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Morgens um acht auf dem Markt in Oerlikon. (Foto: Sophie Fauser)

Ein Ausflug in den Kreis 11: Von hängenden Gärten und nicen Märkten

Oerlikon, Seebach und Affoltern sind für die meisten Zürcher*innen unbekanntes Territorium. Redaktor Elio Donauer verbrachte eine Nacht in Oerlikon und erklärt, warum es sich durchaus lohnt, seinen Horizont über den Milchbuck hinaus zu erweitern.
26. August 2020
Projektleiter Civic Media

Für diese Serie haben wir alle 12 Stadtkreise besucht, in den Hotels dieser Stadt übernachtet und erkundet, was die Kreise aus den Augen eines Touris so alles zu bieten haben.

Um gleich zu Beginn klarzustellen: Ich habe meine ersten sechs Zürcher Jahre in Oerlikon gewohnt und kenne das Quartier deshalb relativ gut. Für viele Zürcher*innen hingegen ist der Kreis hinter dem Hügel ein weisser Fleck auf der Karte. Zeit, den Zürcher*innen den Kreis 11 näherzubringen. Ich auf jeden Fall freue mich auf den Touri-Besuch in meinem alten Quartier. Schliesslich heisst es in Chanson «Oerlikon» aus den 50er Jahren «Nun weiss jedes Kind und jeder Tourist, dass Zürich nur dein Vorort ist.»

Das Quartier hinter dem Berg

Wenn der Aufstieg zum Bucheggplatz geschafft ist, rollt es sich mit dem Velo leicht und gemächlich zwischen Radiostudio und Brache Guggach hinunter nach Oerlikon. Der ikonische Wolkenkratzer des Swissôtel ist bald zu sehen und schon ist man mitten im hektischen Treiben beim Bahnhof. Weiter geht die Fahrt; vorbei am Marktplatz, dem pulsierenden Herz Oerlikons. Hier treffen sich alte Männer zum Schach, Jugendliche, um ihre Boomboxes zu testen und Familien mit Kindern. Es erinnert mehr an eine italienische Piazza, als an ein langweiliges Vorortquartier. Rund hundert Meter vom Marktplatz, vorbei am denkmalgeschützten Sexkino, liegt bereits meine Unterkunft für die Nacht.

Modern, aber nichts für Instagram

Ich bin heute im Hotel Sternen Oerlikon zu Gast: ein klassisches Businesshotel. Die Gäste arbeiten zumeist für ABB, PWC oder Sunrise, erklärt mir der Receptionist. Am Wochenende sind oft Besucher*innen von Veranstaltungen im Hallenstadion, Theater 11 oder der Halle 622 zu Gast. Erst jetzt wird mir bewusst, dass Oerlikon wohl ein kulturelles Angebot hat, das andere Stadtkreise bei weitem in den Schatten stellt.

Während des Lockdowns war das Hotel geschlossen und hat erst im Juni seine Tore unter der Woche wieder geöffnet. Jetzt ist das Haus wieder die ganze Woche offen. Die Nachfrage ziehe an, erzählt man mir an der Reception. Heute wäre das Hotel zur Hälfte ausgelastet und es gehe aufwärts. Zeit, das Zimmer auszuchecken.

Das Hotel Sternen liegt an der Schaffhauserstrasse.

Das schlichte Zimmer ist modern, sauber und unaufgeregt eingerichtet. Ein richtiges Businesshotel halt. Instagrammability und Trend steht hier definitiv nicht im Zentrum. Dafür gibt es ein preiswertes Zimmer ohne viel Chichi. Auf dem Pult liegt schon das Weekly Paper mit persönlichen Tipps. Dieses enthält jedoch Vorschläge wie der Besuch im Züri Zoo, die Miete von Luxusbooten auf dem Zürichsee und ein Restaurantbesuch in Kilchberg. Auch der hauseigene Blog empfiehlt nur Sehenswürdigkeiten ausserhalb des Kreis 11. An der Reception rät man mir zum Besuch des MFO-Parks. Den habe ich tatsächlich noch nie richtig gesehen – also los.

Zweckmässig eingerichtete Zimmer ohne Chichi.

Die hängenden Gärten der Maschinenfabrik

Nach der Unterquerung des Bahnhofs lande ich in Neu-Oerlikon. Hier stehen grosse Bürogebäude der ABB, Aussenstandorte der Uni Zürich und weitere Grossfirmen. Vorbei an Glassfassaden und Teslaparkplätzen sieht man schon von Weitem die wilden Weinreben des vertikalen Parks. Auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon steht heute ein bepflanztes Metallgerüst mit den Dimensionen der ehemaligen Fabrik. Das Gerüst beinhaltet Plattformen auf verschiedenen Höhen, wobei das Sonnendeck einen tollen Ausblick über ganz Oerlikon bietet. Bevölkert wird er am schönen Nachmittag von einer Globegarden Kinderkrippe (Betreuungsverhältnis ca.1:2), Möchtegern-Rappern mit UE-Boom bewaffnet und einem Typen, der auf dem Sonnendeck einen grossen Joint raucht. Gute Wahl: Der MFO-Park hat es immerhin in unsere Liste mit den besten Kifferplätzen Zürichs geschafft. Der Presslufthammer von der Baustelle nebenan, macht den Aufenthalt im Park nicht besonders angenehm, weshalb ich mich schon nach einer halben Stunde wieder auf den Weg mache, um einen Freund zu treffen.

