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Liebe Theater, Museen, Konzerthallen: Schafft die Eintrittsgelder ab!

Das sagen die Institutionen
12. Februar 2015
Chefredaktor
Kunst und Kultur werden gemeinhin als etwas Gutes und Wünschenswertes angesehen. Wer hin und wieder ins Museum, ins Theater oder ins Konzert geht, gilt als kultiviert. Wer Zuhause Trash-TV schaut, gilt folglich als unkultiviert und ungebildet.
Gründe, warum Kunst und Kultur trotzdem nur eine Minderheit der Bevölkerung erreicht, gibt es viele. Das ist teilweise gewollt. Gewollt ist sicher auch die Eintrittshürde: Wer in ein Kultur- oder Kunsthaus will, muss dafür bezahlen. Soweit so gut. Aber, wenn man bedenkt, dass jeder und jede mit seinen Steuern diese Kunst überhaupt ermöglicht, stellt sich unweigerlich eine Frage: Warum zum Teufel werden Menschen an der Kasse ausgegrenzt?
Oder geht es darum, dass die Kunst eine Ausgrenzung bestimmter sozialer Gruppen verlangt? Jemand (Haselbach) hat mal gesagt:
«Doch Kunst war, ist und bleibt ein Medium der sozialen Differenzierung und der Ausgrenzung.»
Wir haben nachgefragt, was die Museen, Theater und Konzerthallen von dieser Forderung halten: Schafft die Eintrittsgelder ab!
Finden Sie es richtig, dass die Museen, Theater und Konzerte nicht allen Bürgern der Stadt offen stehen?
Am deutlichsten reagiert Claudia Flütsch vom Maxim-Theater auf diese Frage: «Natürlich nicht.» Alle gefragten Institutionen der Stadt sind der Meinung, dass Kultur für alle zugänglich sein soll. Auch Daniel Baumann von der Kunsthalle und Björn Quellenberg vom Kunsthaus sind der Meinung, dass jede und jeder die Möglichkeit haben sollte, ins Museum zu gehen. Allerdings, so die Kunsthalle, müsse «ein Eintrittspreis bezahlt werden», damit die Kosten für den Betrieb gedeckt werden können. Das Kunsthaus sei jetzt schon mittwochs teilweise gratis, sei aber auch auf die Einnahmen durch die Eintrittsgelder angewiesen.
Das Opernhaus lässt via Sprecherin Julia Weinecker ausrichten: Um den Eigenfinanzierungsgrad von über 38 Prozent zu erreichen, «ist es unmöglich, sämtliche Vorstellungen kostenlos anzubieten.» Weinecker betont aber auch, dass die Öffnung des Opernhauses für möglichst viele Menschen ein erklärtes Ziel des Intendanten Andreas Homoki sei. Dafür habe man das Event «Oper für alle» eingeführt: «eine kostenlose Live-Übertragung einer Vorstellung auf den Platz vor dem Opernhaus.»
«Das Schauspielhaus Zürich hält es für unabdingbar, dass alle Menschen Zugang zu Kunst und Kultur haben.»
Dies teilt Sebastian Steinle mit. Um dies zu ermöglichen, habe man den Theatermontag eingeführt.
Was sind die kulturellen (nicht finanziellen) Konsequenzen, wenn Eintrittsgelder abgeschafft werden?
Die spannendste Antwort auf diese Frage kommt als Zirkelschluss vom Kunsthaus: «Wenn kein Anreiz mehr besteht, den Museumsbetrieb zu unterstützen, weil der Eintritt ohnehin gratis ist, ist die Zürcher Kunstgesellschaft mit ihren 22‘000 Mitgliedern in ihrem Fortbestand gefährdet.» Das Maxim-Theater ist sich nicht sicher, ob beispielsweise «Sozialhilfebezüger oder Leute mit wenig Geld» ohne Eintrittshürde häufiger ins Theater gehen würden.
«Ich denke nicht, dass sich dadurch mehr Zugewanderte für das Theater in Zürich interessieren werden.»
Es sei vielmehr eine Frage der künstlerischen Ausrichtung, ob andere gesellschaftliche Schichten sich für Kunst und Kultur interessieren würden.
Die Kunsthalle rechnet mit positiven und negativen Konsequenzen, falls die Eintrittsgelder fallen würden. Ohne Kasse am Eingang «könnte der Museumsbesuch auch etwas Beiläufiges haben: schnell eine halbe Stunde rein und dann wieder raus und weiter.» Die Frage sei, ob wir diese Ex-und-Hopp-Kultur überhaupt wollen. Sich Zeit nehmen sei nicht schlecht, niemand wolle das mehr, aber ein Eintrittspreis zwänge einen dazu, so Daniel Baumann.
Einen Zerfall des künstlerischen Wertes befürchtet das Kunsthaus, falls niemand mehr Eintritte bezahlen müsste:
«In der individuellen Wahrnehmung würde Kunst zu einem Konsumgut, das in seiner Wertigkeit noch hinter einem Musik-Download rangiert.»
Das Opern- und Schauspielhaus drücken sich um eine klare Antwort auf diese Frage. Sie prophezeien, dass wenn die Eintritte kein Geld mehr bringen, sie die Qualität ihres Programms senken müssten.
Stimmen Sie dieser Aussage zu? «Heute ist das Museum/Theater ein Ort der Abgrenzung, der unsichtbaren Sozial- und Klassenschranken.»
«Ja, mehrheitlich», lautet es wieder am deutlichsten vom Maxim-Theater. Auch die Kunsthalle sieht die Gefahr, dass Museen und Theater immer wieder Gefahr laufen, «zu Orten der Abgrenzung zu werden.»
«Wer die Kunst betrachtet stellt fest, wie sie genau diese Behauptung wiederlegt. Eine Verallgemeinerung ist ohnehin unzulässig», kommt es in aller Deutlichkeit vom Kunsthaus zurück. Die Gefahr einer sozialen Ausgrenzung durch Kunst und Kultur sehen auch Opern- und Schauspielhaus nicht. Sebastian Steinle vom Pfauen:
«Von der von Ihnen erwähnten These der unsichtbaren Sozial- und Klassenschranken kann keine Rede sein.»

