Sarah Verny Foto: Adhihetty

«Merke erst jetzt, wie viele Menschen ich jeden Tag umarmt habe»

Kulturschaffende sind direkt von der Corona-Krise betroffen – wir haben mit vier Personen aus der Branche gesprochen. In Teil 1 erzählen uns Theaterpädagogin Sarah Verny und Musikerin Andrina Bollinger, wie und ob sie finanziell über die Runden kommen, welche Absagen ihnen das Herz gebrochen haben und wie es nach dem Lockdown weitergehen soll.
04. April 2020
Redaktorin

Rahel Bains: Vor vier Monaten haben wir im Tsüri-Memberporträt über deinen Job als freischaffende Theaterpädagogin und deine vielen Projekte, die du
meist gleichzeitig organisierst, gesprochen. Was war dein erster Gedanke, als sich abgezeichnet hat, dass sich die Corona-Krise in diesem Masse zuspitzen
wird?

Sarah Verny: Mein erster Gedanke ging an eine Theaterproduktion, die am 22. April hätte Premiere feiern sollen – und vor allem an die beteiligten Schauspieler*innen, von denen drei zwischen 69 und 85 Jahre alt sind. Relativ schnell kam die Frage auf: Dürfen wir uns bei den Proben noch umarmen – und sind Proben allgemein überhaupt noch angebracht? Das Verbot von Letzteren kam dann kurz darauf, danach folgte der Entscheid des Bundes, den Theaterbetrieb ganz zu sistieren. Die Plakate und Flyer waren bereits gedruckt, alles musste weggeworfen werden.

Dieses Projekt, «unser Baby», wird sehr herausgefordert, nichts geht mehr auf wie angedacht.
Theaterpädagogin Sarah Verny

In Co-Produktion mit dem Theater Tuchlaube setzt du als Mitglied der Theatergruppe «SHIFT» über drei Jahre drei zusammenhängende
Produktionen um, in denen es um Zukunftswünsche und Träume der Menschen in und um Aarau geht. Wie steht es um dieses «Monsterprojekt»?

Es ist ein kleines Drama. Ein Theaterjahr dauert immer jeweils von September bis Juni. Unser erstes Jahr in Aarau geht im Juni zu Ende. Da wir davon ausgehen, dass wir bis dahin wohl nicht aufführen können, muss die Vorführung in die nächste Spielzeit hinausgeschoben werden, was wiederum Auswirkungen auf die zweite Produktion haben wird. Dieses Projekt, «unser Baby», wird sehr herausgefordert, nichts geht mehr auf wie angedacht.

Wir als Arbeitgeber*innen haben nun entscheiden, allen Beteiligten – alles freiberufliche Theaterschaffende – die vereinbarten Löhne inklusive Vorstellungsgagen auszuzahlen, die sie in der aktuellen Krise umso mehr brauchen. Damit haben wir das Lohnbudget aber vollständig ausgeschöpft. Wenn wir nach dem Lockdown weiter proben wollen, benötigen wir weitere finanzielle Mittel.

Ein anderes Beispiel: Anfang Juni hätte ich am Konzert Theater Bern mit dem Jugendclub, den ich dort leite, mit einem Stück Premiere gefeiert. Falls wir zu diesem Zeitpunkt überhaupt auftreten können, würden uns ganze zwei Monate Probezeit fehlen. Die Jugendlichen haben ich vor dem Lockdown jede Woche gesehen, ich vermisse sie und auch alle anderen Menschen, mit denen ich bei meinen Herzensprojekten jeweils zusammengearbeitet habe, so sehr! Und die Umarmungen! Ich merke erst jetzt, wie viele Menschen ich jeden Tag umarmt habe.

Wie kommst du finanziell über die Runden?

Ich habe mich beim RAV angemeldet, pauschal fallen mir insgesamt circa 4000 Franken weg, die natürlich sehr weh tun. Doch ich kann trotz Krise an einigen Projekten/Aufträgen weiterarbeiten, wofür ich sehr dankbar bin. Vom Konzert Theater Bern wurde mir zugesichert, dass der Lohn weiterhin voll ausgezahlt wird. Zudem unterrichte ich an einer Oberstufenschulen die Pflichtfächer Auftrittskompetenz und Storytelling, das läuft weiter – halt einfach online. Die Vorbereitung für den Unterricht braucht zwar im Moment viermal so viel Zeit wie davor, dafür ist es spannend, sich an neue Wege und Möglichkeiten des Unterrichtens heranzuwagen.