Der Gerolds Garten ist überall

Der Freund schlägt für ein frühes Feierabendbier den Sommergarten «zum frischen Max» vor. Tatsächlich stehen direkt hinter dem Bahnhof ein paar Tipizelte, Holzbänke und eine Prise «urban chic». Hier gibt es Spritz, lokales Bier, Hummus und weiteres, was der*die gepflegte Städter*in heutzutage eben so mag. Wie vermutet, hat der Initiant des Max’ auch beim Gerolds Garten seine Finger im Spiel. Ein Wunder, dass es hier noch keine Gelateria di Berna gibt. Besonders originell ist das Ganze nicht, aber wohl trotzdem eines der schönsten Sommerlokale im Kreis 11. Das sagt aber mehr über die gastronomischen Angebote des Kreis 11 aus, als über das Lokal. Der Freund muss weiter und ich habe schon mein nächstes Date mit einem Oerlikon-Lokal.

Zum frischen Max. Der Gerolds Garten Klon auf dem Max Frisch Platz.

Apéro Tipp der Reception

Das Cheyenne neben dem Marktplatz wurde mir an der Reception für einen Apéro empfohlen. Es ist ein Hybrid aus Bar, Pub und Restaurant und hat einen ausgeprägten «Burger-Chicken-Wings»-Vibe. Hier gibt es kein lokales Bier, sondern Eichhof vom Fass. Bestellen und bezahlen kann man coronabedingt per QR-Code direkt über ein Onlineportal. Es ist praktisch keine physische Interaktion mehr nötig. Die bestellten Oliven zum Apéro (7 Oliven, 6 CHF) zeigen, dass auch im Kreis 11 das Preisniveau mit der Innenstadt mithalten kann. Die Bar ist gut besucht und anscheinend beliebt im Quartier. Als Tourist bin ich aber ein bisschen enttäuscht. Da gibt es besseres in Zürich.

7 Oliven für 6 Franken – Oerlikon kann auch Premium Destination sein.

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel geht es zum Abendessen ins Asiaway. Ein vietnamesisches Restaurant, das mir ebenfalls die Reception empfohlen hat. Das Curry und der vegetarische Nudeleintopf schmecken ausgezeichnet. Zum Schluss gibts einen Glückskeks als Goodie. «Günstige Zeit für Verhandlungen» prophezeit er mir. Ich aber verhandle nichts mehr und zappe im Bett noch ein bisschen durch das Dienstagsprogramm des Schweizer Fernsehens. Danach falle ich in einen traumlosen, nicht besonders erholsamen Schlaf.

Oerliker Markt - bester Markt

Aufs Frühstück im Hotel verzichte ich. Mir ist eingefallen, dass mittwochs jeweils der Blumen- und Gemüsemarkt stattfindet. Die spätsommerliche Gemüse- und Früchteauswahl auf dem Marktplatz ist reichhaltig und farbig. Kürbisse reihen sich an Tomaten, Blumenkohl und alles erdenkliche Grünzeug. Ich aber gehe allen vorbei zur Bäckerei Manser. Der Stand ist an verschiedenen Märkten in Zürich präsent und besonders ihr Manserspitz hat es mir angetan. Mit diesem dreieckigen Blätterteiggebäck gefüllt mit Käse starte ich in den Tag. Voller Energie schwinge ich mich aufs Velo und fahre auf die andere Seite des Hügels.

Kreis 11: Yes Please.

Für Touristen gehört der Kreis 11 sicher nicht zu den spannendsten. Die Sehenswürdigkeiten halten sich in Grenzen. Ich aber bin immer wieder erstaunt, wie angenehm lebendig und dicht das Zentrum von Oerlikon ist. Der Kreis 11 ist mit Seebach und Affoltern der bevölkerungsreichste der Stadt und das merkt man. Zumindest Oerlikon ist kein verschlafenes Wohnquartier, sondern ein Ort mit Zentrumsfunktion, wichtigen Wirtschaftszweigen, Schulen und Kulturhäusern. Auch wenn das kulinarische Angebot eher noch zu wünschen übrig lässt, verteidige ich mein ehemaliges Quartier gerne gegen Skeptiker*innen. Schliesslich «weiss jedes Kind und jeder Tourist, dass Zürich nur dein Vorort ist.»

Bewertungsraster des Kreises (1 bis 5 Sterne)

Instagramability des Hotels *

Kriminalität des Kreises **

Erschlossenheit mit dem ÖV *****

Grösse des Portemonnaies ***

Kulinarische Auswahl **

«Lebendigkeit» des Kreises *****


Transparenz: Die Übernachtung im Hotel wurde uns auf Anfrage offeriert.

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