Konsument*in, Wirtschaft oder Politik – die grosse Schuldfrage

Wer ist schuld an der Klimakatastrophe? Wen können wir zur Rechenschaft ziehen, wenn alle Weltrettungsversuche scheitern? An wen dürfen wir appellieren, sich zu ändern? An der Podiumsdiskussion von letztem Dienstag, 2. Juli, hat Tsüri.ch vier Expert*innen auf den Park Platz eingeladen und die grosse Schuld- respektive Verantwortungsfrage gestellt.
04. Juli 2019

Wer ist schuld, dass wir ein bestimmtes Produkt kaufen – obwohl wir es vielleicht nicht brauchen und von dem wir wissen, dass es nicht unter optimal fairen und ökologischen Bedingungen hergestellt wurde?

«Wenn man von all dem gewusst hat, ist man selbst schuld.e

Wenn nicht, das Unternehmen, welches einem das Produkt verkauft hat.

Und hinter all dem steht die Politik, welche durch die herrschenden Rahmenbedingungen den Verkauf solcher Produkte überhaupt zulässt und ermöglicht.»

v. l. n. r.: Simon Jacoby, Patrick Hohmann, Lea Trogrlic, Prisca Birrer-Heimo, Christoph Good

Mit diesem Statement legte SP-Nationalrätin und Präsidentin des Konsumentenschutzes Prisca Birrer-Heimo die Basis für den folgenden Diskussionsabend – und zeigte gleich zu Beginn auf, dass sich die grosse Schuldfrage, wenn überhaupt, dann sicher nicht so monokausal beantworten lässt, wie wir es uns vielleicht wünschen. Denn in einer so komplexen Welt wie der unseren gibt es gerade auf einfach scheinende Fragen selten einfache Antworten.

Neben Birrer-Heimo waren auch Patrick Hohmann, Gründer des Biobaumwoll-Unternehmens Remei AG, Lea Trogrlic, Vertreterin der Klimajugend, sowie Rechtsanwalt und Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Menschenrechte Christoph Good anwesend, moderiert wurde das Gespräch vonTsüri-Chefredaktor Simon Jacoby.

Ist es das Individuum, die Unternehmen, die Politik?

Für Lea Trogrlic ist klar: Eine «freie» Wahl bedingt erst einmal Geld sowie die Möglichkeit, nachhaltige und fair produzierte Produkte zu kaufen. «In westlichen Ländern, ja. Global betrachtet ist dies aber nochmals eine ganz andere Frage.» Als Beispiel dafür führt sie Smartphones an: Alle brauchen eines und obwohl das Geld da ist, gibt es kein Phone, das ohne die unter miserablen Bedingungen abgebauten seltenen Erden auskommt.

Priska Birrer-Heimo ist der Ansicht, dass man Rahmenbedingungen schaffen könnte, in denen gewisse Produktionsverfahren schlicht nicht zugelassen sind, Produkte bestimmte soziale und ökologische Kriterien erfüllen müssen, um überhaupt angeboten werden zu dürfen. Ausserdem brauche es glaubwürdige, unabhängig kontrollierte Labels. Denn «wenn eine Sensibilisierung der Konsument*innen wirklich angestrebt wird, brauchen diese das Vertrauen, dass das, was man ihnen verspricht, auch stimmt. Glauben allein reicht nicht.»

Auch Dr. Christoph Good, der Menschenrechtler in der Runde, ist damit einig, dass Rahmenbedingungen die «Hauptträger sind, welche Verhaltensänderungen bewirken können.» Nur: «Die ökologischen Faktoren sind einfach, diese kann man berechnen. Bei den sozialen Faktoren aber fehlen Zahlen.»

Patrick Hohmann hingegen betont, dass der Schritt in eine nachhaltige und faire Zukunft nur gelingen kann, wenn man sich auf die Frage einlässt: «Wie geht es dem Menschen auf der anderen Seite der Produktionskette?» Damit spricht er die Entpersonifizierung der Produkte durch den Zwischenhandel an. Nur wenn einzelne Individuen klarmachen, dass sie die menschenwürdig hergestellten Produkte nachfragen, werden sich Unternehmenspraktiken ändern.

«Es braucht Menschen, die sagen: ›das will ich!‹ Wenn es nicht gewollt ist, passiert nichts.»

Patrick Hohmann (m.) vertritt die Ansicht, dass die Veränderung vom Individuum ausgehen muss

Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt?

Wo also sollte man anfangen, welches der erste Schritt sein? Und haben wir überhaupt noch Zeit, darüber zu werweissen, wo nun der ideale erste Ansatzpunkt wäre?

Aus lauter Ratlosigkeit nichts zu unternehmen, wäre definitiv falsch, so Good.

Während Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo die vorherrschenden Strukturen schrittweise durchbrechen will, fordert Lea Trogrlic radikale Massnahmen – ja, auch Verbote. Sie postuliert die Kernforderung der Klimajugend, einen Systemwandel – «gar eine Revolution?», will Moderator Simon Jacoby wissen. «Revolution ist ein starkes Wort», räumt Trogrlic ein. Aber radikale Massnahmen, auch gewisse Verbote seien durchaus angebracht und Bewegungen wie die des Klimastreiks wichtige Druckmittel auf die Politik. «Wichtig ist aber, dass all dies in einem stärkeren demokratischen Prozess geschieht, bei dem die Bevölkerung aktiv mitentscheidet.» Hier seien auch die Medien und Bildungsinstitutionen gefragt, da erst durch sie eine kritische, aufgeklärte Masse entstehen kann. Bis zu einem gewissen Grad seien wir heute «Opfer des Marketings». «Jetzt braucht es Manipulation in die richtige Richtung.»

Zum Abschluss werden Fragen aus dem Publikum diskutiert

Der Konsens nach über einer Stunde angeregter Debatte tendiert zum politischen Weg. Denn sowohl Politik als auch Unternehmen sind nichts mehr als die Summe unserer selbst – wen wir ins Parlament wählen, wo wir einkaufen, wie mutig wir auch als einfache Angestellte für einen verantwortungsvollen Ressourcenumgang einzustehen. Oder wie es Patrick Hohmann ausdrückt: «Jetzt mümmer eifach ad Seck!»

Hier gibts die ganze Debatte zum Nachschauen:

Alle Bilder / Video: Elio Donauer

Praktikantin und Lektorat

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