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Die Tsüri-Mitarbeiter*innen auf dem coronakonformen Teamfoto. Von links nach rechts hinten: Nico Roos, Jenny Bargetzi, Isabel Brun, Simon Jacoby, Seraina Manser. Von links nach rechts unten: Zana Selimi, Elio Donauer, Emilio Masullo, Bella, Rahel Bains, Jonas Kappner. Illustration: Zana Selimi

Tsüri-Team über's Leben mit wenig Geld: «Trotz meines tiefen Lohns lebe ich wie ein König»

7832 Franken betrug der mittlere Lohn in der Stadt Zürich im Jahr 2018; viele verdienen mehr oder auch weniger als das. Wie lebt es sich in der teuersten Stadt der Welt als Niedrig-, Mittel- und Hochverdiener*in? Wir haben nachgefragt. Teil 1: Tsüri-Redaktion.
25. Februar 2021

In der Schweiz wird nicht gern über Geld gesprochen. Das wurde uns vor Kurzem wieder einmal mehr bewusst, als wir Menschen gesucht haben, die für diese Artikel-Serie mit uns über ihr Einkommen und ihren Lebenswandel sprechen. Die Suche verlief harzig, für die Sparte Niedriglohn liess sich bis zum Schluss niemand finden. Irgendwann merkten wir, dass die perfekte Besetzung dafür eigentlich wir selbst sind. Denn mit Journalismus lässt sich bekanntlich nicht mehr so einfach Geld verdienen wir vor 20 Jahren. Werbeeinnahmen brechen weg, Einnahmen von Membern und digitalen Abos nehmen zwar stetig zu, doch gerade auch für ein junges Medienhaus wie Tsüri.ch sind die Mittel knapp. Drum: Hier darfst du Member werden und unseren Lohn zahlen! Zu Beginn arbeitete das Tsüri-Team ehrenamtlich, heute wird ein Einheitslohn von 4000 Franken Brutto auf 100 Prozent ausgezahlt. Wie es sich damit in einer der teuersten Städte der Welt leben lässt, erzählen wir dir hier:

Was ist das Teuerste, das du dir bislang geleistet hast?

Isa: Da ich noch nie mehr als 3000 Franken pro Monat verdient habe – und das auch nur knapp ein Jahr lang –, bekam ich fast alles, was ich besitze, von meinen Eltern geschenkt. Meine teuersten Investitionen aus dem eigenen Sack waren wohl Ferien oder Tattoos.

Jonas: Wenn ich neben den Anschaffungskosten (400 Euro an eine bosnische Tierschutzorganisation), auch die Folgekosten einberechne, dann gibt es nur eine Antwort: Meine Hündin Bella. By the way: Sie ist jeden Rappen wert!

Wie gibst du dein Geld aus?

Rahel: Nebst meinen anderen Fixkosten gebe ich mein Geld vor allem im Supermarkt um die Ecke aus – für Windeln, Znüni-Darvida, gefühlt 100 Kilo Äpfel pro Woche und dergleichen. Im Sommer für Glacé und Abendessen in der Badi (für eine ganze Familie ein teurer Spass), neue Hosen, Shirts und Gummistiefel für die Kinder – manchmal auch ein neues Shirt für mich. Für Bücher, Ferien (Prä-Corona), den Ballett-Unterricht meiner ältesten Tochter, Zugfahrten nach Bern, um eine Freundin zu besuchen und wenn nicht gerade Lockdown ist auch mal für ein Feierabendbier oder ein Dinner im Lieblingsrestaurant.

Elio: Die üblichen Fixkosten fressen bereits einen grossen Teil meines Budgets. Mit dem, was übrig bleibt, gönne ich mir Klavierstunden, Urlaub in Italien und ab und an ein neues Objektiv für meine Kamera.

Wie hoch sind deine Fixkosten?

Jenny: Mit Miete, Versicherung, Krankenkasse, ÖV und verschiedenen Abos kommt's etwa auf 1200 Franken.

Rahel: Mein Partner und ich wohnen mit unseren Kindern in einer städtischen Wohnung, für die wir 1700 Franken Monatsmiete zahlen. Mit Versicherungs- und Krankenkassenprämien, Handyabos sowie Kita- und Hortkosten zahlen wir pro Monat insgesamt Fixkosten von 3500 Franken.