Das Opernhaus verweist auf verschiedene Formate für verschiedene Leute. Julia Weinecker argumentiert aber nur mit Angeboten für verschiedene Altersklassen, geht aber leider nicht auf die verschiedenen sozialen Schichten ein.
Konkret: Was halten Sie davon, alle Eintrittsgelder abzuschaffen und das Theater für alle zu öffnen?
Zu dieser Frage sind die Meinungen klar, mit einer einzigen Ausnahme: Die Kunsthalle findet diese Forderung «eine sehr gute Idee, sofern die wegfallenden Einnahmen kompensiert werden!»
Es sei nicht zwingend notwendig, auf die Eintritte zu verzichten, um die Kultur und Kunst für alle zu öffnen, entgegnet das Maxim-Theater. Vom Kunsthaus heisst es: «Wer dies fordert, erweist der Öffentlichkeit einen Bärendienst», weil mit zunehmenden Subventionen die künstlerische Freiheit der Häuser sinke.
Fallen die Eintrittsgelder weg, müsste das Schauspielhaus das «Programm drastisch reduzieren und mehrere Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen.» Das vielfältige Programm und das internationale Renommee wären nicht möglich ohne die Einnahmen aus dem Kartenverkauf.
Das Opernhaus wollte die Frage leider nicht direkt beantworten, weist aber darauf hin, dass die Löhne der über 600 Angestellten irgendwie bezahlt werden müssen.

Die Stadt Zürich steckt jährlich 100 Millionen Franken in das kulturelle Angebot der Stadt. Rund 60 Millionen gehen in die grossen Häuser: Schauspielhaus, Tonhalle, Kunstgesellschaft. Auch das Opernhaus kriegt Unmengen Geld – aber vom Kanton.
Der Kulturdirektor Peter Haerle bestätigte gegenüber Tsüri.ch, dass diese Förderung der Elite-Kultur auch in den nächsten vier Jahren oberste Priorität haben wird und auch, dass er die Eintrittsgelder nicht abschaffen wolle.

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