Kunst statt Lohn: Geht der Manifesta das Geld aus?

08. Juni 2016


«Die Manifesta rückt immer näher und die Skandale häufen sich», behaupten Studierende der ZHdK und laden via Whatsapp zur Diskussion. Was ist passiert? Dass die Arbeitsbedingungen in der Kunstwelt kein Zuckerschlecken sind, ist bekannt. Doch wenn sich eine der grössten und wichtigsten Kunstbiennalen mit dem Thema Lohnarbeit («What People Do For Money») auseinander setzt, sollte sie zumindest bei den eigenen Angestellten mit gutem Beispiel vorangehen. Kurz vor dem Start der Manifesta 11 wird nun Kritik laut: Zürcher Künstlerinnen, Studierende, Personal der involvierten Museen und nicht zuletzt wichtige Mitarbeiter des Zürcher Manifesta-Teams kritisieren die Arbeitsbedingungen und das Auftreten der Manifesta teilweise heftig.

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Warum sich die Stadt seit mehreren Jahren für die Austragung der Manifesta, welche alle zwei Jahre an einem anderen Ort in Europa stattfindet, bemüht, ist klar: Die 100’000 erwarteten Besucherinnen sollen den lokalen Tourismus beflügeln und das Renommee der Manifesta soll Zürich als Kunststadt der internationalen Spitzenklasse etablieren. Für diese «grosse Chance und Motivation für die Zürcher Kulturszene», wie Peter Haerle, Direktor der Kulturabteilung Stadt Zürich immer wieder betont, macht die Stadt aus dem Kulturbudget 2 Millionen Franken frei, der Kanton zahlt 1,5 Millionen, der Bund 500’000 und Private sollen 1 Million einschiessen. Für den dreimonatigen Event ergibt das ein Budget von gut 5 Millionen Franken. Zum Vergleich: Das Zürcher Filmfestival dauert nur eine Woche und operiert mit 5 bis 10 Millionen Franken. Um das ehrgeizige und anspruchsvolle Konzept der Kunstbiennale umzusetzen – 130 Künstler beschäftigen sich an verschiedenen Orten der Stadt mit dem Zürcher Arbeitsalltag – sind fünf Millionen Schweizer Franken ein Klacks.

Wenig Lohn bei viel Arbeit Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die diesjährige Manifesta unter dem Titel «What People Do For Money» durchgeführt wird und die ungefähr 50 Angestellten in Zürich einen Bruttolohn von 3700 Franken ausbezahlt bekommen (Anteil der Löhne im Basisbudget: 30% / 1,26 Mio. Euro). Dieser Betrag wird zwar von der Manifesta nicht kommentiert. Allerdings: In aller Schlichtheit könne «festgehalten werden, dass Manifesta 11 faire Löhne im unteren Mittelfeld der jeweiligen Kategorien bezahlt», versichert Nora Hauswirt, Pressesprecherin der Manifesta 11. Mehrere Mitarbeiter kritisieren: «Der Lohn ist unter aller Sau», in Zürich lasse es sich nur knapp damit leben. Zudem seien viele überarbeitet: Der Arbeitstag beginne um 9 Uhr und dauere nicht selten bis spät in die Nacht hinein – oft auch an den Wochenenden. Weil die Manifesta im Grunde eine noble Sache sei, seien die meisten der Beschäftigten mit dem niedrigen Lohn und der vielen Arbeit einverstanden. Es gehe darum, «Teil einer grösseren Sache zu sein», so ein Manifesta-Mitarbeiter.

Bei Stadt und Manifesta scheint man auf die Kritik an der schlechten Bezahlung vorbereitet zu sein. Denn beide Pressestellen antworten auf die Frage nach der Lohnhöhe mit dem exakt gleichen Wortlaut: «Für die Chance, Teil dieses aussergewöhnlichen Projekts zu sein», seien die Mitwirkenden bereit, «auf einen womöglich grösseren Lohn anderswo zu verzichten.» Um sich aus der Schussbahn zu nehmen, fügt die Stadt die Bemerkung an, die Arbeitsverträge seien Sache der Manifesta.

