Mal easy eine Woche auf Plastikverpackungen verzichten? Denkste!

Das Abfall-Experiment
20. September 2015
Der Deal ist einfach erklärt: Eine Woche keinen Müll verursachen. Alles muss recycelbar sein, oder darf nicht gekauft werden. Wie einfach lässt sich das in unserer Stadt umsetzen? Unser Redakteur macht den Selbstversuch. Und du kannst ihn dabei begleiten. Je früher du einsteigst desto schwieriger.

Der Klimavertrag kommt zustande. Schön und gut, vielleicht gibt es ja doch noch ein Atömchen Hoffnung für unsere Umwelt. Aber was kann ich als Konsument machen, falls es unsere Politiker doch verbocken sollten, mit Gesetzen und finanziellen Anreizen die Klimaziele zu erreichen?

Zum Glück haben wir wenigstens einen Teil der Erwärmung in unserer Hand. Was wir konsumieren, das wird produziert. So lernt man das im kleinen 1 x 1 der Ökonomie.

Was also, wenn wir eine Woche auf Abfall verzichten? Vielleicht merkt ja dann die Lebensmittelindustrie, dass wir nicht auf ihre absurd verpackten Produkte stehen?

Oder ist das für ein Salätchen verhältnismässig? Darüber habe ich hier mal geschrieben.

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Also mache ich den Selbstversuch. Eine Woche keinen Abfall verursachen. Alles was ich kaufe, muss recycelbar verpackt sein, sonst lasse ich es im Regal. Wenn du diesen Versuch auch mittmachen willst, tritt dem Facebook-Anlass bei und du kannst dich mit den inzwischen knapp 50 Teilnehmenden austauschen und bekommst wichtige Tipps. Hier gehts zum Event.

Aber wie geht das überhaupt in der Schweiz? Das dokumentieren wir hier:

Tag 1: Wow – es funktioniert

Es ist ein bisschen wie in einer neuen Stadt zu leben. Den Takeaway-Kaffee in meinem Stammkaffee verursacht zu viel Müll. Also beschränke ich mich auf ein Gipfeli. «Ohne Tüte und ohne Serviete, bitte.» Ich werde schon leicht schräg angeschaut. Kaffee kann ich mir dann erst im Büro aus dem Automaten lassen. Ich merke aber gleich, irgendwer vor mir hat ja die Bohnen aufgefüllt und den Sack in den Müll geschmissen. Darf ich den Kaffee also trinken? Ich bespreche es auf Facebook mit den anderen Teilnehmenden. Ja, ist die Antwort, wir beschränken uns also beim Experiment auf direkten Müll. Sonst müssten wir ja eine Woche fasten, irgendwann war ja fast alles mal verpackt.




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Beim Mittagessen klappt es hervorragend. Vorausschauend habe ich mein Tuperware dabei, wo meine Suppe aus dem Limmatl-Lädeli reinkommt. Brot, Manderine und Wurst trage ich in der Hand. Geht ja ganz easy.

Das Nachtessen wird komplizierter. Pasta, die ganz ohne Plastik verpackt ist? Im Mirgros oder Coop Fehlanzeige. Im Bachsermärt an der Kalkbreite kann ich mir Pasta ohne Verpackung aus einem Abfüllautomaten rauslassen. Das wägen vergesse ich, sonst muss man ja meistens nur das Grünzeugs wägen. Der Zettel mit dem Preis für die Pasta bleibt das einzige Verpackungsteil, bei dem ich noch nicht weiss, wie und ob es sich recyceln lässt. Aber ich bin optimistisch für die bevorstehenden Tage. Es ist minim aufwändiger unverpackte Lebensmittel zu bekommen, aber am ersten Tag habe ich noch nichts vermisst.

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Wie geht es weiter? In der Gruppe bekommst du laufend neue Infos wie sich die Teilnehemenden gerade schlagen. Warum musste jemand musste schon am ersten Tag aufgeben? Wie ist das mit dem Rauchen? Darf man WC-Papier benutzen? Klicke auf «Interessiert», um am Ball zu bleiben oder auf «Zusagen», wenn du dich auch testen willst.

Tag 2: Das mühsame Selberkochen

Ich dachte, es werde sehr schwierig über Mittag beim Take-Away etwas Unverpacktes zu kriegen. Das ist aber nicht so. Auch im Thairestaurant wurde mein Töpfchen ohne ein Wimpern-Zucken gefüllt. Das geht ja easy. Einfach ein leeres Tupperware dabeihaben und die Sache läuft.

