Illustration: Artemisia Astolfi

Die Aspirational Class

Joggen statt Fernsehen, Secondhand, DIY und Upcycling statt Neukäufe; die Art und Weise, wie Status signalisiert wird, ist mitten im Wandel. Sind das die Yuppies der modernen Welt oder wird es die neue urbane Elite als solche bald nicht mehr geben? Ein Text von DJ Restaurant über die neuen Formen des Konsums und wieso Europaletten darin eine ganz spezielle Rolle spielen.
24. April 2021
Freier Autor

Die Europalette ist eine äusserst stabile, aus elf Brettern, neun Klötzen und 78 Spezialnägeln bestehende Holzkonstruktion. Sie wurde vor gut 50 Jahren erfunden, um den Transport von Waren radikal zu beschleunigen. Ein Industrieprodukt also, das sich für lange Zeit unter schweren Zementsäcken verborgen der Öffentlichkeit entzog. Doch dann rückte sie schlagartig ins Rampenlicht. Denn viele Jahre nach ihrer Erfindung entdeckten Besetzer*innen die Vorzüge der Europalette für ihre Zwecke. Stabil, langlebig und an jeder Baustelle herumliegend war sie wie gemacht für Underground-Events. Bars, Bühnen, Bänke, Podeste – in den 90ern waren es plötzlich Europaletten, die das Geschehen der linken Szene trugen. Der bald-nicht-mehr-so-Geheimtipp Europalette verbreitete sich natürlich rasch. Es dauerte nicht lange und junge Student*innen mit wenig Geld schleppten die Paletten direkt von der Strasse in ihre WGs und konsumierten, auf den harten Kanten dieser Holzklötze sitzend, die weichen Drogen der Jugend.

Ungehobelt, dreckig und zweckentfremdet brachten sie einen Hauch Outlaw in die eleganten Wohnzimmer.
DJ Restaurant

Was danach geschah, kann als Metapher für den Aufstieg einer neuen urbanen Elite gesehen werden. Gutverdienende Hipster (oder Bourdieus «petite burgeoisie») aus den Städten kopierten den DIY-Vibe der Besetzer*innen und begannen, die Stuben ihrer renovierten Altbauwohnungen mit Palettentischen und -sofas einzurichten, auf denen sie Rotwein trinken und über angesagte Flohmärkte diskutieren konnten. Bald schon haftete Palettenmöbeln mehr als nur ein gutes Preis-Leistungsverhältnis an – sie wurden zum Statement. Ungehobelt, dreckig und zweckentfremdet brachten sie einen Hauch Outlaw in die eleganten Wohnzimmer. Homify.de schrieb vor sechs Jahren dazu: «Kombiniert mit edlen Wohnaccessoires und hochwertigen Textilien versprühen die rustikalen [Paletten-]Möbel einen ganz besonderen Charme und überzeugen mit Stil und Einzigartigkeit.» Ein neuer Einrichtungstrend war geboren.

Nur: Im Zuge dieses Trends waren die herumliegenden Paletten im Quartier schnell vergriffen. Und: man hat ja das Geld. So kauften sich die Hipster neue Paletten direkt ab Fabrik. Entsprechend wuchs die Nachfrage nach Europaletten trotz steigender Preise beständig an, bis der Branchenverband im Januar 2018 meldete, dass man mit der Produktion nicht mehr nachkäme. Im selben Jahr wurde ein Gabelstapelfahrer erwischt, der über mehrere Jahre Europaletten nach Hause geschmuggelt und übers Internet verkauft hat. Knapp 40'000 Euro hat er damit verdient.

Die Europalette hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich und ist also gewissermassen der Bitcoin der Industrieprodukte.
DJ Restaurant

Natürlich liessen erste Startups mit dem Plan, das wachsende Bedürfnis nach Anarcho-Vibe im trauten Heim in bare Münzen umzuwandeln, nicht lange auf sich warten. Online-Shops für fertig gebaute Palettenmöbel zu astronomischen Preisen sprossen wie Pilze aus dem Boden. Auch viele Firmen begannen, auf Europaletten als ein Symbol für Nachhaltigkeit zu setzen. Kurze Zeit später bauten bereits namhafte Grossveranstalter wie RedBull oder die UEFA Champions League ihre VIP-Lounges aus Paletten. Heute findet man das Trendstück mittlerweile überall – sogar an der Europaallee. Die Europalette hat also einen kometenhaften Aufstieg hinter sich und ist also gewissermassen der Bitcoin der Industrieprodukte.

