💌 «Züri Briefing» 💌

Barfüsser, Zürich, 1968 | Bild: Liva Tresch

«Es gab keinen Platz für uns, es durfte uns nicht geben»

Bald stimmen wir über die Ehe für alle ab. Ein Gespräch mit Fotografin Livia Tresch, die bekannt ist für ihre Aufnahmen aus den 1960er- und 1970er-Jahren in queeren Clubs in Zürich – und ein Interview mit Corinne Rufli, welche die Geschichte homosexueller Frauen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts erforscht.
12. September 2021

Von Klaus Petrus

Als Liva Tresch zum ersten Mal mit einer Frau eine Nacht verbrachte – sie bloss dann und wann berührte, mit den Augen streichelte, mehr war da nicht –, fühlte sie sich anderntags schmutzig und verraten. Was für ein Schafseckel der liebe Gott doch sei, habe sie gedacht, jetzt hat auch er mich hintergangen. «Ich war immer schon der Aussatz, das letzte von allem, unehelich, dumm, und nun auch das noch: schwul.» Das war 1955, Liva Tresch war 22 und so richtig wusste sie nicht, was das ist: schwul. Von anderen hörte sie bloss, die seien ein «gruusiges Saupack», abartig und krank.

Liva Tresch‘ Bild von Sexualität war stark von ihrer Kindheit geprägt, die keine beschwingte war. Geboren in einem Fürsorgeheim in Hergiswil musste sie schon früh nach Flüelen zu einer Pflegefamilie. Mit sechs Jahren kehrte sie zu ihrer Mutter nach Gurtnellen im Kanton Uri zurück. Dort wurde sie eingeschult, sie musste viel zum Herrgott beten und sollte ordentlich erzogen werden. Nach aussen wurde der Schein gewahrt – Liva trug weisse Röckchen und eine Schleife im Haar –, daheim aber teilte die Mutter, hoffnungslos überfordert, Schläge aus.

Als ihre Mutter sie einmal fast bewusstlos schlug, kehrte Liva Tresch zur Pflegefamilie zurück, den Portmanns. Der Pflegevater war ein Grobian, er soff, machte anderen Frauen den Hof und versprach der kleinen Liva 50 Rappen, wenn sie ihm zwischen die Beine fasste. Liva Tresch bewunderte die Pflegemutter, wie sie ihr Leben meisterte neben diesem Mann, der seine Finger nie bei sich lassen konnte. Und sie mochte es, wenn ihr Frau Portmann mit ihren weichen, warmen Händen das Kleid am Rücken zuknöpfte.

Ansonsten waren Berührungen rar. Bei Zärtlichkeiten dachte sie stets an eine Mutter, die sie so nicht hatte, liebevoll und nachsichtig. Und so wurde der Körper einer Frau für Liva Tresch zu ihrer Heimat.

Liva Tresch (31), Bild: zvg. Tresch: «Eigentlich wäre ich lieber ein Bub gewesen. Die mussten sich vor nichts fürchten. Ich war schon als Kind kräftig, ich konnte gut handwerken. Und prügelte mich nur mit Jungs, den Mädchen habe ich den Schulsack getragen. Röcke habe ich gehasst, meistens hatte ich Hosen an, auch später noch: Manchesterhose, Pullover, Heilandsandalen, selbstgestrickte Wollsocken. Vielleicht munkelte man deshalb, ich sei eine Lesbe.»

Zürcher Queer-Szene in den 1950er- und 60er-Jahren

Mit dreissig fand Liva Tresch in Zürich eine Stelle in einem Fotogeschäft, sie verbrachte nebenher viel Zeit in Schwulenbars und wurde schon bald zur Szenefotografin. Als eine der wenigen dokumentierte sie das Zürcher Milieu der Homosexuellen in den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie fühlte sich wohl dort, sie gehörte dazu, tanzte, feierte Partys. «Der Blaue Himmel, die Älpli Bar, das Musique, der Barfüsser und wie sie alle hiessen: Diese Bars waren der einzige Ort, wo man sich zeigen konnte, wie man wirklich war. Man kann sich das heute vielleicht nicht mehr vorstellen: Aber damals kamen Homosexuelle ausserhalb der Szene in der Gesellschaft gar nicht vor. Es gab keinen Platz für uns, es durfte uns nicht geben. Wir waren unsichtbar», so Tresch.

