Die Langstrasse erstickt am Geld

Einst war die Langstrasse als freiheitsliebende Sündenmeile bekannt. Heute sind die Bodenpreise und Mieten derart hoch, dass Geschäfte sogar in die Altstadt oder zum Paradeplatz fliehen müssen. Quo Vadis Langstrasse?
05. März 2017

Alteingesessene (Gastro-)Unternehmen werden durch die hohen Mieten von der Langstrasse vertrieben und durch finanziell stärkere ersetzt. Das ist relativ neu, denn als Sündenmeile war die Langstrasse während Jahren ein Garant für tiefe Mieten (und heruntergekommene Liegenschaften). Doch der Wind hat gedreht. Die Vertriebenen ziehen um. In Quartiere, wo sie die Forderungen der Vermieter noch erfüllen können. Altstetten, Schwamendingen oder gar Schlieren? Nicht nur, es geht nämlich auch in die andere Richtung.

Es ist absurd, dass gleich zwei beliebte Lokale in vermeintlich besseren und nobleren Stadtkreisen günstigere Gewerbeflächen gefunden haben: Das Hostel Langstars zog ins Oberdorf und die Betreiber des Nachtclubs Revier sind neu beim Paradeplatz zu finden. Altstadt und Bankenviertel? Sind inzwischen offenbar zumindest teilweise günstiger als die Langstrasse.

Dass die Gentrifizierung sich teilweise umgedreht hat, ist zwar erstaunlich, aber für die Aufwertung der Langstrasse gibt es verschiedene logische Gründe:

Einerseits spiegelt sich das veränderte Angebot natürlich auch im Publikum wieder: Viele Zürcher*innen gehen nicht mehr an die Langstrasse in den Ausgang. Dafür ist es zu kommerziell, zu gröölig, zu kontrolliert – die Sündenmeile wurde zur Partymeile. Und wo der Mainstream einkehrt, wird investiert und organisiert. Nun ist es ruhiger, sauberer und für eine breitere Gesellschaft schöner: Als Beispiel dient immer wieder die Bäckeranlage, welche früher von Biertrinkenden genossen wurde und heute als Spielwiese für Nachwuchs-Zürcher*innen dient.

Mit dem Projekt Langstrasse Plus versuchte die Stadt um die Jahrtausendwende die Strasse zu beruhigen und von Drogen und Strassenstrich zu befreien. Dies ist einer der Hauptgründe, warum die Mieten explodierten und noblere und durchgestylte Geschäfte einziehen und Zwischennutzungen wie die Perla Mode schon seit einer ganzen Weile keinen Platz mehr haben.

Die andere Ursache für die rasante Veränderung drängt mit einer unvorstellbaren Wucht ins Quartier: die Europaallee. Teure Läden und Beizen, Grossbanken oder internationale Unternehmen wie Google besiedeln die Passage zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse und bringen ein komplett neues und feines Publikum mit sich. In der Verlängerung der Luxusallee: die sogenannten Gammelhäuser. Klar, die Zustände darin waren abartig und niemand hat es verdient, von seinen Vermietern auf diese Art ausgenommen zu werden. Und doch sind die Häuser ein Symbol dafür, was gerade an der Langstrasse passiert: Für die stolze Summe von 32 Millionen Franken wurden sie von der Stadt Zürich gekauft. Es sollen Sozialwohnungen entstehen. Auf gut Zürcherisch heisst das nichts anderes als die totale Sauberkeit, totale Sicherheit, totale Organisation – sodass sich nur ja niemand gestört fühlt.

Am Ende ist dieser Prozess noch lange nicht angekommen. Das Quartier bleibt unter Druck. Das Kasernen-Areal wird in ein paar Jahren komplett anders aussehen, wenn die Stadt Bildung, Kultur und Gewerbe ansiedelt. Und auch für das Gelände um den Helvetiaplatz gibt es grosse Pläne. Die Stauffacherstrasse soll zur Begegnungszone werden, und vielleicht setzt sich sogar die Forderung nach einer autofreien Langstrasse durch.

Während uns diese Projekte noch bevorstehen, wirken Langstrasse Plus, die Europaallee und nicht zuletzt auch die polizeiliche Repression bereits auf die Bodenpreise. Der Tagi untersuchte die Perioden von 2008-2010 und 2014-2017 und schreibt gar von einer Seefeldisierung.

Demnach stiegen die Bodenpreise pro Quadratmeter Fläche im Langstrassenquartier zwischen den beiden Perioden um sagenhafte 89 Prozent auf 27’385 Franken. Damit liegt die Langstrasse zwar noch deutlich hinter dem Kreis 1, aber immerhin Rang zwei – und weit vor anderen Quartieren wie Seefeld, Werd oder Enge.

Wo ist die nächste Langstrasse? Wo gehen die Junkies, Alkoholiker, Prostituierten und Jugendlichen als nächstes hin? Wird die Langstrasse zur neuen Bahnhofstrasse? Dehnt sich der Kreis 1 weiter aus und reicht eines Tages bis zur Seebahnstrasse? Noch sind wir weit davon entfernt. Doch die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten und Politiker*innen, Stadtplaner*innen und nicht zuletzt Investor*innen schreiten munter voran. Wer weiss, vielleicht sprechen wir in ein paar Jahren nicht mehr von der Seefeldisierung, sondern von der Langstrassisierung. Quo Vadis Langstrasse?

Titelbild: Screenshot/Instagram

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