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Feminismus-Kolumne: Männer führen, Frauen coachen

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In der heutigen Kolumne fragt sich Laila Gutknecht, ob es in Jobinseraten wirklich eine «weibliche Sprache» braucht.
12. September 2020
Kolumnistin / Das da unten

Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, der in einer grossen Web-Agentur arbeitet, von folgendem Problem: das Unternehmen würde gerne mehr Frauen* einstellen, doch würden sich auf die Stelleninserate oftmals nur Männer* melden. Er habe aber eine Lösung gefunden, denn er wisse nun, dass dies an der Art und Weise läge, wie die Ausschreibungen formuliert seien. Ich verstand erstmals nicht, was er meinte. In vielen Stelleninseraten würden Wörter oder Formulierungen verwendet, von denen sich vorwiegend Männer* angesprochen fühlten, führte er aus. Ich war noch immer skeptisch. Dann erzählte er mir von einem Unternehmen, die sich genau diesem Problem angenommen hatte. Das Geschäftsmodell sei, Firmen zu helfen, ihre Stellenanzeigen so umzuformulieren, dass sich darauf mehr Frauen* bewerben würden.

Ich war ziemlich erstaunt: Ist Sprache wirklich so gegendert? Und wenn ja; welche Begriffe und Formulierungen werden als weiblich und welche als männlich aufgefasst? Und was mich am meisten umtrieb: wenn es wirklich solche Unterschiede gibt; ist es da sinnvoll, dieser Graben durch Wiederholung noch zu verstärken? Ich habe bei Nadia nachgefragt, die das besagte Unternehmen Witty Works mitbegründet hat.

Nadia und ihre Geschäftspartner*innen kommen alle aus dem Techbereich. Schon lange stört sie: es gibt zu wenig Frauen* – und ganz allgemein zu wenig Diversität in ihrer Branche: sei es nun das Geschlecht oder die sozialen oder ethnischen Hintergründe betreffend. Dagegen wollten sie etwas tun. Dabei stiessen sie auf Studien der Schweizer Verhaltensökonomin Iris Bohnet. Diese untersuchte, warum es so wenig Frauen* in Führungspositionen und in als typisch männlich angesehenen Branchen gibt. Immer wieder taucht dabei der Begriff «unconcious bias» auf – unbewusste Voreingenommenheiten, die wir mit uns herumtragen – sowohl als Arbeitgebende, als auch als Arbeitsuchende.

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualität und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.

An diesen «unconcious bias» knüpft Nadias Firma an. Sie klären Firmen auf, wie dieser aussehen kann und inwiefern Prozesse wie Rekrutierung, Beförderung oder Sitzungsverhalten davon beeinflusst werden. Ein Beispiel seien Stellenanzeigen. «70% der Stellenanzeigen sind so geschrieben, dass sie einladend sind für Männer*, aber abschreckend für Frauen*. Und im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) sind es sogar 92%», erklärt Nadia. Also entwickelt sie mit ihrer Firma ein Software-Tool, das die kritischen Stellen aufspürt und Alternativen aufzeigt. Ein Beispiel? «Unternehmen suchen nach unabhängigen, zielstrebigen Mitarbeitenden, die gut ein Team führen können. Diese drei jedoch Begriffe sind allesamt männlich konnotiert.»

Nadias Ansatz liegt aber kein Differenzfeminismus zu Grunde, der davon ausgehen würde, dass Frauen* und Männer* von Grund auf anders sind; Nadia ist überzeugt, dass die Unterschiede in der unterschiedlichen Sozialisierung von Frauen* und Männern* begründet liegen. Bereits im Sandkastenalter würden Buben kompetitiver erzogen; Mädchen würden eher auf Teamarbeit, Kooperation und ‘Sich-Kümmern’ sozialisiert. Sollen nun vermehrt Frauen* angesprochen werden, sollten Arbeitgebende in diesem Fall eher von Team Coaching und dem gemeinsamen Finden von Lösungen sprechen. «Der Job an sich bleibt derselbe», stellt Nadia klar.

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Es leuchtet mir zwar ein, allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass es sich dabei bloss um Symptombehandlung handelt. Ich finde, wir sollten stattdessen unsere Jungen* so aufwachsen lassen, dass sie Team- und Carearbeit als etwas Erstrebenswertes erfahren und den Mädchen* zeigen, dass Unabhängigkeit und Führungsqualitäten durchaus positive Eigenschaften sind. Das Beste aus beiden Welten sozusagen. Nun ist es aber immer einfach zu sagen: In einer perfekten Welt, in der alle Menschen gleichgestellt wären, bräuchten wir keine Sonderbehandlung. Schön wärs, wir bräuchten keine Quoten, keine Frauen*parkplätze und keine auf weibliche* Bedürfnisse getrimmte Sprache. Doch leider sind wir noch lange nicht da. Und solange es keine Gleichstellung in allen Bereichen gibt und wir alle mit unseren «unconcious bias» zu kämpfen haben, leisten solche Sensibilisierungsprojekte einen wichtigen Beitrag in die richtige Richtung.

«Unser Tool ist vielleicht ein bisschen extrem, weil es sagt: brauch die weiblich* konnotierte Sprache», sagt Nadia zum Schluss. «Das allgemeine Ziel ist jedoch, dass die Sprache neutraler wird und dass sie für alle stimmt!»

Für meinen Bekannten jedenfalls funktioniert es. Auf seine letzte Job-Ausschreibung haben sich 80% Frauen* gemeldet.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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