Die Szene wurde zu ihrer Ersatzfamilie. Mit einer Frau ins Bett mochte Liva Tresch zu jener Zeit nicht. «Jede machte mit jeder rum, das stiess mich ab.» Vielleicht ist das halt so, mutmasst Liva Tresch im nachhinein: «Wenn du immer ausgegrenzt wirst und dir alle einreden, wie gruusig du bist, verlierst du am Ende den Respekt vor dir selbst.»

1968 eröffnete Liva Tresch zusammen mit Katrin in Zürich ein Fotogeschäft mit eigenem Labor. Sie hatte die Frau einige Jahre davor kennen- und lieben gelernt. Die Beziehung hielt 20 Jahre, dann verliess Katrin sie wegen einer anderen Frau. Sex wollte sie all die Jahre keinen, und Liva akzeptierte das, aus Respekt und aus Liebe.

Die Jahre nach ihrer Trennung waren schwierig, heute aber haben sich die Frauen versöhnt. Als Katrin wegging, richtete sich Liva Tresch in ihrer Wohnung ein Fotostudio ein und arbeitete weiter – bis sie 1997 im Alter von 64 an einer Thrombose auf dem rechten Auge erkrankte und fast erblindete. Sie musste die Fotografie und damit auch das Geschäft aufgeben, sie verlor aufs Mal ihr Einkommen und den Mut. «Damals war ich noch einmal so richtig tief unten.»

Barfüsser, Zürich, 1966, Bild: Liva Tresch. «So herzige junge Männer waren das, immer schick angezogen, gepflegt und höflich. Die haben dich nicht belästigt mit dummen Sprüchen oder angemacht wie die anderen Männer, die schauten dir in die Augen, mit ihnen konnte man normal reden. Sie weckten eine Sehnsucht in mir, mit Sex hatte das überhaupt nichts zu tun, es ging um Zärtlichkeit und Respekt. Mit der Zeit wurden sie ‹meine Buben›, ich habe ihnen zugehört und sie getröstet, wenn sie Liebeskummer hatten. Was oft vorkam.»

Fast ein ganzes Leben habe sie gebraucht, um zu sich selbst zu finden, sagt Liva Tresch heute. Um zu erkennen: Wer sich verleugnet, zerbricht daran. Vielen Homosexuellen sei das so ergangen, sie hätten sich mehr vor sich selbst versteckt als vor der Gesellschaft. «Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann sie mir bloss so machen, wie ich sie mir wünsche: liebend, verzeihend, respektvoll.» Sie sei, inzwischen 88 Jahre alt, so glücklich wie nie zuvor, trotz all der körperlichen Beschwerden. «Dass ich wegen der Schmerzen kaum noch Schlaf finde, hat auch sein Gutes: So verbringe ich meine Nächte mit brösmelen, mit philosophieren über Gott und die Welt.»

Trotz der schlimmen Erlebnisse seit ihrer Kindheit hat Liva Tresch den Glauben nie verloren. «Ich habe mir, in dieser verlogenen Welt, schon früh meinen eigenen Herrgott erschaffen, einer, der mich nimmt wie ich bin und der mich umsorgt.» Angst vor dem Tod hat Liva Tresch keine. Ihren Körper hat sie dem Anatomischen Institut in Zürich vermacht, ihre Seele, davon ist Liva Tresch fest überzeugt, wird weiterleben. «Wie genau, das weiss ich nicht, ich vertraue auf Gott, und das reicht mir.»

Liva Tresch (88), Bild: Klaus Petrus

Manchmal frage sie sich, was sie in ihrem Leben geleistet und was sie noch zu bieten habe. «Meine Liebe», ist ihre Antwort. «Ich kann dem Anderen meine Liebe geben, ich kann ihm offen begegnen, achtsam und mit Respekt.» Liva Tresch hält hohe Stücke auf ein authentisches Leben, eines, das auf Selbstachtung baut und darauf, nur das zu tun, was im Einklang steht mit den eigenen Überzeugungen und Gefühlen.

Und so wird Liva Tresch in diesen Tagen an ihrem Haus eine Regenbogenfahne anbringen. «Dass wir überhaupt über eine Ehe für alle abstimmen müssen, ist unfassbar. Aber wichtig.»


