17. September 2022 um 06:50

Sudanesische Küche und Held:innen im Kittel: Familienabend bei Mandy Abou Shoak

Unsere neue Kolumnistin Mandy Abou Shoak gewährt Einblick, wie am Küchentisch mit ihrer Familie manchmal hitzig, manchmal nachdenklich über Politik und Badehosen diskutiert wird, während ihr Vater sudanesische Gourmet-Gerichte zaubert und sie selbst über die Fluchterfahrung ihrer Mutter und über ihren Bruder als Marvel-Figur in weissem Kittel sinniert.

(Foto: Zana Selimi)

Ich schliesse die Tür zur Wohnung auf. Der süsse Duft von sudanesischem Sandelholz schiesst mir in die Nase und ich atme tief ein und aus. Es fühlt sich gut an nach Hause zu kommen. Es ist Dienstag. Ich muss noch einige Telefonate führen und E-Mails beantworten. Da mitteilen, wie ich für ein Referat anmoderiert werden möchte, dort kurz einen Raum für einen Workshop organisieren und bei meiner Freundin Brandy Butler einchecken, um ihr mitzuteilen, wie toll ich den Flyer finde, den sie für unser Schwarz Feministisches Netzwerk Bla*Sh gemacht hat.

Ich weiss, ich werde nicht alles schaffen, was ich mir vorgenommen habe, aber es ist okay, denn heute ist Family-Abend. Jeden Dienstag kommt mein Papa aus dem Zürcher Oberland zu mir nach Altstetten. Mein Papa ist pensioniert. Er kommt jeweils nachmittags um 16 Uhr und beginnt zu kochen und übernachtet dann hier. Er kocht für die ganze Familie. Also auch für meine Mutter und meinen Bruder. 

Papas Essen ist den Fleischtag wert 

Mein Papa ist ein begnadeter Koch. Manchmal sind wir aber auch seine Versuchskaninchen. Zum Beispiel, wenn er wieder mal ein neues Rezept ausprobieren möchte. Kürzlich kochte er einen Eintopf mit gehacktem Poulet, Tomaten und Auberginen. Mein Bruder schüttelte den Kopf und blickte mich mit grossen Augen an, als er hörte, dass es «Ghackts Poulet» zum Essen gibt. Obwohl die sudanesische Küche viele vegane Rezepte wie zum Beispiel Ful (Saubohnengericht) oder Ta`amia (Falafel) beinhaltet, herrscht dort nach wie vor die Vorstellung, dass ein Gericht ohne Fleisch kein richtiges Gericht ist. Mein Bruder ist seit über einem Jahr Vegetarier. Ich für meinen Teil habe einen Deal mit mir selbst. Ich erlaube mir wöchentlich lediglich zwei Fleischmahlzeiten. Meistens ist die eine Mahlzeit aufgebraucht, sobald mein Papa da war. Für meinen Bruder kocht mein Papa dann oft ein Spezialmenü. 

Ein Held, der über die Stadt fliegt

Mein Bruder ist nämlich sowieso Spezial. Er ist medizinischer Co-Leiter des Fachspitals für Sozialmedizin und Abhängigkeitserkrankung des Sozialwerks Pfarrer Sieber. Ich frage mich, woher er die Energie hat, die andauernden Krisensituationen so unglaublich souverän und in einem solchen Tempo zu meistern. Manchmal denke ich, dass er ein Übermensch ist. Dann stelle ich mir vor, wie eine Marvel-Figur mit meinem Bruder als Helden aussehen könnte. Ein Schwarzer Mann mit dem breitesten und ansteckendsten Lachen überhaupt in einem weissen Kittel. Moment, weisser Kittel ist zu luftig, es wäre wohl eher ein weisser enger Einteiler mit einem Äskulapstab auf der Brust. Er würde über die Stadt fliegen, durch alle Gassen und über Häuser und Menschen heilen und dabei medizinisches Wissen vermitteln. 

Ich schüttle den Kopf. Das Essen steht auf dem Tisch. Mein Vater hat mein Lieblingsgericht der sudanesischen Küche gezaubert: «Mulah Warag bel Gurasa». Okra mit Spinat, frischem Dill und salzige Omelette dazu. Mein Partner Michael wirft einen Blick in die Küche und sieht, dass mein Papa das Brotbrett benutzt hat, um die Okra zu schneiden. Ich beobachte ihn kurz beunruhigt, bis ich sehe, dass er lediglich einmal tief ein- und ausatmet und dann mit gesenkten Schultern zurück ins Wohnzimmer kommt. Michael ist ein ordnungsliebender Mensch. Alles hat seinen Platz und seine Funktion.

