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Der Unsicherheit und Angst zum Trotz: Malen und Basteln in der Notunterkunft

Jeden Mittwoch malt Shima Sheikholeslami mit den Kindern der Notunterkunft in Adliswil. In diesen Stunden können die Kinder vergessen, dass sie hier eigentlich gar nicht erwünscht sind und jeden Moment weggebracht werden könnten.
15. April 2019

Es ist einer jener Nachmittage, an denen das Wetter sich nicht entscheiden kann, was es will. Es regnet, windet und schneit abwechselnd mit Sonnenschein. Die Kinder der Notunterkunft Adliswil gehen den überdachten Weg den Wohncontainern entlang um nicht dem eisigen Wind ausgesetzt zu sein. Doch egal ob es stürmt oder windet – dieser Hof ist selten lange leer, denn um zur Toilette zu gelangen, müssen die abgewiesenen Asylsuchenden die Container verlassen. In der Notunterkunft (NUK) in Adliswil teilen sich jeweils vier Personen einen Container. Dies entspricht einem Wohnraum von fünf Quadratmetern pro Person.

Wie viele Leute genau untergebracht sind, ist schwer zu sagen. ORS, das für die Asylsuchenden offiziell verantwortliche Betreuungs- und Integrationsunternehmen, gibt keine Zahlen heraus. Auch die freiwilligen Helfer*innen haben Mühe, den Überblick zu behalten. «Wöchentlich kommen Leute dazu oder verlassen das Camp wieder», sagt Shima Sheikholeslami, freiwillige Helferin beim Solinetz, einem Verein für Flüchtlinge. Die 33-Jährige kam vor drei Jahren in die Schweiz. Nun lebt die gebürtige Iranerin mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Zürich. Nebst der Uni, an der sie ihren Master in Entwicklungsmanagement macht, ist sie jeden Mittwoch in der NUK Adliswil anzutreffen. «Hier gebe ich den Kindern jede Woche eine Kunstlektion. Das macht mir richtig Freude», sagt sie. Kaum hat sie das Gelände betreten, rennen die Kinder zu ihr, tragen ihre Tasche mit dem Bastelmaterial die Treppen hoch und greifen nach ihren Händen.

Zwischen Rivalität und Gemeinschaft

Noch ist im Spielzimmer alles an seinem Ort, die Boxen sind übervoll mit gespendeten Playmobilmännchen, Plastik-Ponys und Spielzeugautos. Die Schränke mit Papier und Farbe sind mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Nur wenige Minuten dauert es, bis der Boden mit Spielzeug übersät ist und Kinder aus Eritrea, Serbien, Afghanistan oder Tibet miteinander spielen und basteln. Abwechslungsweise kommen sie zu Shima Sheikholeslami und bemalen bei ihr weisse Pappteller mit Aquarellfarbe. Bald sind Finger, Kleider und Tisch ebenfalls farbig. Die Stimmung im Zimmer ist wie das Wetter draussen, mal weinen die Kinder gleich dreistimmig, danach ist wieder ein Jauchzen zu hören und dann wieder: «Shima, Shima, Shima schau!»

Immer wieder kommen Erwachsene in den Raum und holen Kinder ab oder bringen andere herein. Es ist nicht einfach ersichtlich, wer für wen zuständig ist. Die Unterkunft funktioniere wie eine grosse Gemeinschaft. «Auch wenn die Verhältnisse sehr schlecht sind, haben die Bewohner*innen der Notunterkunft einen starken Zusammenhalt. Sie brauchen einander», so Sheikholeslami. Eine*r passe auf der*s anderen Kinder auf. Doch auch diese scheinbare Harmonie hat eine Kehrseite. Hilfe ist knapp bemessen, die Rivalität unter den Anwohner*innen ist gross. Egal ob es um von der Leitung verteilte Tagespässe geht oder um Ämtli, die einen Zusatzverdienst von vier Franken pro Stunde bringen: Nie hat es für alle genug. «Eine solche Situation führt zu grossen Spannungen unter den Bewohner*Innen und schürt die Konkurrenz», sagt Hanna Gerig, Geschäftsleiterin des Solinetz.

«Die Situation ist immer noch nicht tragbar.»

Das Bundesgericht hat Zwangsmassnahmen wie Eingrenzungen in einem regionalen Bereich und Administrativhaft bis zu 18 Monaten für rechtmässig befunden. Auch die Zustände in den Notunterkünften sind offiziell zulässig. Doch diese Gerichtsurteile haben die freiwilligen Helfer*innen in den Unterkünften nicht überzeugt: «Die Situation ist immer noch nicht tragbar», meint Hanna Gerig. Gemeinsam mit einer Gruppe unabhängiger Einzelpersonen initiierte sie die Kampagne «Unterkünfte ohne Not». Bis zum 20. März sammelten sie Unterschriften um zu erreichen, dass die Notunterkünfte geschlossen und die abgewiesenen Asylsuchenden in Gemeinden untergebracht werden. Es gehe in dieser Petition nicht darum, rechtliche Argumente zu erbringen, sondern zu erklären, dass die Situation die Grundrechte verletzt. Unter diesen versteht Gerig das Recht auf Privatsphäre, eine gesundheitliche Grundversorgung, Bewegungsfreiheit und das Recht des Kindes auf Entwicklung. Letzteres werde besonders missachtet, da die Kinder weder in den Wohncontainern noch ausserhalb ausreichend Platz zum Spielen hätten; zudem ist die Angst, abgeholt zu werden, allgegenwärtig. Das nahe Zusammenleben habe auch Folgen auf den gesundheitlichen Zustand vieler Kinder. «Einige sind den ganzen Winter über krank», so Gerig.

Freunde auf Zeit

Für die Kinder im Spielzimmer ist der Mittwochnachmittag eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. «Schau hier Shima, ich habe Dollar. Schau!» Ein Mädchen zeigt Sheikholeslami eine winziges Playmobilspielzeug, auf das eine Dollarnote gedruckt ist. Sie lächelt und zuckt mit den Schultern. Die Spielzeuge, die Bastelstunden und die Aufmerksamkeit von Sheikholeslami sind für die Kinder ein Stück unbeschwerte Kindheit in ihrem unsicheren Leben. Es ist schon einige Male passiert, dass ein Kind praktisch über Nacht weggebracht wurde – und in der nächsten Kunststunde ein Gesicht fehlte. «Das einzige was wir tun können, ist ihnen unsere Freundschaft anbieten, solange sie hier sind» so Sheikholeslami. Was die nächsten Tage in der Notunterkunft bringen, weiss keiner.

Bilder: Lydia Lippuner

Redaktorin

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