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Luis Muheim im herbstlichen Garten in Altstetten. Alle Fotos: Lara Blatter

Luis Muheim: Kastanien-Freund, Dendrologe und Tsüri-Member

In Luis Muheims Leben dreht sich vieles um Bäume. So scheint es eine logische Schlussfolgerung, dass er zusammen mit Freund*innen ein Waldstück besitzt. Als Umweltwissenschaftler relativiert er die Folgen des Klimawandels für die Natur und verrät im Gespräch, was ihm hingegen Kopfschmerzen bereitet.
25. Oktober 2020
Redaktorin

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Gut eingepackt in zwei faserpelzähnliche Jacken sitzt Luis Muheim in seinem Garten mitten in Altstetten. Die Abendsonne tunkt den Garten in orange Töne und die ganze Kulisse wirkt noch herbstlicher, als sie sonst schon ist. Zu seiner linken ein grosser Salbeibusch – «echter Salbei» sei dies. Im Hintergrund ranken sich Reben am Haus empor, die Trauben sind bereits alle geerntet: «Viele Trauben haben wir verschenkt, eingemacht oder zu Konfitüre verarbeitet.»

Von links nach rechts: Der echte Luis und der echte Salbei.

Erst seit wenigen Monaten ist Luis Tsüri-Member. Hat so auch noch nichts zu klagen, bis jetzt sei er zufrieden. Seine Membership hat er Civic Media Praktikant Emilio Masullo zu verdanken. Die beiden wuchsen zusammen in Luzern auf.

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Job und Freizeit – alles dreht sich um Bäume

Seine Anker seien momentan in Zürich gesetzt, aber für immer werde er nicht in der Stadt leben. Eine kleinere Stadt in der Nähe der Bergen wäre geeigneter für ihn. Nach Zürich verschlug es den 28-Jährigen wegen dem Studium. Er studierte an der ETH Umweltnaturwissenschaften und arbeitet nun dort an der Professur für Waldökologie als Lehrassistent und auf einem Projekt.

Im Garten der Eltern oder in der Jungwacht, schon als Kind war Luis viel in der Natur unterwegs. Das wissenschaftliche und biologische Interesse kam aber erst später. «Ich startete mein Umwelt-Studium mit dem Hintergedanken, dass ich die Vertiefung Politik nehmen werde.» Aber dann kam das Fach Dendrologie, Baumkunde, und es packte ihn: «Der Dozent war super, es machte huere Spass. So leitete sich das in die Wege.»

Seine Masterarbeit schrieb er über seinen Lieblingsbaum, die Edelkastanie. Gezwungenermassen mag er jetzt alle Kastanienprodukte, auch Vermicelles, gibt er mit einem Lächeln zu. «Und jetzt besitze ich sogar einen Wald.» Auf welchem die Kastanie mit ziemlicher Sicherheit einen Platz bekommen wird.

Theoretiker kaufen sich einen Wald

Zusammen mit zehn ehemaligen Studienkollegen hat sich Luis ein vier Hektar grosses Stück Wald in Weiach, nahe der deutschen Grenze, ergattert. «Wir sind alles ETHlers, also Theoretiker. Uns fehlt die Erfahrung zum praktischen Umgang mit dem Wald», sagt Luis. Im Wald wird aber nicht nur geübt: «Wir wollen ausprobieren, rumexperimentieren. Zum Beispiel Baumarten pflanzen, die es auf der Alpennordseite sonst nicht gibt. Oder spezielle Anbautechniken ausprobieren; ein Stück besäen, eines bepflanzen und eines sich überlassen – solche Dinge.» Luis Wortwahl ist sehr überlegt, aber die Euphorie und die Leidenschaft zur Natur wirkt ansteckend.

Kühlendes Grün, heisses Klima

Vielen Menschen sei die Tatsache, dass Bäume Städte im Sommer kühlen, nicht bewusst. «Wenn es heiss ist, geht man automatisch in den Schatten, in Parks oder in den Wald. Im Vergleich zum heissen Asphalt können das Unterschiede von bis zu 10 Grad sein», sagt er.

Dass Städte sich vermehrt zu Hitzeinseln entwickeln, kommt nicht von ungefähr. «Im Wald sieht man viele Spuren vom Klimawandel. In den letzten Jahren sind viele Bäume, vor allem Fichten und Buchen, aufgrund Trockenheit abgestorben.» Als Umweltwissenschaftler sieht er für die Natur aber nicht rot, wenn dann für den Menschen.

Fichten gehörten in den Norden und in die Alpen. Im Mittelland seien sie nicht heimisch und zu forstlichen Zwecken angepflanzt worden. «Wenn Fichten also sterben, ist das nicht so schlimm. Dem Wald tut das nicht weh. Zudem wächst da, wo Pflanzen eingehen, immer etwas Neues. Die Natur erhält sich, die Vegetation ändert sich einfach. Aus dieser Perspektive macht mir die Erhitzung keine Kopfschmerzen», so Luis.Was ihm aber Kopfschmerzen bereitet, sei der Mensch: «Durch den Klimawandel gehen Lebensräume von vielen Leuten kaputt, diese brauchen ein neues Zuhause.» Auf Konfrontation scheint er nicht aus. Luis entschärft sogleich seine Aussagen wieder: «Da kommt natürlich die Frage auf, gehören wir Menschen nicht auch zur Natur?» Die Frage bleibt unbeantwortet. Luis fährt weiter: «Mich nervt es, dass es vielen Leuten egal ist. Die Erhitzung verursacht ein Problem für uns alle, gewisse Menschen nehmen sich einfach aus der Verantwortung.»

Eine kleine Oase in Altstetten

Täglich fährt er mit dem Velo von Altstetten an die ETH und zurück. Die Frage, ob er der Velorouten-Initiative im September seine Stimme gegeben hat, erübrigt sich: «Ich könnte zehn Stellen aufzählen, wo sich etwas ändern muss.»

Hier fehlt nur noch eine Tsüri-Flagge...

Den Garten pflegt Luis zusammen mit seinen fünf Mitbewohner*innen. Beim Rundgang ums Haus zeigt er stolz seine Austernseitlinge, die aus einem Baumstumpf spriessen. Diese Art von Zucht nenne sich Beimpfen. Wie Blumen in einem Topf wird der Pilz an einem Baum gesät, eben eingeimpft.

Der eingeimpfte Baum.

Auf einem anderen Flecken im Garten fällt ein Kohlrabi auf. Es guckt aus einem Beet hervor, bereit geerntet zu werden. Der Garten ist dank zahlreichen Bäumen eher schattig, nicht alle Pflanzen mögen diesen Schatten. «Es kommt nicht so viel, wie ich gerne hätte. Wir könnten eigentlich diesen Baum umtun», sagt Luis und zeigt auf einen, der mehr nach Gestrüpp aussieht.

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