«Ehen und Familien sind keine heiligen Orte, und sie waren es auch nie»

Corinne Rufli, 41, ist Doktorandin am IZFG der Universität Bern und forscht zur Lesbengeschichte der Schweiz mit Fokus auf den Zeitraum 1945–1974. Ein Gespräch über die Stigmatisierung von Homosexuellen, Lebensmöglichkeiten für lesbische Frauen vor den 1970er-Jahren und die aktuelle Debatte über die «Ehe für alle».

Klaus Petrus: Noch bis vor wenigen Jahrzehnten mussten sich homosexuelle Frauen und Männer hierzulande verstecken, sie wurden geächtet und ausgegrenzt, weshalb sie in unserer Gesellschaft unsichtbar waren. Trifft diese Einschätzung zu?

Corinne Rufli: Für einige gilt das noch heute. Und ja, viele Homosexuelle haben alles dafür getan, dass niemand davon erfuhr, weil sie Angst vor den Konsequenzen hatten, und das mit gutem Grund. Es drohte ihnen der Ausschluss aus der Familie, Job- oder Wohnungsverlust oder gesellschaftliche Stigmatisierung. Bis in die 1980er-Jahre war das Bild der idealen bürgerlichen Familie mit ihren klaren Geschlechterrollen sehr mächtig. Allerdings gab es immer schon Homosexuelle, die sich ganz gut arrangieren konnten in dieser heteronormativen Gesellschaft, sie schufen sich eine lebbare Welt. Was aber nicht selten mit ihrem Stand oder der sozialen Klasse zu tun hatte.

Wie meinen Sie das?

Ende des 19. Jahrhunderts gab es viele Frauenpaare, oft Akademikerinnen, die aus privilegierten bürgerlichen Verhältnissen stammten. Sie wollten einen Beruf ausüben, und eine Ehe hätte das verhindert. Oder sie konnten sich ein Leben ohne einen Ehemann leisten. Lange war das Leben als Lesbe oder als Schwuler jedoch mit Schweigen gekoppelt. Solange nicht darüber geredet wird, muss auch nicht geurteilt werden.

Wie kam es zur Stigmatisierung von Homosexuellen?

Mit dem Aufkommen der Sexualwissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Homosexualität und später die Heterosexualität erfunden. Vorher dachten die Menschen nicht in solchen Kategorien. Es war eine Zeit, in der Pflanzen in Gattungen eingeteilt wurden und Menschen in Rassen. Mit diesen Kategorisierungen nahm auch die Pathologisierung und Kriminalisierung von Homosexuellen ihren Lauf. Damit entstanden enge und krude Vorstellungen davon, was Homosexuelle sind. Dabei sind Sexualität und Begehren nichts Starres, wir können sie nicht einfach in Schubladen stecken.

In den 1970er-Jahren haben sich die Homosexuellen allmählich politisch organisiert und «Lesbe» wurde zu einem Kampfbegriff.

Erste Zusammenschlüsse von frauenliebenden Frauen gab es bereits zu Beginn der 1930er-Jahre, so auch in Zürich. Auch der Begriff «Lesbe» war schon bekannt, obschon Ausdrücke wie «Freundin» oder «Artgenossin» geläufiger waren. Bereits damals versuchten Frauen, organisiert im «Damenclub Amicitia», gemeinsam mit Männern auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, eine Öffentlichkeit zu schaffen und in der Gesellschaft für Toleranz zu werben. Diese Frauengruppe war allerdings klein, und sie überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht. Viel wissen wir noch nicht darüber, darum forsche ich dazu. In den 1970er-Jahren entstanden dann politische Bewegungen, die viel dazu beitrugen, dass Schwule und Lesben eine Stimme bekamen und in unserer Gesellschaft sichtbarer wurden. Gerade Lesben waren stets an vorderster Front dabei in der feministischen Frauenbewegung.

Wurden sie durch ihre Sichtbarkeit auch angreifbarer?

Ja. Bis heute gilt: Wer sich der heteronormativen Rollenzuteilung verweigert, muss mit Diskriminierung oder Gewalt rechnen. Maskuline Lesben werden angepöbelt, den femininen wird ihr Lesbischsein abgesprochen, gleichgeschlechtliche Paare, die mit ihren Partner*innen Hand in Hand spazieren, laufen Gefahr, verprügelt zu werden, wie kürzlich in Zürich geschehen.

Waren die meisten Homosexuellen in den 1970er-Jahren politisch aktiv?