Wie wohnst du und wie hoch ist dein Mietzins?

Seraina: Ich wohne in einer Zwei-Zimmer-Genossenschaftswohnung am Albisriederplatz im Kreis 3. Pro Monat zahle ich nur knapp 800 Franken Miete.

Simon: Ich wohne quasi auf der Grenze zwischen Kreis 4 und Altstetten. Direkt an der Hohlstrasse zu viert in einer schönen Vierzimmerwohnung. Mein Zimmer misst circa 15 Quadratmeter, worin ich arbeite, schlafe und meine Sachen habe. Als gemeinsamen Raum haben wir die Küche, wo wir kochen, essen und plaudern. Zahlen tu ich 650 Franken, inklusive allem, sogar mit Gemüseabo.

Hast du eine dritte Säule oder Investments?

Jenny: Ich habe noch keine dritte Säule oder Investments, da ich bisher vor allem Studi- oder Praktikantenjobs hatte. Im vergangenen Fokusmonat musste ich mich aber mit der dritten Säule auseinandersetzen, darum wird sich das hoffentlich schon bald ändern.

Nico: Nein, ich habe keine dritte Säule. Meine Mutter und Tante fragen mich das abwechslungsweise alle sechs Monate und erklären mir wie wichtig das sein wird, wenn ich einmal alt bin. Da ich aber nicht vorhabe sonderlich alt zu werden, prallen ihre Versuche an mir ab. Ich hatte mal einen Viertel Bitcoin dessen Wert sich verzehnfacht hat. Danach habe ich meine Bitcoins verkauft und mit den circa 1200 Franken habe ich Wehrpflichtersatzabgaben bezahlt. Hätte ich sie jetzt noch, wären es circa 3000 Franken, aber ich wäre auch ein Mitglied einer Community, welche pro Jahr mehr Strom verbraucht als die Schweiz.

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Was ist für dich Luxus?

Nico: Luxus ist für mich, genug Geld zu haben um sorglos dem Arschloch-Chef die Kündigung ins Gesicht zu werfen, spontan eine Woche in die Ferien zu gehen, immer lokal und Bio einkaufen zu können, mir was Unnötiges zu gönnen und bei all dem kein schlechtes Gewissen zu haben, weil alle meine Mitmenschen das auch können.

Simon: Wenn ich ab und zu ins Restaurant oder in die Ferien gehen kann, ist das für mich Luxus. Trotz meines tiefen Lohns habe ich das Gefühl, als lebte ich das Leben eines Königs. Ende Monat bleibt zwar nichts übrig, aber in normalen Zeiten kann ich ins Kino, ins Theater, essen gehen und verreisen. Dies natürlich alles nicht exzessiv, aber am schönsten und günstigsten ist es ja eh zuhause am Küchentisch. Natürlich kann ich mit diesem Lohn auch nur in Saus und Braus leben, weil ich zum Beispiel keine Kinder oder andere hohen Fixkosten habe.

Hättest du lieber mehr Zeit oder mehr Geld?

Emilio: Diese Frage war auf den ersten Blick nicht ganz einfach zu beantworten. Wenn ich mir aber noch einmal durch den Kopf gehen lasse, ob ich in meinem Leben öfters gedacht habe, mehr Zeit oder Geld zu wollen, gibt es eine klare Antwort: Mehr Zeit. Ich habe viele Ideen, die in meinem Kopf herumschwirren. Viele Sachen, die ich in meinem Leben machen möchte. Für all diese Sachen Zeit zu finden, ist nicht ganz einfach. Ich würde behaupten, dass ich bescheiden lebe, mir aber doch den einen oder anderen Luxus gönne. So gehe ich zum Beispiel gerne auswärts essen oder einen ganzen Abend in eine Bar. Sorgen um Geld musste ich mir noch nie machen. Darum kann ich diese Frage klar mit «Mehr Zeit» beantworten.

Elio: Gerne alle Zeit der Welt und eine Lohnerhöhung ;).

Bist du neidisch auf Menschen, die mehr Geld haben als du?

Emilio: Nein. Wenn ich mir aber nicht Sachen leisten könnte, die ich gerne machen würde, wäre die Situation vielleicht eine andere. Ich bin glücklich, mit dem was ich habe und brauche nicht mehr.