100 Franken für Scheisse-Beigen Wie mehrere Insider bestätigen, können nicht alle der Angestellten Teil dieser grossen Sache sein. Rund die Hälfte der Arbeitsverträge gelte für die gesamte Projektdauer von 14 Monaten, die restlichen sollen mit dem Beginn der Biennale auslaufen und durch Volunteers ersetzt und ergänzt werden. Viele dieser ehrenamtlichen Helfer sind bereits seit Wochen im Einsatz. Zum Beispiel für das Holz-Floss beim Bürkliplatz: Dieses soll ungefähr eine Million Franken gekostet haben, wurde teilweise von der ETH finanziert und mit der Gratis-Arbeit der Volunteers errichtet.


Vorerst um bezahlte Arbeit ging es an der ZHdK als Christian Jankowski, der Kurator der Manifesta 11, um die Gunst der Studierenden warb. Jankowski versprach eine einmalige Chance für ihre künstlerische Karriere, falls die Studierenden für die Manifesta arbeiten. Dabei ging es jedoch nicht ums Ausstellen, sondern um filmische Künstlerporträts oder simple Aufgaben, wie zum Beispiel die Aufsicht der Werke. Als klar wurde, dass die meisten dieser Stellen nicht entlohnt werden, wurde Jankowski von der Bühne gebuht. Die Studierenden der ZHdK wurden zusätzlich mit einer ganz speziellen Aufgabe betraut: Für seine Arbeit in der Kunsthalle braucht ein Manifesta-Künstler eine grosse Menge menschliche Fäkalien. Den Transport und Aufbau dieses «organischen Materials» sollten Studierende der ZHdK übernehmen – versprochen wurde ein Tageslohn 150-200 Euro. Ein Mailverkehr, der Tsüri.ch vorliegt, zeigt, dass dieser Lohn den bereits eingeteilten Arbeiterinnen ohne Begründung auf 100 Franken pro Tag gekürzt wurde.

Offenbar sind die Budgets für die Angestellten derart knapp berechnet, dass die Manifesta nicht einmal für die Unterbringung der Volunteers aufkommen kann. Diese sollen zum Teil in der Zitrone im Seefeld schlafen, welche als Parallel-Event der Manifesta das Schlafen als Happening inszeniert und Gratis-Schlafplätze in ihren selbstverwalteten Räumen anbietet. Für Mitarbeiter der Biennale waren diese aber nicht gedacht. «Couchsurf Ambassadors» – sprich Betten für weitere freiwillige Helferinnen – suchen die Verantwortlichen auch bei Studierenden der Kunsthochschule.

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Zwangsferien für Museumspersonal Nicht gerade die beste Stimmung herrscht beim Personal der Museen, welche die Manifesta von Juni bis September bespielt. Verschiedene Mitarbeiterinnen vom Helmhaus, der Kunsthalle und vom Migros Museum für Gegenwartskunst berichten, die Manifesta drängte, Aufsichtspersonen und Kassenpersonal im Stundenlohn freizustellen und durch ehrenamtliche Arbeiterinnen zu ersetzen. Zumindest teilweise soll diese Forderung angekommen sein und Personal der Kunsthalle wurde in die Zwangsferien geschickt. Diese Anschuldigungen werden von der Pressestelle der Manifesta dementiert: es habe keine Freistellungen gegeben, ausserdem habe die Manifesta in den Museen keine Entscheidungsbefugnis. Die Kunsthalle betont: «Vom festangestellten Kernteam wird niemand freigestellt». Und weiter: «Die Freelancer, die bei uns arbeiten, wurden nicht alle von der Manifesta übernommen. Es betrifft wenige Personen, die nun aber zum Teil in anderen Institutionen arbeiten.»

Wo ist die Chance für die Zürcher Kunstszene? Ein weiterer Kritikpunkt trifft nicht nur die Organisation der Manifesta, sondern auch die Stadt Zürich. Corine Mauch und ihr Kulturchef Peter Haerle betonen zwar bei jeder Gelegenheit, wie wichtig die Manifesta für die lokale Kunstszene sei, doch in Wahrheit treffe dies nicht zu: Von den 130 engagierten Künstlern stammen gerade mal eine Handvoll aus der Stadt. Viele Zürcher Künstlerinnen kritisieren zudem, die Manifesta hätte es verpasst, frühzeitig die lokale Szene miteinzubeziehen – obwohl dies von Stadt und Manifesta mehrfach versprochen wurde. Dies ist mit ein Grund, warum sich viele relevante Zürcher Künstler nicht für die ausgeschriebenen Parallel-Events beworben haben.  Doch gerade da sieht die Stadt die grösste Chance: Inspiration, Kontakte und zusätzliche finanzielle Mittel der Parallel-Events würden die lokalen Künstlerinnen weiterbringen. Der Biennale und der Stadt werden somit gebrochene Versprechen vorgeworfen, auf der anderen Seite steht teilweise der verletzte Stolz.