Nein, nur eine Minderheit. Viele wollten gar nicht auf die Strasse und protestieren, für sie hatte das Lesbisch- oder Schwulsein nichts mit Politik zu tun. Sie empfanden sich nicht als Teil der neuen politischen Bewegung. Andere fühlten sich auf einer persönlichen Ebene nicht diskriminiert. Sie konnten ihre Beziehung zu einer anderen Frau offen ausleben, ihre Familien wussten Bescheid. Die sichtbaren, feministischen Lesben prägten so das Bild der «Lesbe», das mitnichten auf alle zutraf. So lehnten und lehnen bis heute viele frauenliebende Frauen den Begriff «Lesbe» als Selbstbezeichnung ab.

Gerade das Patriarchat hat viele lesbische Frauen an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wo sie sozial und rechtlich kaum geschützt waren.
Corinne Rufli

Wie unterschieden sich lesbische und schwule Biografien?

Die Frauen wurden nicht bloss diskriminiert, weil sie lesbisch waren, sondern vor allem, weil sie Frauen waren. Und als Frauen mussten sie bis weit in die 1970er-Jahre sehr rigiden Bildern entsprechen: Sie sollten gute Ehefrauen und Mütter sein. Frauen, die davon abwichen, galten als triebhaft oder frigide. Weibliche Formen des Begehrens existierten nicht, es wurde nicht darüber geredet. Hinzu kam die Abhängigkeit: Frauen hatten weniger Bildungschancen und kaum genug Lohn für einen eigenen Haushalt. Es hiess immer: «Die heiratet ja sowieso.» Deshalb gab es unter Lehrerinnen so viele lesbische Frauen. Sie durften lange Zeit von Berufes wegen nicht verheiratet sein, sie waren gesellschaftlich anerkannt und verdienten genug Geld zum Leben.

Welche Lebensmöglichkeiten gab es für lesbische Frauen vor den 1970er-Jahren?

Unter dem Deckmantel des Patriarchats war einiges möglich. Gerade weil Frauenliebe in dieser Männergesellschaft nicht denkbar war, eröffnete dies Handlungsräume. Das Frauenpaar wurde in den Augen der anderen zu besten Freundinnen oder Schwestern. Sie durften Zärtlichkeiten austauschen, weil das unter Frauen üblich war. Das Verliebtsein in eine Frau wurde als Gefühlsduselei abgetan. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: Gerade das Patriarchat hat viele lesbische Frauen an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wo sie sozial und rechtlich kaum geschützt waren.

Zum Beispiel?

Lebenspartnerinnen konnten sich finanziell nicht absichern, das hat ganze Existenzen zerstört. Verheiratete Frauen, die sich scheiden lassen wollten, nachdem sie sich in eine Frau verliebt hatten, verloren teilweise das Sorgerecht für ihre Kinder; oder die Angst, ihre Kinder zu verlieren, liess sie in unglücklichen oder gewaltvollen Ehen verharren. Weil es fast keine Vorbilder gab, war es für viele Frauen enorm schwierig, einen eigenen Weg zu finden.

Wie war das mit homosexuellen Männern?

Männer waren selbstbewusster, sie wurden – und werden – in ihrer Sozialisierung schon früh danach gefragt, wie sie leben möchten. Wegen ihrer sozialen Rolle waren sie aktiver als Frauen, sie verdienten mehr und waren unabhängiger. Das hatte auch praktische Auswirkungen. Viele Homosexuelle trafen sich in den 1950er- und 1960er-Jahren in Bars. Dort gab es immer mehr Männer als Frauen, denn sie konnten sich das leisten. Auch war es für Männer kein Problem, sich abends allein auf der Strasse zu bewegen. Waren Frauen noch so spät unterwegs, galten sie als anrüchig – oder als Prostituierte.

Wie hat sich die Situation der Homosexuellen in der Schweiz verändert?

