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Das Areal rund um den Bahnhof wird auch «Klein-Manhattan» genannt.

Ein Ausflug in den Kreis 9: Zwischen Neubauten und besetzten Häusern

Neubauten, Baugruben, besetzte Häuser – Altstetten galt lange als zukünftiges Trendquartier. Redaktorin Rahel Bains verbrachte eine Nacht lang im Kreis 9 und fragt sich: Wann kommt er den nun, der Durchbruch, von dem sie alle schon so lange sprechen?
24. August 2020
Redaktorin

Für diese Serie haben wir alle 12 Stadtkreise besucht, in den Hotels dieser Stadt übernachtet und erkundet, was die Kreise aus den Augen eines Touris so alles zu bieten haben.


Ich verlasse den Escher-Wyss-Platz mit dem Tram der Linie 4. Das Ziel: Altstetten Bahnhof. Ich fahre am 25 Hours Hotel vorbei, am Hardturmpark, der Börse, an grossen, kantigen Gebäuden. An der Station «Aargauerstrasse» steigen Männer in Anzügen und umgehängter Laptop-Tasche ein. Das Tram fährt weiter, zuerst zieht die Stadionbrache und wenige Sekunden später das Basislager an mir vorbei. Letzteres beherbergt in vier Ateliergebäuden gut 200 Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich. Die Ateliers ergänzen eine 2010 von der Asylorganisation Zürich erstellte temporäre Wohnsiedlung.

Nach nur sechs Minuten habe ich mein Ziel erreicht. Wie klein diese Stadt doch ist. An Säulen und Containern kleben schwarz-weisse Plakate mit der Aufschrift «Wem gehört Altstetten?» mit Verweis auf die besetzten Häuser an der Grimselstrasse. Zwischen eindrucksvollen, mit Spiegelfassaden verzierten Julius Bär- und UBS-Gebäuden laufe ich den Gleisen entlang. Manche nennen diesen Ort auch «Klein-Manhattan». Ich erreiche mein Hotel für die kommende Nacht: das aja Zürich, das mit seinen hohen Türmen nicht weniger imposant ist.

Ausblick aus Zimmer Nummer 4026.

Wann kommt er den nun, der Durchbruch, von sie alle schon so lange sprechen?

Der Weg zum Eingang ist links und rechts mit einer Kordel verziert, in der Hotel-Lobby kann man sich auf farbigen, fancy Sesseln hinsetzen. Murat vom Empfang begrüsst mich freundlich und gut gelaunt, checkt mich ein und verweist auf den Wellnessbereich mit Terrasse, den Fitnessraum sowie auf den Fakt, dass das aja das erste NIVEA-Haus der Schweiz beherberge. Dies bedeute soviel wie: Ich kann mich mit Produkten der Marke eindecken – wenn ich denn will – und Treatments wie Gesichtsbehandlungen oder Massagen buchen. Nice. Ich checke im Zimmer Nummer 4026 ein. Aufgrund der sommerlichen Temperaturen entscheide ich mich gegen einen Saunabesuch, dafür für einen Schwumm in der Limmat, so wie es Murat mir empfohlen hatte.

Doch bevor ich mich in Richtung Werdinsel aufmache, schlendere ich ein wenig durch den Kern dieses Quartiers, Startpunkt bildet der Bahnhof. Die Strasse davor ist eine einzige grosse Baustelle. Rundherum ragen Neubauten in die Höhe. Mir kommt der Refrain von Peter Fox’ Lied «Alles neu» in den Sinn: «Alles glänzt, so schön neu».

Kaum ein anderer Zürcher Stadtteil hat sich in den letzten Jahrzehnten stärker gewandelt als Altstetten. Lange galt das Viertel als zukünftiges Trendquartier – doch wann kommt er den nun, der Durchbruch, von sie alle schon so lange sprechen? Ich laufe weiter, gehe kreuz und quer. Beschauliche kleine Häuserreihen aus den 90ern mit blassrosa Anstrich wechseln sich ab mit Abbruchhäusern, auf denen Baugespanne trohnen oder weiteren frisch gebauten in den Himmel ragenden Wohnkomplexen, auf deren Balkonen teure Rennvelos stehen.

