Die Zigarre wird unter allen Kommentator*innen des Artikels verlost).

Maria Caridad zeigt, wie man die selbstgedrehte Zigarre mit der richtigen Coolness hält. Bild: Laura Kaufmann

Einen Stand weiter erklärt der Villiger-Vertreter, dass er keine Antwort geben kann, wenn ihn jemand fragt, welches die beste Zigarre sei. «Mit den Zigarren ist es wie mit den Frauen oder dem Wein. Was dem einen passt, findet der andere schrecklich.»

Spielzeuge für grosse Jungs

Beim Betreten der Haupthalle sticht sofort ein silbernes Auto mit Flügeltüren ins Auge. Männer steigen ein und aus, fotografieren sich gegenseitig am Steuerrad sitzend. «Der DeLorean aus Back to the Future. Als Automechaniker natürlich voll mein Ding», klärt Kim (28) auf. Zusammen mit seinem Kumpel Adi (28) ist er zum ersten Mal an die Männermesse gekommen. Adi resümiert: «Es war ganz cool, sehr unaufdringlich. Du wirst hier nicht an jedem Stand angequatscht und mit Promotionsmaterial eingedeckt. Gekauft haben wir nichts, aber wir hatten Spass.» Kim ist schon wieder weiter und schaut fasziniert bei der Herstellung von Sackmessern zu.

Das Modell eines DeLoreans aus «Back to the future» wird rege für Fotos genutzt. Bild: Laura Kaufmann

Ein bisschen weiter sitzt René (44) mit seiner Tochter (9) an einem Vintage-Spielautomaten und zockt. «Nein, nein, nein, neeein, ach, schon wieder verloren», gesteht sich der Vater ein und grinst. Mit der Tochter an die Männermesse, wie kommt das? «Sie kommt überallhin mit. Mein Kumpel und ich wollten ein bisschen Sachen für uns Erwachsene anschauen und dann haben wir unsere Kinder gleich mitgenommen. Wie du siehst, haben alle Spass.» Noch ein letztes Mal dürfe sie spielen, kündigt René der Tochter an und drückt ihr einen Einfränkler in die Hand. Sonea widmet sich dem leuchtenden Flipperkasten. Der Eintritt von 39 Franken sei definitiv zu hoch, angesichts dessen, dass an der Messe in erster Linie konsumiert und noch mehr Geld ausgegeben wird. Aber es sei verkraftbar und so zahlen sie es eben doch.

Sonea (9) auf dem Weg zum Sieg gegen ihren Vater René (44). Bild: Laura Kaufmann

«Ein Frau hat wohl mehr Spass an einer Männermesse als umgekehrt»

Dmitry (26) und sein Kumpel Jack (26) sind auf dem Heimweg. «Es hat mega Spass gemacht. Wir sind gestern extra nicht in den Ausgang gegangen, damit wir heute fit sind und kein Geld ausgeben», sagt Jack. Gekauft haben sie nichts, aber sich ein paar Marken und Produkte gemerkt. «So etwas müsste es öfters geben», fügt Dmitry an. Wegen der Werbekampagne hätten sie allerdings erwartet, dass mehr Männer in Anzügen unterwegs sein würden. Die beiden sind in der Modebranche tätig und deshalb macht es ihnen Spass, sich für einen Event ein passendes Outfit zu überlegen.

Die Freunde Dmitry (26) und Jack (26) haben ihre Outfits aufeinander abgestimmt. Bild: Laura Kaufmann

Es hatte mehr Frauen, als sie erwartet hätten. Er wolle sich jetzt nicht auf die Äste wagen, doch er habe das Gefühl, dass eine Frau heute mehr Spass hatte, als ein Mann es an einer Frauenmesse hätte.

Frauen konnten hier ebenso Bier trinken, Zigarren rauchen, Spirituosen probieren oder Roulette spielen, ohne dass das irgendeinen Mann gestört hätte. Die meisten Produkte gehen als genderneutral durch. Würde ein Mann auf einer Frauenmesse dasselbe (in den Augen der Gesellschaft) gender-atypische Verhalten an den Tag legen, würde das vermutlich für mehr Aufmerksamkeit sorgen. Männer, die sich entgegen der Geschlechternormen verhalten, sind auch in der Schweiz noch immer eine Seltenheit.

