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Das Bild zeigt ein Detail des alten deutschen Gerichstgebäudes in Apia, Samoa und wurde von Madhumita Nandi fotografiert.

«Die Schweiz ist eine sekundäre Kolonialmacht»

Präsentiert von Theater Neumarkt
Vor 100 Jahren hat Wilhelm Solf als Gouverneur für die Deutschen den pazifischen Inselstaat Samoa regiert. Wie steht es heute um die ehemalige Kolonie? Wie steht es heute um den Neo-Kolonialismus? Und inwiefern betrifft es uns in Zürich und der Schweiz? Die Namensvetterin des ehemaligen Gouverneurs, Nele Solf, und ihr Team bringen die Thematik ins Neumarkt. Wir haben sie zum Interview getroffen.
17. November 2019

Nele Solf, du inszenierst am Neumarkt ein Stück über Kolonialismus. Warum?

«Koloniale Grüsse aus Samoa» ist im Rahmen meines ZHdK-Studiums entstanden und eine Teamarbeit mit Friederike Helmes, Dorothea Mildenberger, Madhumita Nandi, Ronja Rinderknecht, Aline Stäheli und Sabrina Tannen. Die Auseinandersetzung war uns allen wichtig, weil die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit für die europäischen Länder zentral ist. Das ist die Grundlage unserer heutigen Welt. Um das Heute zu verstehen, müssen wir die Basis kennen.

100 Jahre nach Wilhelm Solfs Herrschaft als deutscher Gouverneur auf Samoa hast du den Pazifikstaat besucht. Was hast du erlebt?

Ich habe neue Perspektiven gewonnen und habe mich selbst ganz neu hinterfragen müssen. Die Erfahrungen waren intensiv und so kurz gar nicht beschreibbar. Der Kolonialismus ist aber in allem noch präsent. Unsere westlichen Vorfahren haben verschiedene Erdteile erobert und versucht, diese mehr wie «Zuhause» zu machen. Dadurch ist auch auf Samoa vieles westlichen Bedürfnissen angepasst.

Hält diese Entwicklung der westlichen Einflussnahme auf Samoa weiter an?

Ja, zum Beispiel denken westliche Unternehmen, die Versorgung mit westlichen Gütern sei für die Menschen dort wichtig; dies, ohne die Bedürfnisse der Bewohner*innen zu kennen. Samoa ist zudem sehr klein, hat halb so viele Einwohner*innen wie Zürich, und darum wenig Macht in internationalen Verhandlungen. Dies ist verheerend, weil die Pazifikstaaten sehr stark von der Klimakrise betroffen sind und so ihre Lebensgrundlage verlieren. Dies ist zwar kein aktives Zuleide Werken der westlichen Staaten, aber eine direkte Folge unseres Wirtschaftens und zwingt die ehemaligen Kolonien, sich dazu zu verhalten.

Beobachtest du derzeit einen Neo-Kolonialismus, nicht unbedingt mit militärischer, dafür mit politischer und wirtschaftlicher Unterdrückung?

Damals wie heute geht es darum, neue Absatzmärkte für Produkte zu schaffen. Das kann alles mögliche sein: Von Telefonen über Schokolade bis zum Action-Blockbuster. Natürlich spielt auch die ideologische Einflussnahme auch heute noch eine wichtige Rolle: Früher stand das Christentum und dessen Verbreitung im Zentrum, heute geht es um säkulare Werte, die mit der Arroganz des Westens als normal und wichtig angeschaut werden. Dies befördert auch die wirtschaftliche und militärische Übermacht.

Wir wollen erreichen, dass das Eigene nicht automatisch als das einzig Normale betrachtet wird.

In der Schweiz denken wir oft, wir hätten nichts mit Kolonien am Hut gehabt. Stimmt aber nicht; zeigst du auch deshalb dein Stück in Zürich?

Da das ganze Team in Zürich lebt und arbeitet, haben wir uns sehr über die Kooperationsmöglichkeit mit dem Neumarkt gefreut. Aber auch inhaltlich gibt es gute Anknüpfungspunkte: Der Kolonialstil von Wilhelm Solf auf Samoa und die Methoden, die er gewählt hat, also nicht gewalttätig oder militärisch, passen ganz gut zur Schweiz. Die Schweiz hat keinen Völkermord begangen und ist nicht in andere Länder einmarschiert, hat aber definitiv mitprofitiert. Viele Menschen sind in die eroberten Gebiete umgesiedelt, haben dort Plantagen aufgebaut und so die Kolonien gestützt und finanziert. Insofern ist die Schweiz eine sekundäre Kolonialmacht.

Was erwartet das Publikum im Neumarkt?

Die Lecture Performance ist ein Versuch, dem Konzept des Erbes auf den Grund zu gehen und zu fragen, wie unsere Geschichte unser heutiges Handeln formt. Wir wollen nicht im Voraus eine bestimmte Stimmung erzeugen, dies geschieht dann zusammen mit dem Publikum. Wir wollen erreichen, dass das Eigene nicht automatisch als das einzig Normale betrachtet wird. Es kann sicher passieren, dass sich das Publikum betroffen, angesprochen oder sogar angegriffen fühlt. Sonst wäre es eine etwas zahnlose Angelegenheit.

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