Auf der rechtlichen Ebene gab es viele Fortschritte. Begonnen hat es mit der Strafrechtsrevision 1942, durch die gleichgeschlechtliche Handlungen nicht mehr kriminalisiert wurden. Doch Staat und Sittenpolizei fanden auch so Wege, Schwule und Lesben zu bestrafen. Sie führten Homo-Register, die teils gegen das Gesetz verstiessen. Oder sie verwiesen auf Paragraphen wie «Erregung öffentlichen Ärgernisses» oder «Kuppelei», um Schwule und Lesben einzuschüchtern und Treffen unter Homosexuellen zu verhindern. Hierzu ist noch viel Forschung nötig. Ein langer Kampf führte 2007 endlich zur Einführung des Partnerschaftsgesetzes. Was ein sehr wichtiger Schritt war, aber auch eine Kompromisslösung – das Schweizer Stimmvolk hätte damals wohl Nein gesagt zur «Ehe für alle». Und letztes Jahr wurde der Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm zugestimmt, homophobe Äusserungen und Handlungen sind nun ebenfalls gesetzlich verboten.

Gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder sind gesetzlich weniger gut abgesichert, obwohl die Bundesverfassung das Recht auf Ehe und Familie garantiert.
Corinne Rufli

Und wie steht es um die gesellschaftliche Akzeptanz?

Viele junge Menschen haben nach wie vor Angst, sich bei den Eltern zu outen, andere dürfen am Arbeitsplatz nichts sagen. Oder ältere, pflegebedürftige Personen befürchten, dass sie in Alters- und Pflegeheimen schutzlos der Homophobie ausgesetzt sind. Doch es hat sich auch einiges getan. Durch die vielen schwulen, lesbischen und queeren Organisationen stehen Netzwerke und Informationen zu Verfügung. Es gibt vermehrt Personen in der Öffentlichkeit, die lesbisch, schwul, queer oder trans sind, ohne dass es deswegen viel Wirbel gibt. Sie sind wichtig als Vorbilder. Doch wir müssen uns immer wieder die Frage stellen: Wer wird in unserer Gesellschaft sichtbar? Es ist wohl kein Zufall, dass eher lesbische Frauen wahrgenommen werden, die einem weiblichen Idealbild entsprechen. Oder der Schwiegersohn-Schwule. Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie wird produziert durch Staat, Medien und Mainstream und verdeckt den Blick auf diejenigen, die nicht dem akzeptierten Bild entsprechen.

Bilder in unserem Kopf spielen auch bei der aktuellen Debatte über die «Ehe für alle» eine grosse Rolle.

In dieser Diskussion zeichnen die Gegner:innen ein Bild der Familie, das durch die «Ehe für alle» angeblich bedroht wird. Ehen und Familien sind keine heiligen Orte, und sie waren es auch nie. In der Ehe werden Frauen auch vergewaltigt oder getötet. Die Kampagne der Gegner:innen arbeitet mit groben Unwahrheiten, es wird wegen des Zugangs zur Samenspende in höchst erniedrigender Form Stimmung gegen lesbische Frauen gemacht. Als Gesellschaft müssen wir uns gegen solche Angriffe wehren.

Wieso ist diese Abstimmung in Ihren Augen wichtig?

Gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder sind in der Schweiz gesetzlich weniger gut abgesichert, obwohl die Bundesverfassung das Recht auf Ehe und Familie garantiert und jegliche Diskriminierung aufgrund der Lebensform verbietet. Mit der «Ehe für alle» wird diese Diskriminierung endlich beseitigt. Dass die «Ehe für alle» Frauenpaare den Zugang zu Samenbanken in der Schweiz ermöglicht und damit auch originäre Elternschaft beider Mütter, ist ein grosser Fortschritt. Bisher war die Situation für Regenbogenfamilien unerträglich. Nur ein Elternteil war anerkannt, die Stiefkindadoption, die es erst seit drei Jahren gibt, ist ein mühsamer und teurer Spiessrutenlauf. Das alles zeigt: Es braucht viel mehr Aufklärung und viel mehr Vorbilder. Wir müssen weiterkämpfen für eine vielfältige Welt, die Platz hat für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe.

Bild: Sandra Ardizzone

Corinne Rufli
Corinne Rufli, 41, ist Doktorandin am IZFG der Universität Bern und forscht zur Lesbengeschichte der Schweiz mit Fokus auf den Zeitraum 1945–1974. Sie ist u.a. Autorin von «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen» (Verlag Hier und Jetzt, 2015, 4. Auflage). Frauen über 75, die aus ihrem Leben erzählen möchten, können sich bei Corinne Rufli melden. Sie interessiert sich für alle Geschichten, ganz gleich, ob das Begehren für Frauen gelebt werden konnte oder nicht, ob es nur eine kurze Episode war oder eine lebenslange Beziehung: corinne.rufli@gmail.com.

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