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Das neue Kunsthaus (Foto: Luxwerk Zürich)

Kunsthaus-Erweiterungsbau: Kritisch und genüsslich hinsehen

An diesem Wochenende öffnet der Kunsthaus-Erweiterungsbau von David Chipperfield und ermöglicht einem breiten Publikum, die neu inszenierten Sammlungen in sämtlichen Gebäudeteilen in Augenschein zu nehmen.
08. Oktober 2021

Dieser Artikel stammt von der Zürcher Zeitung P.S. Die Wochenzeitung P.S. gehört wie Tsüri.ch zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz. Unterstütze die Arbeit der P.S. Zeitung mit einem Abo, um unabhängige Berichterstattung zu Politik- und Kulturthemen zu erhalten.


Text: Thierry Frochaux

Spielten Eitelkeiten in Sachen Repräsentanz niemals nie keine Rolle und wäre das Grossstadtbewusstsein in der Stadt Zürich statt bloss eines Gehabes ein tatsächlich gelebtes Gefühl, wir würden uns mit einem internationalen Leuchtturm auf dem Feld der Bildenden Kunst begnügen und ihn in nur einer Zugstunde Distanz im Kunstmuseum Basel geniessen können. Bekanntlich ist dem nicht so. Drum hat jetzt Zürich mal wieder den Grössten – in der Fläche.

Der interimistische Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, Konrad Ulrich, betonte in seiner Ansprache gegenüber den Medien am Mittwoch, dass mit dem Erweiterungsbau und der beschlossenen Subventionserhöhung für den Betrieb nicht nur der räumlich-repräsentative, sondern auch «der nötige finanzielle Spielraum, um auch international in der Spitzenliga mitzuspielen» vorhanden ist, es im Umkehrschluss also für eine geraume Zeit nicht mehr Geld der öffentlichen Hand fürs Kunsthaus braucht.

Die Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich (Foto: Franca Candrian)

Die zweite, eher profan wirken mögende, aber praktisch nicht unwichtige Neuigkeit betrifft den freien Eintritt am Mittwoch in die Sammlungsräume. Er wird beibehalten. Aktuell, bis mindestens 22.2.22, wenn im Bührle-Saal im Pfister-Bau die Ausstellung «Walter de Maria: The 2000 Sculpture» ausläuft, fallen sämtliche Räume in allen Gebäuden darunter.

In fünf Monaten, also 19 Gratismittwochen, müsste es möglich sein, die Werke im Kunsthaus integral und mit ausreichend Musse à fonds gesehen zu haben – inklusive der beiden Räume, die sich mit den Komplexen der Provenienzforschung, von Fluchtgut/Raubgut und dem Stand der Bührle-Forschung befassen.

Christoph Becker, noch Direktor, erklärte bei der gleichen Gelegenheit, «der Prozess der Forschung wie auch der Kontextualisierung sind noch nicht abgeschlossen» und kündigte an, «die Kriterien dafür müssen präzisiert werden».

Corine Mauch unterstützte ihn mit Vehemenz und erinnerte daran, dass (ausser den Medien) auch die akademische Forschung mit ihren Unterabteilungen an der Uni Zürich ihre Arbeit fortführen und dass die allenfalls dabei erlangten neuen Erkenntnisse selbstredend ihren Widerhall in ebendiesen Räumen im Zürcher Kunsthaus – und digital – finden werden. Müssen.

Marsch durch die Institutionen

Allen, die es genau wissen wollen, sei die Lektüre des Forschungsberichts, den das Präsidialdepartement der Stadt Zürich und die Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich bei Matthieu Leimgruber in Auftrag geben hatten (P.S. vom 20.11.20) empfohlen. In nüchterner Wortwahl wird darin mehr als bloss ein Schlaglicht auf den Industriellen Emil Bührle geworfen.

