SVP-Regierungsrat Stocker: «Bauern und Kreative sind sich sehr ähnlich.»

Der kantonale Finanzvorsteher und SVP-Regierungsrat Ernst Stocker war im Kosmos zu Gast, um über Kulturförderung zu sprechen. Er verglich Kreative mit Bauern und forderte sie auf, ein bisschen selbsttragender zu sein. Also die Kreativen natürlich.
21. März 2018

Zum allerersten Mal sitzt der SVP-Regierungsrat und ehemalige Landwirt Ernst Stocker im Kulturtempel Kosmos. Offenbar hat er sich gut informiert, auf welches Publikum er trifft: Er gendert während dem ganzen Abend, spricht von «Kollegen und Kolleginnen», von «Schülern und Schülerinnen». Natürlich gefällt das dem Zürcher Kulturfilz, der sich am Montagabend zu einer Diskussion über die zukünftige Kulturförderung des Kantons versammelte. In einem anderen wichtigen Punkt haben der Bauer und die Kreativen das Heu allerdings nicht auf der gleichen Bühne. Gleich zu Beginn macht der kantonale Finanzchef klar: «Ich bin kein kulturaffiner Mensch, ich bitte um Verständnis.» «Die neue Finanzordnung», antwortet Stocker auf die Frage, welches Buch er derzeit lese; «leichte Krimis» führe er sich in den Ferien zu Gemüte.

Mut braucht der Politiker an diesem Abend keinen, Geld hätte er mehr mitbringen können. Mit viel Charme und entwaffnender Ehrlichkeit begegnet Stocker den Kulturschaffenden und stellt gleich zu Beginn klar: «Beim staatlichen Geld geht es natürlich immer darum, wer es kriegt. Diesen Verteilungskampf wird es immer geben.» Somit ist klar, dass die Kultur auch nach dem Jahr 2021 nicht mit mehr Geld vom Kanton rechnen kann. Dann nämlich läuft die Übergangslösung aus, mit der Geld aus dem Lotteriefonds in die Kulturförderung fliesst. Momentan sind das rund 23 Millionen Franken pro Jahr. Der Regierungsrat macht sich dafür stark, diese Lösung auch nach dem Jahr 2021 fortzuführen. Beschliessen kann er dies noch nicht, weil er abwartet, wie das Schweizer Volk im Juni über das neue Geldspielgesetz abstimmen wird. Der Ausgang dieser Abstimmung hat grosse Auswirkungen darauf, wie viel Geld zukünftig in den Lotterietopf fliessen wird. Ein «Nein» an der Urne würde beispielsweise Online-Casinos aus dem Ausland Tür und Tor öffnen, um in der Schweiz zu geschäften. Stocker dazu: «Ich empfehle die Ja-Parole. Sonst geht das ganze Geld nach Malta oder sonst irgendwohin; aber sicher nicht in die Kultur.»

Rüebli sind auch Kultur

Egal, wie die Abstimmung über das Geldspielgesetz ausgehen wird: Der Finanzminister des Kantons ist sicher, dass es auch nach 2021 eine Lösung für die Kulturförderung geben wird. Entweder mit dem präferierten Fonds-Model oder in einer anderen Form. Sicher ist für Stocker aber auch, dass die Politik mitreden darf, welche Kulturinstitutionen von der Förderung profitieren können. Dabei gehe es nicht um Zensur, sondern um gewisse Grenzen, welche auch die Kulturschaffenden einhalten müssten. Oder: «Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.»

Doch was ist das eigentlich für den Bauern aus Wädenswil, diese «Kultur»?

«Kultur ist für mich auch, wenn ich durch meinen Garten mit den eigenen Härdöpfel und Rüebli spaziere: Kulturland also.»

Obwohl Stocker sich nicht als kulturaffin bezeichnet, glaubt er der Aufgabe des Geldverteilers gewachsen zu sein, «dank den vielen guten Beraterinnen und Berater». Er sei nur derjenige ganz oben, der am Schluss nicke.

«Das Geld in der Kulturförderung ist gut investiert», ist Stocker überzeugt. Die Kreativwirtschaft floriere und sei ein wichtiger Standortvorteil für Zürich. Oder in seinen Worten: «Kultur ist wichtig, aber es gibt auch anderes.» Ein Vorbild nehmen könne sich die gesamte Branche an der Sparte der Game-Designer*innen, wo Zürich eine Vorbildfunktion übernehme: «Da sind wir gut aufgestellt.» Selber game er nicht, er zeichne lieber mit seinen drei Enkeln. Leider rentierten nicht alle Zweige der Kreativwirtschaft, und Regierungsrat Stocker hätte dies gerne anders. Er frage sich schon, warum es in einer reichen Stadt wie Zürich nicht möglich sei, ein kostendeckendes Kulturangebot auf die Beine zu stellen. «Die Kreativen können nicht nur vom Staat leben, irgendwann müssen sie ihren Weg selber finden. Sonst geht die Rechnung nicht auf.»

Von Kuchen und Lobbying

Regierungsrat Stocker ist offen, direkt und verspricht, die verschiedenen Inputs aus dem Fachpublikum mitzunehmen. Beruhigende und grosszügige Versprechen kann er keine abliefern. Als Finanzminister müsse er sorgfältig mit den 16 Milliarden Franken umgehen – so gross ist sein jährliches Budget. Wer ein grösseres Stück vom Kuchen wolle, müsse gut argumentieren und lobbyieren.

Irgendwann gegen Ende des Abends stellt jemand aus dem Publikum die Frage, was denn die Bauern besser machen als die Kreativen, weil erstere viel mehr Geld vom Staat erhalten. Regierungsrat Stocker zögert, überlegt und antwortet dann: «Kultur kommt von kultivieren. Und beide haben das gleiche Problem: Sie sind nicht auf Rosen gebettet.» Und fügt an: «Bauern und Kreative sind also nicht so weit voneinander entfernt. Da staunen Sie jetzt.» Der Politiker schien ob dieser Erkenntnis selber überrascht. Der Frage gekonnt ausgewichen ist er trotzdem – denn wenn sich Bauern und Kreative so ähnlich sind, wie Stocker behauptet, wäre es ja nur fair, wenn sie gleich hohe Beträge erhielten.

Kulturförderung im Kanton Zürich 2016

Hier siehst du, wie die Kulturförderung im einzelnen aufgeteilt wird:

Auch die Stadt Zürich fördert Kultur: Von den jährlich über 50 Millionen Franken fliessen knapp 79 Prozent an das Schauspielhaus Zürich. Folglich profitieren im Kanton Zürich einzig das Opern- und das Schauspielhaus von einer substanziellen Förderung durch den Staat.

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Bildquelle: Simon Jacoby

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