🎂 6 Jahre Tsüri 🎂

Ein Teil des Lauter Kollektivs im Park des GZ Riesbach im Seefeld, wo 2009 das erste Lauter Festival stattfand. Bild: Jonathan Labusch

Lauter: «Wir freuen uns wahnsinnig, (irgendwann) wieder Konzerte zu organisieren»

Lauter fährt gleich dreispurig: Mit ihrem Label und der Musikagentur, ihrem alljährlichen Gratisfestival oder unzähligen Konzertabenden begeistern sie Stadtzürcher*innen und sogar Winterthurer*innen. Tsüri.ch im Gespräch mit dem jungen Musikkollektiv.
12. Januar 2021
Praktikantin Redaktion

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


«Zusammen beschreiten wir neue Wege in der Musik» heisst es auf der Webseite Lauters. Sie wollen guter Musik Verhör schaffen und sind damit in Zürich das Zuhause diverser Bands. Circa 25 Konzertveranstalter*innen und Labelmacher*innen sowie knapp 50 Musiker*innen setzen sich ein, um gemeinsam unvergessliche Musikerlebnisse zu kreieren. Zu Coronazeiten gilt es kreativ zu werden: So hat Lauter für die Konzertreihe «Ron Voyage», die sie zusammen mit Ron Orp betreiben, für vier Ausgaben den Klang von Musiker*innen aus der Schweiz oder gar New York in die Wohnzimmer der Zuschauer*innen gestreamt.

Fragt man Lauter, so war das im Spätsommer veranstaltete Konzert im Millers definitiv ein Highlight. Freund*innen von Lauter und auch Tsüri-Member konnten an diesem Abend seit langer Zeit wieder gemeinsam anstossen und unter anderem den Mundart-Coversongs der Band Laurent & Max lauschen. Das 12. Lauter Festival im Mai 2020 fiel aufgrund der Pandemie leider ins Wasser. Es sei eine Herausforderung gewesen, einen solch grossen Event zu organisieren und dann wieder abzusagen. Doch Lauter lernte mit den Challenges, welche die Corona-Krise mit sich brachte, umzugehen: Als Kollektiv sind sie nach ihrem Motto «Do it yourself – together» näher zusammengerückt. Lauter ist es wichtig, dass jede*r im Kollektiv die Rolle einnimmt, in der er*sie sich wohlfühlt – momentan findet innerhalb des Kollektivs ein Wechsel von der zweiten in die dritte Generation statt. Das Kollektiv freut sich darauf, 2021 die Musik vor Live-Publikum ein wenig lauter zu drehen.

Tsüri.ch: Lauter, das Jahr 2020 in drei Worten?

Lauter: Die 3 Cs: Challenge, Change, Community. Wir wurden durch Corona herausgefordert, haben darauf den Fokus von Events zum Label gelegt und sind als Kollektiv näher zusammengerückt.

Was für Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Ganz direkt waren natürlich unsere vielen Events tangiert. So auch das 12. Lauter Festival, das im Mai stattgefunden hätte. Mit der Event-Reihe «Ron Voyage», die wir zusammen mit Ron Orp betreiben, sind wir für vier Ausgaben auf Streaming umgestiegen – und haben mit Musiker*innen aus New York, Yerevan, Chur und Oerlikon in hunderte Wohnzimmer gesendet. Beim Label konnten wir Vollgas geben und haben mit 10 Acts 16 Veröffentlichungen realisiert. Eine spezifische Herausforderung im Herbst lag in der Entscheidung, ob und wie wir Konzerte planen. Die Kollektivmitglieder hatten hier unterschiedliche Ansichten. Schlussendlich wurde uns die Entscheidung aber sowieso abgenommen...

Was ist eure Message als Kollektiv?

Do it yourself – together!

Wer oder was inspiriert euch?

Unsere Konzertgänger*innen und unsere Künstler*innen. Aber auch andere Kollektive in Zürich und darüber hinaus. Und - besonders dieses Jahr - spazieren im Wald.

Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Weil wir hier zuhause und verwurzelt sind. Aber wir sind auch über die Stadtgrenzen aktiv, mit Bands und Events in anderen Städten. P.S. Winterthur gehört für uns auch noch zu Zürich, ist das ok? :)

Zahlt ihr euch einen Lohn aus?