Das Selberkochen gestaltet sich da um ein Vielfaches schwieriger. Beim Frühstück zum Beispiel: Wo gibt es Butter oder Joghurt recycelbar verpackt? Wo kriege ich Zahnpasta, die nicht in Plastiktuben steckt? Im Supermarkt habe ich schon einen ganz anderen Blick drauf. Ich scanne den Laden nicht mehr nach attraktiven Verpackungen, sondern suche nach möglichst wenig glänzenden Produkten (in der Hoffnung, dass diese plastikfrei sind). Das ist im Supermarkt ein ziemlich ernüchterndes Unterfangen. Das Einkaufen geht sicher dreimal so lange wie sonst und ich bringe etwa halb so viele Produkte nach Hause wie gewöhnlich.

Tag 3 – Wie läuft das Experiment in Bern?

Heute berichtet Anita Béguelin wie sie die bisher drei abfallfreien Tage erlebt hat.

Eine Woche lang keinen Abfall verursachen: Das Experiment stellt mich vor einige Schwierigkeiten, die ich nicht erwartet hätte. Am ersten Tag war ich hoffnungslos überfordert: Ich musste erst einmal merken, wo ich eigentlich Müll verursache. Tag zwei startete ich ambitioniert. Gegen sechs Uhr abends war ich dann vor allem eins: hungrig. Eine Orange zum Zmorge und 150 Gramm heisse Maroni zum Zmittag, mehr konnte ich an einem stressigen Tag nicht auftreiben, ohne Plastikmüll zu verursachen.

Ich war froh, bei Feierabend endlich in den Laden stürmen zu können. Meine Stoffbeutel füllte ich mit Kartoffeln, Rüebli, Äpfeln und Birnen, die Etiketten dazu klebte ich einfach auf meine Hand. Die Kassierin hatte nichts dagegen einzuwenden. Zum Znacht gab es dann Reis aus der Kartonschachtel, Pelati aus der Dose und Rüebli aus dem Stoffbeutel.

Tag drei: Ich habe einen Plan. Zum Backen hatte ich zwar noch keine Zeit, und mein glutenfreies Brot ist nach wie vor in Plastik verpackt. Also gibt’s heute mal etwas anderes zum Zmorge: Porridge. Die Haferflocken habe ich aus Angst vor Motten schon vor längerer Zeit in ein Glas abgefüllt, die Milchflasche ist recycelbar. Ich bin erfolgreich abfalllos in den Tag gestartet.

Zum Zmittag gibt es die Resten vom Vorabend aus dem Tupperware, zum Dessert einen Apfel. So weit, so gut. Doch dann geht plötzlich alles schief. Vielleicht war ich schon etwas müde und deshalb unkonzentriert: Als sich mir gegen 16 Uhr an der Berner Neumarktgasse ein Mönch in den Weg stellt («Wir machen da ein wenig Promo»), entgeht mir das Offensichtliche. Der Mönch schenkt mir ein Buch, ich packe es in meinen Rucksack, warum auch nicht. Zehn Meter weiter wird mir plötzlich bewusst: Das Buch ist in eine Schutzfolie verpackt. Mist!

Keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, ich bin schon spät dran. Ich hetze zur Post, muss unbedingt noch zwei Briefe verschicken. Dummerweise habe ich zwar die Briefe bei mir, aber keine Couverts. Ich stehe vor dem Regal, bin hin- und hergerissen und muss schliesslich resignieren. Auf der Poststelle gibt es weder FSC-Couverts, noch Kartonverpackungen. Hätte ich mehr Zeit, könnte ich noch bei Coop oder in einer Papeterie vorbeischauen. So bleibt mir aber nichts anderes übrig, als die plastikverpackten blütenweissen Couverts zu kaufen.

Als sich später meine Hüetikinder bei mir erkundigen, was ich zu Abend kochen werde, will ich kurz aufgeben. Wo ich auch hinschaue, in der ganzen Küche sehe ich nur Plastikverpackungen. Und dann entdecke ich sie, zuhinterst auf dem Regalbrett: Die Kartonschachtel Reis. Die Kinder protestieren kurz, sie hätten schon mittags Reis gegessen. Na und? Ich auch.

Bananen anbraten, Vollrahm aus dem Tetrapak und Curry dazu, das plastikfreie Znacht ist gelungen. Die Kinder finden es lustig, dass sie nun zwei Mal am selben Tag Curryreis gegessen haben. Und auch, dass ich eine Rolle WC-Papier in meinem Rucksack mit mir herumtrage – damit ich meine Nase plastikfrei schnäuzen kann.

(Folge Anita Béguelin auf Facebook und Twitter)

Tag 4 – Offener KafeRahm im Restaurant? Nein

Stefanie Rohner berichtet:

Der Morgen geht fast problemlos und abfallarm über die Bühne. Beim Kiosk kaufe ich nicht meine üblichen Zigaretten, sondern jene, ohne Plastik ums Päckli. Der Kaffee im Büro stellt kein Problem dar: den mache ich mit dem Bialetti-Kocher, nicht mit Kapseln. Nur wenn ich neuen Kaffee hätte kaufen müssen, wär’s schwierig geworden, denn der Bio-Kaffee ist natürlich auch nicht recyclebar verpackt.