Baustellen, soweit das Auge reicht.

Altstetten gilt als das bevölkerungsstärkste Quartier der Stadt

Entstanden ist der Kreis 9 ist im Rahmen der zweiten Eingemeindung von 1934. Im Gegensatz zu den übrigen Stadtkreisen hat er nie eine Veränderung durchlaufen und umfasst seit seiner Schaffung die ehemals selbständigen Gemeinden Albisrieden und Altstetten. Insgesamt leben dort 55’765 Menschen, Altstetten mit seinen rund 33’000 Einwohnern gilt als das bevölkerungsstärkste Quartier der Stadt.

«Altstetten ist toll, du hast den Wald in der Nähe und bist schnell in der Innenstadt», sagt meine Begleitung. Hat sie Recht? Und was ist mit dem vielen Beton? All den Baugruben, der riesigen Industriefläche und den omnipräsenten Firmengebäuden? Eine grüne Brücke führt mich über die stark befahrene Bernerstrasse direkt zur Siedlung Grünau, die 1976 erbaut wurde. Damals wollte man auf Stadtgebiet ein neues Quartier mit Zentrumsfunktion schaffen, das dem seit Jahren bestehenden Bevölkerungsrückgang in städtischem Gebiet entgegenwirken sollte. Sie ist, wie so viele Gebäude hier: massiv.

Ein kleiner Teil der Siedlung Grünau.

Einige hundert Meter weiter lockt der hintere Teil der Werdinsel. Hier hat es etwas, das man in den Seebädern dieser Stadt vergeblich sucht: Platz. Die nassen Badesachen wieder im Rucksack verstaut, mache ich mich auf den Weg zurück ins Hotel für eine kleine Pause, nicht ohne zuerst bei «Onkel Emma» gleich neben der Freestylehalle vorbeizuschauen.

Der Quartierladen ist Teils des Projekts Vertigo der Stiftung ZKJ (Zürcher Kinder- und Jugendheime»). Jugendliche mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten dort die Möglichkeit, eine Lehre zu absolvieren. Gekauft werden können Vintage-Fundstücke – von Sneakern bis Möbelstücken.

Ruhige Stimmung auf der Werdinsel.

Kebab im Taschebrot

«Memo» sei der beste Döner-Imbiss der ganzen Stadt, das zumindest hat mir ein Freund einen Tag zuvor verraten. Das Lokal liegt nahe des Lindenplatzes, gleich neben dem Lebensmittelgeschäft «Fresh & Good», das mit einer der wohl längsten Früchte- und Gemüseauslagen der Stadt aufwartet.

Da die kulinarischen Empfehlungen für den Kreis 9 seitens Hotel-Desk zu wünschen übrig lassen, beschliesse ich, mich bei «Memo» in die Warteschlange einzureihen und einen Kebab im Taschenbrot zu bestellen. Er ist ganz gut, der meiner Begleitung aus dem «Lindentreff» einige Meter weiter aber noch besser.

«Fresh & Good».

Gegessen wird auf einer Bank auf dem Lindenplatz. Dort scheint das Rad der Zeit in den 90ern stehen geblieben zu sein. Weit und breit ist kein einziges Hipster-Café mit von der Decke hängenden Glühbirnen und/oder Blumentöpfen zu sehen – was für eine wohltuende Abwechslung – dafür wird der Platz von einem Denner, einem Coop, einem Fotogeschäft und einem Café namens «Buena Vista» gesäumt.