«Die Manifesta ist noch nie auf so viel Gegenwind gestossen» Nicht nur wegen dem Versprechen und dem Stolz wurde die Manifesta von der hiesigen Kulturszene nicht ausnahmslos mit offenen Armen empfangen. Die Biennale hat neben der Kunst auch einen entwicklungspolitischen Anspruch: Normalerweise liegen die Austragungsorte, wo die Manifesta alle zwei Jahre stattfindet, an der europäischen Peripherie – beim letzten Mal war es St.Petersburg. Die Strahlkraft einer Manifesta kann Städte nachhaltig beleben, auf dem Rest des Kontinents die Bekanntheit steigern und der Kunstszene neuen Schwung verleihen.

Deshalb sind es sich die Macherinnen der Manifesta gewohnt, beim Durchführungsort nicht nur bei den Tourismusbehörden und den Standortfördern sondern bei der ganzen Stadt auf eine Willkommenskultur zu stossen. In Zürich sieht dies anders aus. Das Kunst- und Kulturleben floriert über praktisch alle Sparten hinweg. Und die traditionellen Häuser sind nicht auf das Renommee der Manifesta angewiesen – Dank der Kulturpolitik verfügen sie selber über einen ausgezeichneten Ruf. Durch dieses Selbstbewusstsein forderte das Kunsthaus «viel Geld» für eine Zusammenarbeit mit der Manifesta, wodurch diese gezwungen war, die kleineren Räume im Helmhaus und im Löwenbräu-Areal zu bespielen, behaupten Insider. Das Helmhaus, welches im Normalfall keine Eintrittspreise verlangt, soll nun offenbar sogar Geld zurückspielen müssen und die Besucherinnen berappen.

Kein Geld, wie immer in der Kunst Das Geld scheint die Hauptursache für die Kritik an der Kunstbiennale zu sein. Weil die Budgets von der Mutterorganisation in Holland erstellt werden, seien die berechneten Beträge nicht mit dem Preisniveau in Zürich vereinbar. Beispiel: Für die grosse Eröffnungsparty mit Kunst- und Politprominenz waren 4000 Franken budgetiert und «jeder, der sich in Zürich bezüglich Raummiete usw. auch nur ein bisschen auskennt, weiss, das ist zu wenig», berichten mehrere Insider. Auch ein Vergleich mit den Budgets der letzten Biennalen in Trentino, Murcia, Genk und St.Peterburg zeigt: Trotz deutlich höherem Lohn- und Preisniveau – der durchschnittliche Lohn in St. Petersburg liegt bei 400-600 Euro – operiert Manifesta in Zürich mit nur einer Million Franken mehr. Auch wenn die Budgets vor der Aufhebung des Euro-Mindestkurses berechnet wurden und der Organisation dadurch viel Geld verloren ging, stehen die Beträge in keinem Verhältnis. Auf Anfrage bestätigt die Organisation zwar die höheren Kosten in Zürich, bestreitet aber, dass keine preisliche Standortbestimmung vorgenommen wurde.




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Ausgerechnet bei ihrem eigenen Thema der Lohnarbeit scheint die Manifesta verwundbar und angreifbar. Und ausgerechnet sie, die «wichtige gesellschaftliche Debatten» anstossen soll, schafft es nicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Auch wenn die Manifesta «noch nie so viel Gegenwind» abbekommen hat, wie es ein Mitarbeiter beschreibt, zementiert sie mit ihrer dreimonatigen Residenz in Zürich das schärfste Klischee der Künstlerinnen und Kreativen: Wenig Lohn, viel Arbeit – nicht selten bis zur Selbstausbeutung. What People Do For Money: A Joint Venture. Ein bisschen Selbstreflexion zu diesem Thema würde den Verantwortlichen gut tun.

Info: Während mehreren Wochen befragten verschiedene Journalisten von Tsüri.ch zahlreiche Personen, die in irgendeiner Form mit der Manifesta zusammenarbeiten. Alle hier erhobenen Vorwürfe wurden jeweils von mindestens fünf Personen bestätigt. Deren Bedürfnis nach Anonymität berücksichtigte Tsüri.ch im Sinne des Quellenschutzes.

Titelbild: Instagram/luisapew

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