Zum Trinken habe ich eine Glasflasche von soulbottles, daher fällt PET seit über einem Jahr komplett weg – auch wenn sich dies recyclen liesse.

Am Mittag habe ich in einer Pizzeria gegessen, sprich, ich weiss nicht wirklich, wie viel Abfall ich dadurch verursacht habe. Doch beim Kaffee nach dem Essen ist es dann passiert: das Rähmli kam natürlich im Plastik daher. Als ich frage, ob sie diesen auch offen hätte, verneinte sie. Das Feierabendbier hingegen kam im Glas und aus dem Zapfhahn.

Am Abend entscheide ich mich für Kartoffeln, da man diese auch offen kaufen kann. Auf das Plastiksäckli verzichte ich, aber die Etikette fällt trotzdem an. Genauso wie beim Wirz und bei den Rüebli. Dazu kaufe ich etwas Rahm im Tetrapack und Creme fraiche. An der Kasse merke ich, dass die Creme fraiche natürlich im Plastik ist.

Fazit: Ich habe wohl bewusst weniger Plastik oder nicht recyclebare Dinge gekauft, dennoch kommt man an Plastik schier nicht vorbei. In der Ostschweiz gibt es selten Läden mit vielen offenen Waren. Zeit, sich alles bewusst zu machen und nach Alternativen zu suchen. Denn ganz abfallfrei ging es dann doch nicht.

Tag 5 – Wer monopoli spielt verursacht sicher 2 Stunden lang keinen Müll

Serafine Iseli von den Jungen Grünen Bern erzählt:

Heute morgen für die Weihnachtsferien nach Bern zurückgekehrt. Ohne festen Wohnsitz, wo ich mein Essen oder Picknick zubereiten kann. Ich war gespannt, wie ich das Experiment hier weiterziehen kann, nachdem es in Lausanne relativ gut gelang. Dank einem «Panier de légumes» können wir jede Woche unverpacktes Gemüse in einem Depot abholen und die Plastikentsorgungsstelle liegt nur einen Steinwurf unserer WG entfernt, was das Experiment sicherlich einfacher machte, als für andere TeilnehmerInnen.

Heute Morgen wurde ich dann glücklicherweise spontan von meinem Vater zum Brunch eingeladen, der sich in einem Monopolyspiel bis am Nachmittag verlief. So hab ich heute zahlreiche Häuser und Hotels, Elektrizitätswerke und Verkehrsverbände gekauft ganz ohne Abfall zu produzieren (übrigens Hochhaus gewonnen und zwei meiner kleinen Schwestern zum Weinen gebracht, was mir allerdings nur bedingt leid tat, da ich es durchaus als meine grossschwesterliche Pflicht sehe, Kapitalismuskritik bereits in Kindesjahren zu etablieren). Das Brettspiel hat meine Schwester übrigens auf einer Sitzbank zum Mitnehmen gefunden. Ein schönes Beispiel, wie Weitergeben statt wegwerfen jemandem eine grosse Freude machen kann.

Beim Nachmittagstee in einer Berner Beiz klappte es dann mit dem Vorsatz nicht mehr so gut. Ich hab nicht bedacht, dass ich das Getränk ohne das Schöggeli in der Aluverpackung und die Serviette, damit man das heisse Glas halten kann, zu bestellen. Das Schöggeli wollte ich am Ende zurückgeben. Als es dann allerdings zu schmelzen drohte, wusste ich, dass ich mehr Abfall verursachen würde, wenn ich es nicht essen würde, so dass ich es dann trotzdem gerne ass. Und als meine Freundin wildfuchtelnd eine Geschichte zum Besten gab und dabei ihr Wasserglas umstiess, griff ich reflexartig zur Serviette, die mit ziemlicher Sicherheit eh im Abfall gelandet wäre und so wurde immerhin zweimal benutzt wurde.

Was ich aus heute gelernt habe? Wenn es schon an einem relativ konsumfreien Ferientag wie diesem schwierig ist, jeglichen Abfall zu vermeiden, so ist es im Alltag noch viel schwieriger und es braucht noch viel Effort von allen Seiten, um den Abfall in der Produktionskette zu reduzieren.

(Folge Serafine Iseli auf Facebook)

Tag 6: Ich sehne mich nach ignoranter Normalität

Es gesteht Daniel Frei, Kommunikationsberater:


Sonntag und ich sehne mich nach ignoranter Normalität. Ignoranter Normalität im Sinne Abfall produzieren zu dürfen und müssen ohne zu dokumentieren, zu reflechieren, ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Zu wissen, ich verhalte mich normal und wir ändern auch nichts daran. Heute kleine Einladung zum Brunch. Das Resultat hier sichtbar.

Fazit: Ich produziere Abfall, also bin ich.

(Die erfolgreicheren Tage von Daniel Frei findest du auf seinem Blog  dokumentiert)

 

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