Nach fast zehn Jahren komplett ehrenamtlicher Arbeit konnten wir 2019 eine kleine Stelle für die Geschäftsführung/Vereinskoordination schaffen. Seither wird jemand dafür bezahlt, einen Tag die Woche essenzielle Aufgaben wie Buchhaltung, Vereinsadministration oder Fundraising zu erledigen. Für den nachhaltigen Bestand des relativ umfassenden und komplexen Lauter-Kosmos ist diese Stelle unerlässlich. Das ehrenamtliche Engagement vieler Köpfe ist nur möglich, wenn jemand die Übersicht behält und tendenziell «mühsame» Aufgaben wie etwa die Buchhaltung nicht untergehen.

Normalerweise das Highlight des Lauter Jahres: Das Lauter Festival. Foto: zVg.

Waren die Stadt und ihre Bewohner*innen bislang gut zu euch? Wo wartet ihr noch auf offene Türen?

Wir wurden von Anfang massgeblich von der Musikschule (MKZ) unterstützt, auch vom Migros-Kulturprozent und später den Fachstellen bei Kanton und Stadt sowie privaten Sponsor*innen und Gönner*innen. Von Konzertbesucher*innen erhielten wir meist positive Rückmeldungen – nicht verwunderlich bei einem Gratisfestival ;). Wir wollten aber schon immer mal die Gessnerallee-Strasse sperren für ein Lauter Festival, das sich auch zwischen Stall 6 und El Lokal breitmacht. Vielleicht klappt’s ja zum 15. Jubiläum.

Was war euer schönster und/oder prägendster Moment seit der Gründung?

Wir erinnern uns an unzählige einzigartige Konzertmomente. Der Release unserer ersten Labelcompilation vor fünf Jahren und das Buch zum zehnjährigen Bestehen waren auch grosse Momente. Auf eine ganz andere Art prägend war die Absage des heurigen Festivals – so etwas hatten wir alle noch nie erlebt.

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Als Kollektiv ist man konstant gezwungen, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Wir haben über die Jahre zumindest ein bisschen etwas gelernt und setzen mittlerweile auf möglichst dezentrale Teams, in denen motivierte Mitstreiter*innen konsensuale Entscheide treffen können. Dieses Setup reduziert zeitraubende Grundsatzdiskussionen. Vieles läuft bei uns über das Kommunikationstool Slack. Wie erwähnt sind wir von einer schlanken und transparenten Geschäftsstelle abhängig. Das gesetzlich vorgeschriebene Organ des Vereinsvorstands hat bei uns keine grosse Bedeutung, ausschlaggebend ist eher das persönliche Engagement: Wer mehr Zeit investiert, hat automatisch mehr «zu sagen».

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Wir wünschen uns für Zürich, dass die Substanz für kreative Entfaltung (insb. im Kontext von Corona) erhalten bleibt. Ebenfalls wünschen wir uns, dass Kulturschaffende noch stärker die zentralen Herausforderungen unserer Zeit angehen und dabei die Bevölkerung miteinbeziehen. Damit das möglich ist, braucht es einerseits Infrastruktur bzw. Freiräume wie etwa die Zentralwäscherei. Andererseits sollten vermehrt Organisationen und Strukturen (auch Kollektive) gefördert werden, anstatt nur Projekte.

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie beleben – kulturell, aber auch politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

Wir freuen uns wahnsinnig, (irgendwann) wieder Konzerte zu organisieren, mit tiefen Eintrittspreisen und vielen jungen genialen Künstler*innen. Ebenso haben wir mit dem Label ein paar spannende Releasepfeile im Köcher. Und es wird eine neue Website geben, die einen besseren Einblick zum Lauter Kollektiv und den engagierten Personen bietet. Zuletzt überlegen wir gerade, unser altes Membersystem wiederzubeleben – man munkelt ja, es habe auch Tsüri.ch inspiriert ;).

Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif
11. Regula Rec
12. Lauter
13. Tauchstation
14. Radio Megahex
15. Fagdom

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