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Ja, das Grün ist hier in der Tat echt nah

Die Bänke neben mir sind alle besetzt. Ältere Frauen und Männer sitzen nebeneinander, manche rauchen, andere schauen den Wasserfontänen zu, wie sie aus dem mit Pflastersteinen bedeckten Belag schiessen. Mir gefällt die Szenerie, nichts ist aufgesetzt oder zu Tode aufgewertet wie bei mir zu Hause im Kreis 6 am Fusse des Zürichbergs. Ich sehe einen Bus mit der Aufschrift «Dunkelhölzli» und erinnere mich an einen Besuch des Gemeinschaftsgartens Dunkelhölzli nahe der Stadtgrenze vor wenigen Wochen. Ja, das Grün ist hier in der Tat echt nah.

Ich laufe am GZ Bachwiesen vorbei weiter in Richtung Koch-Areal, dem grössten besetzten Gelände der Stadt. 2013 wurde es besetzt – in den darauffolgenden Jahren kamen nach der Räumung der Areale Binz und Labitzke weitere Besetzer*innen hinzu. Die Stadt hatte die Liegenschaft ursprünglich für 70 Millionen Franken der UBS abgekauft. Sie will darauf eine Überbauung realisieren – mit rund 370 gemeinnützigen Wohnungen, einem grossen Gewerbehaus und einem Quartierpark. Rund tausend Menschen sollen dereinst hier leben.

«The Magic Number»

Derzeit nutzen das Areal sowohl die F+F-Schule als auch der Zirkus Knopf. Inmitten von parkierten Zirkuswagen und Bussen gibt es ein kleines Restaurant namens «Zoo». Geführt wird es von Nick alias Soup, dessen Kunst die Wände seines Lokals schmückt.

Soup empfängt mich mit einem Bier. Wir beginnen zu quatschen. Über seine Heimat Australien, darüber, dass er mit seinen 50 Jahren noch lange nicht alles von dieser Welt gesehen hat, die Anfänge des Koch-Areals und dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis Altstetten als Teil des inneren Stadtkerns bezeichnet werde. «Früher war Wipkingen das Altstetten von heute und sieh dir es jetzt an. Es ist quasi Downtown.» Während aus der Musikbox «The Magic Number» von De La Soul dröhnt, wird es langsam dunkel. Vor den Wohnwagen beginnen die Lichterketten zu leuchten, auf dem Kiesplatz lodert in einer Schale ein Feuer, Menschen sitzen an kleinen Tischen. Es ist schön.

Das Restaurant «Zoo» auf dem Koch-Areal.

Schokomuffin und Popcorn

Zurück in meinem Hotelzimmer, von dessem grossen Fenster aus ich den Uetliberg leuchten sehe, kuschle ich mich in die weichen, weissen Laken meines Doppelbetts. Nicht ohne zuvor den bereitgestellten Schokomuffin und das Popcorn mit Paprikageschmack aufzuessen. Zum Frühstück wird mir auf Wunsch Birchermüesli, Fruchtsalat und eine Auswahl an verschiedenen Broten serviert. Ich geniesse die letzten Minuten im Kreis 9, neben mir sitzen zwei Männer mit aufgeschlagenen Laptops vor sich, daneben ein junges Paar aus Deutschland. Kurze Zeit später renne ich auf das wartende Tram 4, um mich zurück in die Innenstadt fahren zu lassen. Ein bisschen wehmütig blicke ich durch das Fenster zurück: Altstetten, ich glaub ich mag dich.

Fazit

Wie mir Murat vom Hotel-Desk erklärte, würde das aja Zürich einen «bunten Mix» aus Businessleuten aber auch Tourist*innen beherbergen. Letztere ziehe es fürs Sightseeing jedoch meistens in die Innenstadt. Der Kreis 9 ist mit all seinen Zwischennutzungen, den vielen Naherholungsgebieten sowie seiner – noch – durchmischten Anwohnerschaft aber durchaus auch einen Besuch wert.

Bewertungsraster des Kreises (1 bis 5 Sterne)

Instagramability des Hotels *****

Kriminalität des Kreises ***

Erschlossenheit mit dem ÖV *****

Grösse des Portemonnaies *****

Kulinarische Auswahl ***
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Transparenz: Die Übernachtung im Hotel wurde uns auf Anfrage offeriert.

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