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«Landwirtschaft mit Zukunft»: Wie eine junge Bewegung das Schweizer Agrarwesen umkrempeln will

Die Aktionswoche des Klimastreik-Komitees Schweiz anlässlich des UN-Klimagipfels ist in vollem Gange. Seit kurzem mischt die noch junge Bewegung «Landwirtschaft mit Zukunft» kräftig mit. Initiant Dominik Waser erklärt, was ihre Forderungen sind und weshalb es wichtig ist, Bäuer*innen eine Stimme zu geben.
26. September 2019
Praktikantin Redaktion

In Zürich gehen am Donnerstagmorgen Bäuer*innen und Unterstützer*innen auf die Strasse, um ihren Unmut über das zermürbende Landwirtschaftssystem kundzutun. Das Motto der Veranstaltung: «Wir haben es satt!» Die bewilligte Demonstration ist zwar im Rahmen der Aktionswoche von der Klimastreik-Bewegung Schweiz aufgegleist worden, hinter der Veranstaltung steht jedoch eine andere, noch junge Bewegung. Landwirtschaft mit Zukunft heisst die Initiative, die von Grassrooted-Gründer und Klimaaktivist Dominik Waser ins Leben gerufen wurde. «Die Agrikultur hat einen grossen Einfluss auf unser Klima. Momentan ist dieser Einfluss negativ», erklärt der 21-Jährige im Interview mit Tsüri.ch. Landwirtschaft mit Zukunft soll dies zum Positiven verändern – mit Hilfe Kooperationen bereits existierender Institutionen, Vereine, Verbände, Firmen, und natürlich Bäuer*innen.

Das System ist das Problem

Neben dem Klimawandel seien die Pestizidbelastung, Biodiversitätsverluste und der Preisdruck Gründe, welche das Landwirtschaftssystem zu einer Wendung zwängen, so Waser. Diese Probleme kämen in erster Linie durch falsche Produktionsweisen zustande. Die Forderungen der Initiative beleuchten deshalb allem voraus die umweltschädlichen Herstellungsweisen: «Wir wollen, dass nachhaltige und ökologische Produktionsweisen wieder zur Norm werden.» Und dafür benötige es einen Systemwandel im Agrarwesen.

Ginge es nach Landwirtschaft mit Zukunft soll dieser Wandel ziemlich radikal sein. Im Moment ist unser System auf Überschuss programmiert, denn Kapitalismus basiert auf dem Prinzip der Überproduktion und kann auch nur dadurch erhalten bleiben. «Durch diese falsche Denkweise wird eine zentralisierte, automatisierte und exzessive Landwirtschaft betrieben», sagt Waser. Das wiederum führe dazu, dass die Gesellschaft die Verbindung zur Landwirtschaft gänzlich verloren habe: «Wir wissen nicht mehr, was es braucht, bis ein Rüebli oder ein Stück Brot auf unseren Tellern liegt.»

Schuldfrage bleibt unbeantwortet

Sind also wir Konsumierenden schuld daran, dass eine Überproduktion stattfindet? «Nein», findet der junge Aktivist, «erst durch einen grundlegenden Wandel, bei dem auch die Politik und Wirtschaft mitmachen, hat auch die Gesellschaft eine Chance, sich zu verändern.» Solange Bio-Läden die Ausnahmen bleiben und die Grossverteiler*innen nur eingeschränkt handeln, bleibe der Gesellschaft diese Chance verwehrt.

Auch die Landwirt*innen tragen nach Waser keinerlei Schuld an der Problematik. «Die Bäuer*innen sind in dem System gefangen. Durch eine willkürliche Preispolitik und wirtschaftlichem Druck werden sie gezwungen, mit dem Strom zu schwimmen.» Es gelte: Leben (und mitmachen) oder sterben. Und tatsächlich werden in der Schweiz täglich zwei bis drei Landwirtschaftsbetriebe eingestellt. Das Bewirtschaften von Land und Hof sei zu einer Bürde geworden, sagt Waser und ist sich sicher: «Kein*e Bäuer*in hat ein Interesse daran, seinen*ihren Boden durch Überbewirtschaftung zu zerstören oder eine Haltung von Tieren gutzuheissen, bei welcher es zwangsläufig Einsatz von Antibiotika benötigt.» Mit der Bewegung Landwirtschaft mit Zukunft will Waser deshalb auch Agronom*innen eine Stimme geben und das gesellschaftlich negativ-konnotierte Bild der Bäuer*innen als Täter*in beseitigen.

So könnte es in Zürich heute auch aussehen: In Deutschland finden regelmässig Bäuer*innen-Demos statt.


Ohne Food-Waste keine Teuerung

So richtig in Kontakt mit Landwirt*innen und deren Sorgen kam der gelernte Landschaftsgärtner mit seinem Verein Grassrooted, der sich der Rettung von zweitklassigem Gemüse verschrieben hat. Spätestens da habe er gemerkt, dass im Landwirtschaftssystem so einiges schief läuft. Zuvor hatte der Food-Waste-Gegner Umweltingenieur-Wissenschaften und Biologische Landwirtschaft angefangen zu studieren. Nach dem Erfolg von Grassrooted hatte er dieses Projekt aber bald vertagt, denn das unnötige Wegwerfen von noch intakten Nahrungsmitteln beschäftigt Waser intensiv: «In der Schweiz landet ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. Dagegen muss etwas unternommen werden.»

Hat die bisherige Agrarpolitik satt: Dominik Waser. Bild: zVg

Im Landwirtschaftssegment wird sogar noch mehr weggeworfen: Gemäss Bundesamt für Umwelt könnten dort 90 Prozent der 225 Tonnen Abfall vermieden werden. Damit verfalle auch das beliebte Gegenargument um die Angst der wachsenden Importe und Preiserhöhungen bei einer ökologischen – und dadurch etwas verlangsamten – Landwirtschaft in der Schweiz: «Wenn wir so weitermachen wie bisher, ist das kurzfristig gesehen zwar wirtschaftlicher, langfristig gesehen steuern wir jedoch auf einen Abgrund zu», so Waser. Böden würden zerstört, Grund- und Trinkwasser verseucht und Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden. «Solche Schäden können nicht innerhalb von ein paar Jahren mit Geld wieder repariert werden», warnt der engagierte Zürcher.

Und um genau dieses Bewusstsein gehe es an der heutigen Demonstration. «Es ist wichtig, dass wir alle, losgelöst von Parteizugehörigkeiten oder wirtschaftlichen Interessen, zusammenspannen und am gleichen Strick ziehen.» Der Dialog zwischen verschiedenen Interessensgruppen sei deshalb ein entscheidender Schritt in Richtung Landwirtschaft mit Zukunft. Der junge Aktivist ist zuversichtlich: «Mit dieser Bewegung ist vieles möglich.»

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