Ich als Zürcher*in signalisiere heute Status, indem ich mit Barista-Mandelmilch im Jutesack und englischen Podcasts im Ohr ins Yoga laufe, während meine Kinder vom privaten Montessori-Kindergarten betreut werden und mein*e Partner*in das gemeinsame Steinofen-Znacht im Innenhof vorbereitet.

Nun, wieso erzähle ich diese Geschichte? Ganz einfach: Eine neue urbane Leitkultur ist da. Natürlich sind die Yuppies nicht einfach weg. LV-Handtaschen und fette Autos sind noch heute in vielen Kreisen ganz selbstverständliche Symbole von hohem Status. Doch Fakt ist: Die Yuppies sterben aus. Soziolog*innen beobachten seit einigen Jahren einen drastischen Wandel in der Art und Weise, wie Status signalisiert wird. Wir moderne Städter*innen mögen Secondhand, DIY und Upcycling. Wir ziehen das Joggen dem Fernsehen, die Casio der Rolex und Palettensofas dem Marmortisch vor. Wir möchten mit unserem Job die Welt verbessern und glauben an Selbstoptimierung, gesundes Essen und #metime. Wir nennen uns Millennials. Die Wissenschaft nennt uns die Aspirational Class.

Wie frühere Eliten (siehe letzte Kolumne) benutzt auch die Aspirational Class ihren Konsum als Trägerin von Status. Allerdings tut sie das nicht mehr über protzigen Luxuskonsum, sondern über eine unauffällige, reflektierte Bevorzugung bestimmter Produkte. Stevia statt Zucker, Smoothie statt Schorle, Quinoa statt Reis. «The sum of small things» nennt es die US-amerikanische Wissenschaftlerin Elizabeth Currid-Halkett in ihrem neuen Buch über die Aspirational Class. Der Preis dieser «small things» ist dabei sekundär – was zählt ist das Wissen über die Produkte. Deshalb signalisiere ich als Zürcher*in heute Status, indem ich mit Barista-Mandelmilch im Jutesack und englischen Podcasts im Ohr ins Yoga laufe, während meine Kinder vom privaten Montessori-Kindergarten betreut werden und mein*e Partner*in das gemeinsame Steinofen-Znacht im Innenhof vorbereitet. Das ist das neue Yuppie.

Kolumnist DJ Restaurant
DJ Restaurant glüht für gesellschaftliche Brennpunkte. Deshalb sinniert er als freier Autor und Kolumnist regelmässig über die kleinen Flammen des Alltags. Über die grossen Brände dieser Welt forscht er als Klimawissenschaftler an der Uni Bern. Abends ist DJ Restaurant oft in seinem Zürcher Musikstudio anzutreffen, wo er stundenlang an winzigen Knöpfen herumdreht. Seit er vor fünf Jahren ein Schwein hinter dem Ohr gekrault hat, träumt er von seinem eigenen Bauernhof. Wie naiv. Doch für nichts auf der Welt würde er seinen Leichtsinn hergeben.

Ilustration: Artemisia Astolfi

Yuppie-Kolumne
Die neue urbane Elite wird in jüngster Zeit als aspirational class bezeichnet. Während früher teure Autos und schicke Uhren als Statussymbol galten, braucht es für die Aneignung moderner Statussymbole nicht viel Geld, sondern Insiderwissen. Billige Digitaluhren, zerrissene Hosen, Adiletten, wackelige Tattoos auf den Fingern, Drehtabak – alle diese Statussymbole sind nicht teuer. Ihre Träger*innen müssen sich aber das nötige Wissen für deren Aneignung erarbeiten. Gerade in einer so unglaublich wohlhabenden Stadt wie Zürich, wo sich die städtische Elite (und damit sind nicht bloss die Google-Mitarbeiter*innen aus der Europaallee gemeint) seit Kindesbeinen an alle Requisiten des «guten Lebens» leisten kann, sind solche neuartigen Statussymbole allgegenwärtig. Diesen Symbolen und Manifestationen möchte DJ Restaurant mit seiner Kolumne auf die Spur gehen.

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