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Ein Transpi an der Frauendemo am 8.3.19. (Bild: Niloufar Krage)

Feminismus-Kolumne: Eine kurze Geschichte des Feminismus'

Wie steht es um den Feminismus? Und wie um die (weibliche*) Sexualität? Die beiden Zürcherinnen Laila und Pascale von «das da unten» wollen Tabus brechen und öffentlich über Geschlechtsteile, Politik und Sex sprechen. In dieser ersten Kolumne blickt Laila zurück auf die Anfänge der feministischen Bewegung.
25. Januar 2020
Kolumnistin / Das da unten

Und plötzlich ist er hip, der Feminismus. War es vor wenigen Jahren noch etwas gewagt, sich öffentlich als Feminist*in zu bezeichnen, stösst es heute eher auf Empörung, wenn Frauen* dies nicht tun. Endlich scheint angekommen zu sein, dass Feminismus nicht die Umkehrung der Machtstrukturen, sondern schlichtweg Gleichberechtigung anstrebt. Die Werbe- und Modeindustrie springt auf und auch Männer* werden öffentlich gelobt, wenn sie sich als Feministen* bezeichnen. Über die Kommerzialisierung des Feminismus sowie über die Langfristigkeit dieses ‘Trends’ lässt sich streiten, doch der Feminismus ist zumindest momentan da, wo er sein sollte: im Mainstream, gesellschaftlich akzeptiert.

Grund genug, einmal zurückzuschauen, wie er sich in der Schweiz entwickelt hat. Politische und gesellschaftliche Strömungen sind stets heterogen, aus einer Vielzahl an Meinungen und Bemühungen bestehend. Somit gibt es auch nicht den Feminismus, sondern unterschiedlichste Feminismen, deren Definitionen sich nicht immer eindeutig umreissen lassen. Dennoch sind in Europa im 20. Jahrhundert grob drei Strömungen erkennbar. In der ersten Welle (ab Mitte 19. Jahrhundert bis nach dem Zweiten Weltkrieg) kämpften Frauen* europaweit um gesellschaftlichen Zugang: universitäre Bildung, politische Macht, Recht auf Eigentum und natürlich Stimm- und Wahlrecht.

Die Schweiz hinkte anderen europäischen Ländern bei vielen dieser Forderungen lange hinterher – in einem Land, in dem Neutralität seit jeher grossgeschrieben wird, war die Angst vor radikalen Änderungen gross. Durch die Nicht-Beteiligung am Krieg war zudem der Druck, die Stellung der Frau* in der Gesellschaft zu diskutieren, nicht so präsent, wie in anderen Ländern, die plötzlich ohne ihre Männer* dastanden. Als zweite Welle des Feminismus wird die Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den 1980er Jahren bezeichnet.

Nach dem Krieg setzten sich in der Schweiz bürgerliche Frauen* wie Iris von Roten für Frauenrechte ein, viele von ihnen engagierten sich in Frauenverbänden. Ihre Strategie war es tendenziell, Männer* nicht vor den Kopf zu stossen, die Änderungen Schritt für Schritt geduldig abzuwarten. Ab 1968 kam eine radikalere Strömung hinzu, einhergehend mit der Student*innenbewegung. Eine zentrale Schweizer Persönlichkeit war Emilie Lieberherr, die den Marsch auf Bern mitorganisierte – die Initialzündung, um endlich das Stimmrecht zu erhalten. Die Forderungen gingen jedoch weit darüber hinaus: Die Machtstellung wurde grundsätzlich infrage gestellt, bürgerliche Lebensentwürfe («Hausfrauendasein») wurden kritisiert.

Der bekannte Slogan «Das Private ist politisch!» suggerierte, dass Probleme, die bisher als persönlich galten (beispielsweise sexuelle Gewalt in der Ehe), öffentlich diskutiert und als strukturelle Probleme angesehen werden mussten. Themen waren die sexuelle Selbstbestimmung, Lohngleichheit oder der legale Schwangerschaftsabbruch. Die dritte Welle des Feminismus wird in den 1990er Jahren verortet: sie ist komplex, vielschichtig, teils widersprüchlich, und findet vorwiegend in den USA statt. Sie entsteht parallel zu den Diskussionen um Postmoderne und Dekonstruktion, und wird zunehmend zu einem universitären Diskurs. Darauf folgt der Backlash, verursacht durch antifeministische Bewegungen. Eine der Folgen ist die Stigmatisierung des Begriffs Feminismus.

Es ist perfide: auch hierzulande will sich plötzlich niemand mehr als feministisch bezeichnen, aus Angst, als männerhassende, unsexy Emanze abgestempelt zu werden. Erst in den 2010er Jahren wird der Begriff zurückerobert: Feminismus ist plötzlich wieder überall. Die neue Welle findet vermehrt im Internet statt, wird deswegen manchmal Hashtag-Feminismus genannt (#aufschrei, #metoo, #sofagate, um ein paar Beispiele zu nennen), aber nicht nur: letztes Jahr gingen schweizweit Hunderttausende am Frauenstreik auf die Strasse.

Der Rückblick zeigt: Feminismus war schon immer Schwankungen unterlegen. Die Frage ist jetzt: Was machen wir, damit diese vierte Welle nicht vergeht? Dass sie mehr ist als ein Trend; dass sie nachhaltiges Umdenken und tiefgreifende Veränderung bewirkt?

Das da unten
Laila Gutknecht (28) und Pascale Niederer (26) haben 2019 das Projekt «das da unten» mitbegründet. Ziel ist es, den Austausch über weibliche* Körper, Sexualiät und Feminismus zu fördern. Um letzteres geht es auch in dieser Kolumne.

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