Was kommt nach der Corona-Krise? Weitermachen wie bisher?

Ich brenne für meinen Job und will nichts anderes machen, obwohl man oft schlecht bezahlt wird und der Beruf gesellschaftlich keinen grossen Status bringt. Doch die tiefe Auseinandersetzung mit Menschen und Gruppen, die zwischenmenschlichen Dynamiken und Beziehungen die dabei entstehen, die Entwicklungen, welche alle Mitwirkenden während eines Theaterprojekts durchmachen – auf all das würde ich um nichts auf der Welt verzichten wollen. kann. Aber welche Auswirkungen Covid 19 auf die Theaterwelt haben wird, ist momentan noch nicht abzusehen.

Ich bin Theaterpädagogin geworden, um in Trainerhosen barfuss im Proberaum rumzurennen und nicht, um wie jetzt den ganzen Tag im Büro vor dem Computer zu sitzen.
Theaterpädagogin Sarah Verny

Wie kommst du als Privatperson mit den Einschränkungen, die der Lockdown
derzeit mit sich bringt, klar?

Anfangs habe ich gelitten wie ne Sau. Aber hey, ich hatte während der vergangenen zwei Wochen noch keinen einzigen Breakdown und das ist schon mal ein Erfolg. Mittlerweile habe ich Strategien entwickelt, die mir die Situation erleichtern: Ich mache jeden Morgen Yoga, frühstücke ausgedehnt, fahre mit dem Velo ins Büro und habe mir abends jeweils Netflix-Verbot erteilt. Dafür lese ich viel, schreibe Tagebuch, telefoniere mit Herzensmenschen und gehe spazieren. Das alles funktioniert recht gut, doch die Aussicht, dass die Massnahmen theoretisch noch bis zum Spätsommer andauern könnten...das wäre für mich echt prekär, da würde ich glaub durchdrehen.

Ich bin ein Mensch, der stets unterwegs ist: Vom Büro geht’s nach Bern, dann ins GZ Seebach, am nächsten Tag nach Aarau usw. – und dabei bin immer von einer Gruppe von Menschen umgeben. Ich bin Theaterpädagogin geworden, um in Trainerhosen barfuss im Proberaum rumzurennen und nicht, um wie jetzt den ganzen Tag im Büro vor dem Computer zu sitzen.

Sarah Verny
Sarah Verny (*1987 in Zürich) schloss 2019 nach dem Bachelor- auch das Masterstudium Theaterpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ab. Sie assistierte an der Schaubühne Berlin, leitete in der Spielzeit 2015/2016 die Theaterpädagogik am Konzert Theater Bern und arbeitet seitdem freiberuflich für verschiedene Deutschschweizer Theaterinstitutionen u.a. für das Zürcher Schauspielhaus, Konzert Theater Bern und das MAXIM Theater. Ausserdem unterrichtet sie Auftrittskompetenz, Theater und Storytelling an verschiedenen Schulen in der Deutschschweiz und ist seit 2017 Co-Leiterin der Voyeure Zürich.

Andrina Bollinger

Rahel Bains: Vor wenigen Monaten bist du noch mit Erik Truffaz auf der Bühne gestanden und hast unter anderem den Song She’s the Moon performt. Hättest du damals gedacht, dass sich das Blatt so schnell wenden würde?

Andrina Bollinger: Ich glaube, ich hätte eher damit gerechnet, dass sich das Klima rächen würde zum Beipsiel in Form gewaltiger Stürme, wie wir sie ja mit «Sabine»
kürzlich erlebt hatten. Aber über die globale Ausbreitung eines Virus von einem auf den anderen Tag habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht.

Du bist hauptberuflich Musikerin, trittst solo auf aber bist auch Teil des Performance-Pop-Duos Eclecta, des Art Pop Duos JPTR, gibst Gesangsunterricht am Winterthurer Institut für aktuelle Musik (WIAM) uns produzierst Musik für Theaterstücke – in welchem Bereich hast du die Auswirkungen der Corona-Krise am schnellsten gespürt?

