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Ein Mann erklärt, warum Männer noch immer den ersten Schritt tun sollten

Wer soll beim Flirten den ersten Schritt wagen? Ist das noch immer die Aufgabe des Mannes?
11. Dezember 2016

Junge Frauen halten Avancen und Heiratsanträge unverändert für Männersache, dieses Klischee bestätigte sich letzte Woche in einer Umfrage von 20 Minuten. Verwundert über das Resultat in Zeiten der Emanzipation suchte die Autorin Rat beim Jugendpsychologen Allan Guggenbühl – vermutlich eher wegen seinem Renommee als seinem Geschlecht. Guggenbühl meinte, die geäusserte Haltung weise darauf hin, dass junge Frauen über ein gesünderes Selbstbewusstsein verfügten, während man früher noch Gleichberechtigung mit Gleichheit verwechselt habe.

In unserer Redaktion erregte dieser Artikel, wegen den Aussagen der Frauen und jener des Psychologen, den Verdacht auf Sexismus. Ich hingegen denke, dass ein wichtiger Punkt angesprochen wurde. Ich tue mich schwer mit der weit verbreiteten These, dass das Geschlecht per se ein gesellschaftliches Konstrukt sein soll, dass Rollenbilder gänzlich des Teufels seien. Insbesondere weil sie aus meinem, dem linken Spektrum stammt, welchem ich unter anderem angehöre, weil es für Toleranz, Gemeinschaft, Wandel und Diversität steht. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass jeder Versuch – egal wie wissenschaftlich fundiert – den Geschlechtern spezifische Eigenschaften zuzuschreiben, augenblicklich rückständig und nicht selten sexistisch geschimpft wird.

---> Hier erklärt Redaktorin Caroline, warum Männer NICHT den ersten Schritt machen müssen.

Von keinen und bösen Geschlechtern

Manche glauben an drei Geschlechter und verlangen die entsprechende Anzahl an Optionen auf Formularen und öffentlichen sanitären Anlagen. Geht es nach der Stadt New York, existieren nicht weniger als einunddreissig schutzbedürftige Geschlechter. Aber dafür, dass die Geschlechter angeblich gar nicht existieren, werden gerade Männer erstaunlich häufig als Monster dargestellt. Erst im September betitelte die Sternstunde Philosophie eine einstündige Sendung mit «Ist das Böse männlich?». Beantwortet wurde die Frage gleich in der Legende: «Das Böse auf der Welt {...} ist ein erwachsener Mann.». Den Zeitgeist, jungen Mädchen Mut für die Zukunft zu machen, halte ich für relevant, frage mich aber gleichzeitig, was ein kleiner Junge denken soll, wenn er eine solche Sendung sieht.

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Wie geht Liebe überhaupt?

Wie der Philosoph Alan de Botton sagt, bringen wir unseren Kindern kaum etwas über Liebe und Beziehungen bei. Wer Pech hat, dem fehlt in der Kindheit das Vorbild einer Partnerschaft und muss sich halt irgendwie durchs Liebesleben wurschteln. Eigentlich wurschteln sich alle irgendwie durch. Ich beispielsweise wuchs wie die meisten Kinder in meinem Umfeld weitgehend vaterlos auf, war umgeben von Hortleiterinnen, Lehrerinnen und alleinerziehenden Müttern, die zweifellos wunderbare Arbeit leisteten. Doch es gibt Dinge, die kann dir nur eine Vaterfigur beibringen. So wurde ich im festen Glauben erzogen, dass sich Männer und Frauen nur unwesentlich unterscheiden, und musste – in Beziehungsfragen – auf die harte Tour lernen, dass Frauen anders ticken, dass sie unterschiedliche Prioritäten und Wertvorstellungen haben, und dass vieles, was die Allgemeinheit lehrt, schlichtweg nicht zutrifft.

Verloren in der Friendzone

Erst neulich fragte mein Bruder eine 23-jährige Kollegin nach den Eigenschaften ihres Traummannes. Sie antwortete: «Treu, lieb, verständnis- und rücksichtsvoll.» Er gab sich skeptisch und vermutete, dass dies nicht die ganze Wahrheit sei, worauf sie amüsiert einräumte: «Ja, Stimmt. Wenn sie zu nett sind, werden wir böse.» Sherry Argov hat mit «Warum die nettesten Männer die schrecklichsten Frauen haben» einen Beststeller zu diesem Thema verfasst. Männer, die in ihren Partnerschaften keine klaren Grenzen setzen, enden oft als Fussabtreter. Gleichzeitig landen männliche Singles, die auf Initiative der Frau hoffen, häufig in der Friendzone, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Jemand hat diese Zone mal sehr treffend beschrieben: Das ist so, wie wenn eine Firma deine Bewerbung zurückweist, dich aber trotzdem jeden Tag anruft, um sich über den Kerl zu beschweren, den sie an deiner Stelle engagiert hat.

Warum eine schlechte Taktik wählen?

Später wird Guggenbühl sagen, dass die Gleichberechtigung in der Gesellschaft angekommen sei. Dass sich Frauen, weil sie sich fairer behandelt fühlten, wieder vermehrt in der femininen Rolle gefielen. Ich kann nachvollziehen, warum diese Aussage polarisiert. Doch ich interpretiere sie nicht als Jubel der Frauenwelt über gänzlich erreichte Ziele. Vielmehr ist es ein Zeichen, dass die Veränderungen geschätzt und auf ihre Fortsetzung vertraut wird. Ausserdem monieren böse Zungen, die Angleichung zwischen Mann und Frau habe nicht nur schöne Seiten hervorgebracht. Früher hätten Frauen kochen können wie ihre Mütter. Heute täten sie saufen wie die Väter. Das ist jetzt nicht ganz politisch korrekt, aber es ist auch ein wenig wahr.

Auch wenn es heutzutage mehr Frauen gibt, die auf Männer zugehen, so käme das der Mehrheit kaum in den Sinn. Na gut. Vielleicht im Gonzo. So zwischen zwei und halb drei. Tatsächlich sagen viele Frauen, dass Männer, die keinen Mut zum Ansprechen hätten, ihre Zeit nicht wert seien. Oder anders ausgedrückt: Wenn du 2016 als Mann in einer Bar stehst und dir eine Frau durch Lächeln oder Blickkontakt Interesse signalisiert, kann Mann nun ein kleines Bisschen mehr darauf hoffen, von ihr angesprochen zu werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Mann die Initiative zuerst ergreift, bleibt unverändert hoch. Das macht Abwarten zu einer wenig aussichtsreichen Taktik.

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