Die unlängst wieder aufgeflammte und in Schlagzeilen/Bücher geflossene Auseinandersetzung mit Emil Bührle, liesse sich nämlich auch genau umgekehrt, dafür weniger skandalträchtig erzählen: Wäre die Sammlung der Stiftung E.G. Bührle nicht für mindestens zwanzig Jahre an die Zürcher Kunstgesellschaft ausgeliehen und ihre Historie in der Bibliothek des Kunsthauses Zürich für die Forschung zugänglich gemacht worden, könnten sie die Eigner mit Berufung auf das Washingtoner Abkommen mit Fug und Recht darauf berufen, dass für Private keine Aufarbeitungspflicht hinsichtlich der Provenienz von Kunstwerken oder gar der Herkunft der dafür aufgebrachten Gelder besteht

der Chipperfield-Bau von Heimplatz aus gesehen (Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich)

Erst mit der Öffentlichmachung via Leihvertrag mit der Zürcher Kunstgesellschaft kann diese Rechtfertigungspflicht überhaupt erst (juristisch wie moralisch) eingefordert werden. Alle weiteren Forderungen einer dringlicheren Deutlichmachung etc. an die Zürcher Kunstgesellschaft könnte vergleichsweise einfach mit einer Neuauflage eines Marsches durch die Institutionen erwirkt werden.

Es müssten einfach mehrere tausend Personen der Zürcher Kunstgesellschaft beitreten und die dortigen Entschlüsse in Richtung eigenem Dafürhalten durchsetzen. Zum Beispiel, ein:e Künstler:in mit einem Werk beauftragen, das als «Kunst am Bau» im grossen Entrée des Chipperfield-Baus hängen zu kommen hat und durch die Verwendung von Davidstern, Rosa- und Schwarzem-Winkel den Zusammenhang mit den Naziverbrechen deutlich und sichtbar anzubringen.

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Zum Beispiel. Und Zürich Tourismus könnte genauso beispielhaft den generell gültigen Claim «unser Reichtum beruht auf Ausbeutung» für ihre Werbemassnahmen verwenden. Oder wir ergänzen gleich das ganze Stadtwappen damit.

(Viel) Mehr als Bührle

Zurück zur Kunst und damit auch dem Ernst. Die Forschungsarbeit «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus» fächert schön auf, wie das politische Zürich seit seinen Jahren als «Rotes Zürich», in der Abstimmung um den Pfister-Erweiterungsbau mit Bührlesaal, der inklusive Kunsthausrestaurant aus dem Bührle-Vermögen berappt wurde und der jetzt mindestens zur Hälfe vom Souverän bezahlten Erweiterungsbaus inklusive Aussicht da­rauf, grosse Teile dieser Sammlung darin auszustellen, immer wieder eine Mehrheit der Stimmbevölkerung fand.

Die Diskussion ist nur in den dreissig Jahren verstummt, in denen die Sammlung dem Dornröschenschlaf in einer Villa am Zürichberg frönte. Dass dies wieder der Fall sein könnte, erscheint im Augenblick höchst unwahrscheinlich.

Den Verantwortlichen ihre Beteuerungen, diesen monströsen Fragenkomplex im Auge zu behalten und bei Bedarf angemessen auf Veränderungen im Stand des Wissens zu reagieren, einfach mal kategorisch abzusprechen, grenzt an Böswilligkeit.

Das totale Gegenüber ist glücklicherweise das allererste, was einem im neuen Chipperfield-Bau begegnet: Die Sammlung von Gabrielle und Werner Merzbacher-Meyer. Hier geht einem ganz banal, aber umso nahhaltiger einfach das Herz auf.

Zum Geleit prangt hier der Glück-Wunsch an ein Publikum von Werner Merzbacher an der Wand: «Ich hoffe, dass Sie viel Freude haben werden und positive Gefühle empfinden.» In diesen Sälen wird aus diesem Wunsch ein Versprechen.

Und niemand hat bislang ausgeschlossen, dass aus den langjährigen Leihverträgen letztlich nicht doch noch Schenkungen werden könnten. Gemäss Christoph Becker besteht die Sammlung der Zürcher Kunstgesellschaft bereits heute zu achtzig Prozent aus Schenkungen und er bittet die Öffentlichkeit, die kritische Bevölkerung und die kunstsinnigen Hierherreisenden, «das (jetzt startende) Experiment anzunehmen».


Forschungsbericht Leimgruber/Amstad/Haller/Keller: «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus», 268 Seiten plus Anmerkungen Tisa Francini/Tanner, kostenlos:
www.zora.uzh.ch/id/eprint/202045

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