Platz für Subkultur oder einfach mehr Europaallee?

Der entstehende «Kosmos» ist auch ein Kino, ist auch ein Buchsalon und ist auch ein Bistro. Doch was ist der fast 5000 Quadratmeter grosse, dreistöckige Baukomplex am Ende der Europaallee letztendlich wirklich?
19. März 2017

Etwa 30 mit Bauhelm ausgestattete Medienschaffende und Kulturinteressierte schauen sich neugierig im Rohbau an der Ecke Langstrasse/Lagerstrasse um. Das öffentliche Interesse am neuen Projekt von Samir und Bruno Deckert ist schon vor Eröffnung gross. Die beiden luden zur Pressekonferenz, um ihren «Kosmos» und die Ideen dahinter vorzustellen.

«Der Kosmos ist auch ein Restaurant, aber nicht nur. Er ist auch ein Buchsalon, aber nicht nur. Er ist auch ein Kino, aber nicht nur.» so Deckert. Der «Kosmos» soll ein Kulturhaus werden, für alle zugänglich sein und zum Denken anregen. Im Moment steht erst der Rohbau. Schwer vorstellbar, dass sich hier bald die eingesessenen Stadtaffen der Langstrasse und Besucher*innen der mondänen Europaallee über Kultur unterhalten sollen. Doch mit den ausführenden Erklärungen des Geschäftsleiter Martin Roth nimmt die Vision vom Kosmos schnell Gestalt an.

Die Leitung v.l.n.r.: Samir, stadbekannter Filmemacher, mit Bruno Deckert, Besitzer vom Sphères, und Martin Roth, Geschäftsführer vom Kosmos.

Alles drin, alles mehrzweck
Das Herzstück der Anlage bildet das Forum mit seiner breiten Treppe. Tagsüber sollen darin grosse Gemeinschaftstische stehen, an welchen die UBS-Angestellten ihren Business-Lunch einnehmen oder die letzten Hippies mit 20 Freund*innen zu Mittag essen. Abends, oder überhaupt wann immer gewünscht, sollen die Tische raus und der Raum durch Glaswände abgetrennt werden, damit Aufführungen aller Art veranstaltet werden können. Eine Bühne könne aufgebaut werden. Sogar von einem Orchester auf der weiten Treppe war die Rede.

Die breite Treppe führt nach oben in den Buchsalon. Ganz nach dem Vorbild des Sphèrese soll dort Kaffee getrunken und in Büchern geschmökert werden. Auch dieser Raum soll mehrzweckmässig genutzt werden. Lesungen oder Diskussionsveranstaltungen schweben den Verantwortlichen vor. So sei im Kosmos der Montag Diskussionstag und der Mittwoch Literaturtag.

Blick vom Buchsalon runter ins Forum.

Den Kaffee oder den Zmittag bekommen die kulturaffinen Gäste im Bistro, welches gemäss Martin Roth «365 Tage im Jahr für alle offen sein wird». Im Untergeschoss entsteht ein Kino mit sechs Sälen. Selbstvertändlich sollen auch diese multifunktional für Podiumsrunden oder Interviews mit Regisseuren genutzt werden.

Auch eine Lounge wird es geben. Samir erklärt seine Vision davon.

Für alle was dabei?
So weit so gut. Der Kosmos will allem Anschein nach wirklich mehr sein, als ein weiteres Kino oder ein weiteres Restaurant für gehobene Gäste. Es scheint ein echtes Anliegen zu sein, einen interaktiven Begegnungsort zu schaffen.

Das ist auch wichtig. Dem Kosmos kommt, schon alleine wegen seiner geografischen Lage, eine wichtige Scharnierrolle zuteil. Als Ende der Eurpoaapllee dringt er ins Kernstück der Langstrasse vor. Samir und Deckert seien sich dessen sehr bewusst und fragten sich daher bei der Konzeption des Kosmos: «Wie können wir die Atmosphäre von Rotlichtmilieu behalten und dessen Erbe nutzbar machen um einen Hotspot für kreative Leute zu erschaffen.» Die beiden verstehen ihr Kulturtempel denn auch als Kontrastprogramm zur «Gucci-Gucci Welt, die gerade an der Europaallee entsteht», wie Samir ausführt.

Alle Räumlichkeiten scheinen für alles konzipiert. Genauso scheinen alle angedachten Veranstaltungen für alle zu sein. Ob das «greater arthouse Kino» inklusive Bistro im Neubau denn wirklich alle anzuziehen vermag und einen niederschwelligen Zugang zu Kultur bietet, bleibt abzuwarten.

Ob die Kultur des Chreis Cheib Einzug in die Toren des Kosmos hält, wird wohl stark vom Inhalt der Veranstaltungen abhängen. Die vereinzelten Visualisierungen der fertigen Räume, die für den Presserundgang angefertigt wurden, riechen doch sehr stark nach Business und After-Work Drinks und nicht nach kreativem Freigeist. Es ist zu hoffen, dass Samirs Vernetzungen in die Stadt genügend Subkulturen anlocken.

Einer der grossen Kinosäle.

Im September öffnet der Kosmos seine Pforten. Wir sind gespannt.

Titelbild: Isabelle Kaufmann

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