Zana: Nein, neidisch bin ich nicht. Logisch fände ich es lässig, wenn ich mir etwas weniger Gedanken machen müsste, wenn es um meine Ausgaben geht, aber solange es jeden Monat für Miete und Essen reicht, bin ich komplett zufrieden. Eigentlich bin ich sogar ziemlich froh, dass ich nicht viel Geld habe, so kann ich gar keine emotionale Bindung dazu aufbauen und ich kann behaupten, dass ich erst über mein Geld nachdenke, wenn auf dem Kartenlesegerät «Saldo zu klein» steht. Die meisten Menschen mit viel Geld, die ich kenne, haben irgendwann auf ihrem Weg entweder ihre Moral oder ihre Freude verloren, da gibt es also nicht besonders viel, auf das mensch neidisch sein kann.

Was sagst du zur Aussage, dass jede*r seines eigenen Glückes Schmied*in ist?

Jonas: Wie jedes Handwerk erfordert auch das Schmieden vor allem Zeit, um es zu erlernen. Zeit, die wir benötigen, unser Glück in die richtige Form zu hämmern. Zeit, die wir uns bewusst nehmen müssen. Zeit, die wir oft nicht haben. Für einen Teil der westlichen Welt mag Folgendes gelten: Bis zu einem gewissen Grad können wir unser Lebensglück sicherlich beeinflussen. Solange wir uns genug Zeit nehmen. Die Freiheit dafür haben wir. Es würde mir allerdings nicht in den Sinn kommen, einer Näherin in Indien zu sagen, dass sie für ihr Lebensglück selbst verantwortlich ist. Das dürfte man dann getrost westlichen Hochmut nennen. In diesem Sinne: Eine jede ist ihres Glückes Schmied, und Hip Hop ist wie Pizza, auch schlecht noch recht beliebt. Amen.

Isa: Ganz ehrlich? Absoluter Schwachsinn. Welche Möglichkeiten jemand grundsätzlich hat, ist stark davon abhängig, in welchem soziokulturellen Umfeld er oder sie aufgewachsen ist. Auch in der Schweiz sind wir noch weit von einer Chancengleichheit entfernt. Ich selbst bin in einer Mittelstandsfamilie aufgewachsen, hatte das Glück dank der finanziellen Unterstützung meiner Eltern nach meiner Lehre als Tierarztassistentin noch ein Kommunikationsstudium Vollzeit anzuhängen. In meinem früheren Beruf gibt es kaum Stellen unter 80 Prozent, weshalb ein Teilzeitstudium schwierig geworden wäre. Ich bin mir meine Privilegien durchaus bewusst und finde, dass alle Menschen solche Chancen oder Weiterbildungsmöglichkeiten verdient haben – unabhängig davon, wie wohlhabend ihre Eltern sind.

Magst du deinen Job?

Emilio: Ja. Ich bin sehr frei, was meinen Arbeitsort und meine Arbeitseinteilung betrifft. Dies sehe ich als grossen Vorteil. Zudem fühlt sich das Team wie eine Familie an und es sprudelt nur so von Ideen. Das mag ich.

Seraina: Sehr. Er ist abwechslungsreich, ich kann vieles selber entscheiden und es passiert immer Etwas. Und meistens schnell: «Wofür andere Unternehmen drei Monate benötigen, brauchen wir drei Wochen», witzeln wir manchmal. Was ich besonders toll finde, bei einer kleinen Firma wie Tsüri.ch: Es gibt keine langen Entscheidungswege! Bei uns arbeiten Macher*innen, die keine Angst davor haben, etwas neues auszuprobieren oder auch mal zu scheitern. Ganz nach dem Motto: «Chunt scho guet!». Zudem empfinde ich meine Job als sinnvoll und erhalte oft schönes Feedback aus der Community.

Machst du dir aufgrund der Corona-Krise Sorgen um deine finanzielle Zukunft?

Zana: Nein, eigentlich nicht.

Elio: Nein, ich bin in einer absolut privilegierten Lage. Ich habe einen Job, ein familiäres Sicherheitsnetz, eine akademische Ausbildung und wohne in der reichsten Stadt der Welt mit ausgebautem Sozialsystem. Insofern habe ich vier Gründe mehr als viele Menschen mir keine Sorgen machen zu müssen. Ich weiss, ich brauche nicht viel zum Leben und komme immer irgendwie durch.

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