All meine Konzerte wurden abgesagt. Zuerst nur jene, die bis Ende April angesetzt waren, jetzt aber auch alle, die bis Mitte/Ende Mai hätten stattfinden sollen. Ich hätte zum Beispiel im Berner Bee-Flat im Zuge einer Carte Blanche innerhalb eines halben Jahres drei Konzerte kuratieren können – mit der Bedingung, dass ich jeweils auch dabei mitwirke. Das erste Konzert fand Ende Februar statt, dabei stand ich gemeinsam mit meinen beiden Duos JPTR und Eclecta auf der Bühne, das war toll – und werden wir auch wiederholen. Die anderen Auftritte sind verschoben worden.

Daneben wurden ein Solo-Auftritt und drei Konzerte von Eclecta abgesagt. Ende Mai hätte ich noch als Support in Paris gespielt in einem Saal mit knapp 2000 Plätzen, das ist jetzt auch gestrichen. Das alles wären sehr tolle Möglichkeiten für mich gewesen. Der Gesangsunterricht am WIAM findet jetzt über Zoom statt, der Klang ist zwar nicht so gut und bricht oft, aber immerhin besser als nichts. Auch nutzen wir nun die Gelegenheit, viel über Musik und sonstige Inspirationen zu sprechen. Bis jetzt läuft das ganz gut.

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Und finanziell?

Läuft es nicht so rosig. Für mich fallen derzeit 70 bis 80 Prozent meines Einkommens weg. Meine Haupttätigkeit ist es, auf der Bühne zu stehen. Ich unterrichte nur einen Tag in der Woche, das deckt gerade mal meine Miete. Deshalb habe ich mich jetzt mal bei der SVA angemeldet, eine von drei Anlaufstellen, die man mir ans Herz gelegt hat. Dort heisst es, man müsse sich jetzt einfach gedulden.

Es ist auch mal ok, den Pause-Knopf gedrückt zu halten, nirgendwo sein zu müssen und zu reflektieren.
Musikerin Andrina Bollinger

Dein Leben nach Corona?

Im ersten Moment haben mir die vielen Absagen, alle die tollen Möglichkeiten, die nun keine mehr sind, das Herz gebrochen. Doch zum Glück besteht bei einigen Konzerten die Möglichkeit, sie zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Ich bin schnell in einen anderen Modus, nämlich den, möglichst das Beste aus der
Situation zu machen, gewechselt und sehe die aktuelle Phase als eine Art kreativen Rückzug, durch den viel Neues entstehen kann.

Es ist auch mal ok, den Pause-Knopf gedrückt zu halten, nirgendwo sein zu müssen und zu reflektieren: Was soll sich ändern? Bin ich zufrieden, so wie es ist? Sonst ist man stets im Hamsterrad gefangen und hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie viele Wechsel und Neuerungen eigentlich möglich wären.

Wie sieht dein privater Lockdown aus?

Ich wohne gemeinsam mit meinem Freund und habe das Gefühl, den Tagesablauf jeweils relativ gut zu strukturieren: Ich mache morgens und abends Yoga, gehe
regelmässig einmal täglich an die frische Luft, meistens einmal ums Haus rum (lacht), versuche aber, den Rest von Zuhause aus zu machen. Die Meetings etwa finden über Zoom statt. Langweilig wurde mir bis jetzt auf jeden Fall noch nicht.

Andrina Bollinger
Sängerin, Performerin, Komponistin und Multiinstrumentalistin Andrina Bollinger (*1991) gilt als Musikerin, die ständig unterwegs ist, um neues Terrain zu erkunden. Neben engen Kollaborationen mit ihrem Art Pop-Duo «Eclecta», dem Drums-Vocals-Duo «JPTR», dem Trompeter Erik Truffaz und ihrer Arbeit als Komponistin und Darstellerin in Theaterproduktionen, fokussiert sie sich nun immer mehr auf ihren solistischen Weg. Andrina bildete ihre Stimme an der Zürcher Hochschule der Künste und unterrichtet derzeit Gesang und Sightreading am Winterthurer Institut für aktuelle Musik (WIAM).

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