Mit dem Alter vermehren sich die Badehosen

Ich erzähle meinem Bruder, wie ich meinen Vater einen Tag zuvor anrief und ihm mitteilte, dass wir heute schwimmen gehen möchten und dieser antwortete: «Kannst du mir das nicht früher sagen, das ist total stressig.» Und wie ich dann liebevoll entgegnete: «Papa, ich weiss du bist ein alter, unflexibler Mann geworden, aber es ist okay, du darfst unflexibel werden. Ich wollte dir nur sagen: Wenn du magst, nimm deine Badesachen mit.» Ich mache eine kurze Pause und erzähle weiter: «Papa hat zwei Badehosen mitgenommen.» Wir lachen alle laut los. 

«Aus dem Heimatland vertrieben zu werden ist das eine, aber die Geschichte meiner Mutter müsste eigentlich in eines dieser ‹Good Night Stories for Rebel Girls›-Bücher eingehen.»

Mandy Abou Shoak

Meine Mutter blickt von ihrem Handy auf und sagt in die Runde «schon wieder». «Schon wieder sind unzählige Häuser von den Fluten des Nils erfasst worden im Sudan. Das ist ungewöhnlich beunruhigend.» Sie stützt ihre Arme auf dem Tisch ab und legt ihr Gesicht in ihre Hände. «So viele Menschen hat es schon lange nicht mehr erwischt. Als wäre die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage nicht schlimm genug.» Alle am Tisch atmen synchron einmal ein und aus. 

Meine Mutter ist Zahnärztin. Jedes Mal, wenn ich mir vorstelle, wie meine Eltern mit uns zwei Kindern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor dem Regime von Omar al-Bashir in die Schweiz geflüchtet sind, bin ich demütig. Aus dem Heimatland vertrieben zu werden ist das eine, aber die Geschichte meiner Mutter müsste eigentlich in eines dieser «Good Night Stories for Rebel Girls»-Bücher eingehen. Denn: Meine Mam hat nach der Flucht im Alter von 32 Jahren eine komplett neue Sprache erlernt. Aber nicht nur das, sie hat sämtliche Maturitätsfächer nachgeholt und bestanden und schliesslich auch das Staatsexamen erfolgreich absolviert und so nach einigen Jahren hier in der Schweiz wieder als Zahnärztin gearbeitet. 

«Tee liebe Leute, wo ist der Tee»

Meine Eltern sind getrennt, aber worüber sie immer noch stundenlang sprechen können, ist Politik. An einem solchen Abend werden alle Minister:innen einzeln abgehandelt. Aussagen von Politiker:innen werden wörtlich zitiert und in ihrem Kern dekonstruiert und kritisiert. Wenn meine Eltern über Politik sprechen, dann schauen sie sich nicht an, sie schauen in den Raum. Nach oben oder zum Boden. Es ist ein reflektierendes Sprechen oder eher ein lautes Nachdenken über das Gesagte und das Gesehene. 

Sie zitieren Politiker:innen, gleichzeitig führen sie auch die Kritik am Gesagten in den Raum. Diese Kultur der ständigen Bezugnahme fasziniert mich. Damit ist jede Aussage und jede Kritik stets einer konkreten Person und einem konkreten Ort zuzuordnen. Mein Vater schaut in die Runde und sagt: «Schai ja gama`a wen al shay? – Tee liebe Leute, wo ist der Tee.» Bevor ich den Tee serviere, verabschieden sich meine Mutter und mein Bruder. Michael, Papa und ich spielen noch eine Partie Rummy, solange bis ich gewinne. Danach dürfen alle ins Bett. 

(Foto: Raphael Hünerfauth)

Mandy Abou Shoak

Menschen beschreiben sie als erfrischend unbequem. Unsere neue Kolumnistin Mandy Abou Shoak ist in Khartum im Sudan geboren, mit ihrer Familie in die Schweiz geflüchtet und im Zürcher Oberland aufgewachsen. Schon früh beschäftigte sie sich mit Ungerechtigkeiten. Einer der erweckensten Momente war jener, in dem sie realisierte, dass marginalisierte Menschen, wie sie selbst, im Kontext von Diskriminierungs- sowie Gewalterfahrungen meist verstummen. Sie verstand, dass das Heraustreten aus der Scham, das Teilen von Erfahrungen, fundamental ist, um in ein Verständnis darüber zu kommen, dass gewisse Erfahrungen kollektiv und damit strukturell sind. Diese Erkenntnis durchzog ihr Leben.

Mandy hat Soziokultur im Bachelor und Menschenrechte im Master studiert. Hauptberuflich arbeitet sie heute bei Brava als Expertin für Gewaltprävention und gibt Weiterbildungen im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt. Als Selbstständige berät sie Organisationen zu Themen rund um Diskriminierung und rassismussensiblen Strukturen. Auch in den zwei Podcasts «Wort.Macht.Widerstand» und «Reden wir! 20 Stimmen zu Rassismus» spricht sie über genau diese Thematiken. Sie ist zudem im Schwarz Feministischen Netzwerk Bla*sh, im Berufsverband der Sozialen Arbeit AvenirSocial und in der SP engagiert.