Wo sind die Machos?

Zumindest am Sonntagnachmittag ist die Dichte an Machos verhältnismässig klein. Ein dummer «#metoo»-Spruch im Fumoir und eine Gruppe betrunkener Männer an der Garderobe sind die schlimmsten Vorkommnisse.

Die «Man’s World» ist keine sexistische und testosterongeschwängerte Veranstaltung. Hinter den Ständen stehen keine Hostessen mit weitem Ausschnitt, generell sind es mehr Männer als Frauen, meist die Unternehmer selbst, und erzählen leidenschaftlich von ihren Produkten. In vieler Hinsicht ist die «Man’s World» auch eine Start-Up-Messe und bildet die Realität ab: Die schweizer Gründerszene wird noch immer von Männern dominiert.

Offen bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist, Männern ein solch stereotypes Männerbild zu verkaufen. Immer wieder ist in den Medien zu lesen, dass Männer nicht mehr wüssten, was von ihnen verlangt wird. Dass sie mit dem Kauf der richtigen Produkte ihre Männlichkeit definieren und zur Schau stellen können, ist eine Illusion, die einzig Unternehmen dienlich ist. Sie erinnert sehr an den Umgang der Werbebranche mit der Weiblichkeit. Viele dieser Produkte werden beispielsweise an Weihnachtsmärkten nicht speziell als männlich beworben und sind trotzdem beliebt.

Ab und zu Steaks zu essen und zu gamen, schliesst nicht aus, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu unterstützen.

Bei einem «Shoe Shine Ritual» putzt Junior (rechts) die Schuhe des Baristas Patrizio (links). Bild: Laura Kaufmann

Bleibt zu hoffen, dass den Käufern dies bewusst ist. Sich ab und zu gerne dem Klischee entsprechend zu schminken und ein «Eve» zu trinken, schliesst nicht aus, eine Feministin zu sein. Ich traue den Männern dasselbe zu: Ab und zu Steaks zu essen und zu gamen, schliesst nicht aus, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu unterstützen. Die meisten Männer, die sich nicht über ihre Geschlechterrolle definieren, werden einen solchen Anlass jedoch gar nicht erst besuchen.

Die «Man’s world Schweiz AG» wird auch dieses Jahr mit den erwarteten 12’000 Eintritten à 39 Franken plus den Standgebühren der Aussteller gegen eine halbe Million Umsatz erwirtschaftet haben. Auch abzüglich der Personalkosten und der Hallenmiete, welche sich im fünfstelligen Bereich bewegt, werden sich die Veranstalter*innen eine goldene Nase verdient haben.

Die Veranstaltung ist in erster Linie eine Konsummesse. Das missfällt manchen und gefällt anderen. Doch die Veranstaltung hat sich etabliert und auch nächstes Jahr werden sich wieder genug zufriedene Besucher*innen und Aussteller*innen finden.

Zukünftig sei «Aufklärung zum Thema häusliche Gewalt und die Sensibilisierung der überwiegend männlichen Zielgruppe» geplant, heisst es in einer Medienmitteilung. Doch auch wenn sich das OK «von veralteten Gesellschaftsbildern distanziert» und die Veranstaltung weit entfernt ist von einem Genfer Autosalon mit halbnackten Frauen, zementiert das Konzept der «Man’s world» abgelutschte Klischees über Männlichkeit und Weiblichkeit. Darüber kann auch die grosszügige Spende ans Frauenhaus Zürich-Violetta nicht hinwegtäuschen.

Und um nochmals auf James Brown zurückzukommen: Auch die Veranstaltung «Man’s World» wäre «nichts» ohne «woman and girls»: Ohne Kassiererin, Hostesse, Zigarrenrollerin. An der «Man’s World» werden Frauen in (Neben-)Rollen gedrückt, ganz so, wie es sich die Leute wünschen, welche die männerdominierte Welt verloren glauben. Schade.

Titelbild: Laura Kaufmann

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