Klimastreikerin Leah: «Für unsere Aktionen hole ich mir gerne Absenzen ein!»

40’000 Menschen gingen schweizweit am 2. Februar auf die Strasse. Sie forderten besseren Klimaschutz und die Ausrufung des Klimanotstandes. Und sie werden es wieder tun. Angefangen hat aber alles im Kleinen unter Gymischüler*innen. Redaktorin Nina Vedova hat mit Mitorganisatorin Leah Heuri vom MNG Rämibühl gesprochen.
12. Februar 2019

Im Rekordtempo entstanden und mächtig genug, um schweizweit Schulen an mehreren Freitagen lahmzulegen: Der Klimastreik ist eine der grössten Schweizer Schüler*innenbewegungen. Gestreikt wird nicht nur in Zürich. Auch in Bern, Basel, Lausanne und anderen Schweizer Städten machen die Schüler*innen Furore.

Der erste Streik hat im Sommer 2018 in Schweden stattgefunden und wurde von der damals 15-jährigen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg ins Leben gerufen. Inspiriert von ihren «Fridays for Future»-Demonstrationen haben auch Schüler*innen und Student*innen der Schweiz im Januar an mehreren Freitagen gestreikt. Innert kürzester Zeit wurden Streikkomitees gegründet und Demonstrationen aus dem Boden gestampft, die nächste Aktion ist weltweit am 15. März 2019 geplant: Die Aktivist*innen treffen sich um 14 Uhr auf dem Helvetiaplatz, um erneut für die Umwelt einzustehen.

Die 18-jährige Gymnasiastin Leah Heuri war von Anfang an dabei, die Streiks mit zu organisieren. Im Interview mit Redaktorin Nina Vedova erzählt sie von den Anfängen der Bewegung, von deren Forderungen und wie man selbst klimafreundlich handelt.

Was war ausschlaggebend dafür, dass ihr den Streik initiiert habt?

Es ist die Totalrevision des CO2-Gesetzes, die momentan im Parlament besprochen wird, weshalb wir das erste Mal gestreikt haben. Dass das Jahr 2018 ein äusserst warmes war, haben alle gemerkt – auch die, die nicht an die Klimakrise glauben. Hinzu kommt das Klimaszenarium 2018. Dieses zeigt auf, dass wenn wir unseren CO2-Ausstoss nicht reduzieren, es in der Schweiz bis 2080 etwa 5,4 Grad wärmer sein wird.

Leah geht im Gymnasium MNG Rämibühl zur Schule. (Bild: Nina Vedova)

Wie hat die Bewegung ihren Anfang genommen?

Einige sind an die UN-Klimakonferenz in Kattowitz gegangen, gleichzeitig fand auch der Klima-Alarm in Bern statt. Dort haben wir die Gruppe «Klimajugend» gegründet, aus der dann die ganze Klimastreikbewegung entstanden ist. Es stauten sich viele Dinge auf, irgendwann war der Topf einfach voll. Wir wussten, dass wir etwas unternehmen müssen.

Auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat ihre Rolle gespielt. Sie ist immer in unserem Hinterkopf präsent. Von ihr kommen die «Fridays for Future», darum streiken auch wir am Freitag. Sie hat uns aufgezeigt, dass wir streiken können, und uns noch mehr von der Idee eines Streiks überzeugt. Wir haben im Kleinen angefangen mit nur etwa 20 Personen. Wir waren eher pessimistisch und hatten Zweifel, ob es funktionieren wird. Dann kamen aber extrem viele Leute hinzu. Das war cool und hat motiviert.

Stadtrat Andreas Hauri hat ein Gespräch angeboten. Wir haben ihm dann demonstrativ einen Brief mit unseren Forderungen übergeben.

Was habt ihr mit euren Streiks schon bewirkt?

Kurzfristig gesehen haben wir vor allem viel Aufmerksamkeit generiert. Alle Medien berichten über unsere Streiks, wir bekommen fast jeden Tag eine neue Anfrage. Der GLP-Stadtrat Andreas Hauri hat uns sogar ein Gespräch angeboten. Wir haben ihm aber demonstrativ einen Brief mit unseren Forderungen übergeben. Wir wollten kein Gespräch mit ihm, weil wir wissen, was man verändern müsste, um den Klimawandel zu stoppen – aber niemand etwas tut!

Ihr demonstriert dafür, dass gehandelt wird. Was sind eure konkreten Forderungen an den Staat?

Unsere konkreten Forderungen sind: Netto-Null-Treibhausgasemissionen im Inland bis 2030 ohne die Einplanung von Kompensationstechnologien sowie die nationale Ausrufung des Klimanotstandes. Dies würde bedeuten, dass die Schweiz die Klimakatastrophe als zu bewältigende Krise anerkennt, auf die sie folglich zu reagieren hätte und die Gesellschaft auch informieren müsste.

Was sind die Konsequenzen von der Schule betreffend Schwänzen?

Für den ersten Streik hat uns der Rektor beurlaubt, weil er sich auch für den Klimaschutz interessiert. Für den zweiten waren wir zwar im Gespräch mit ihm, trotzdem hat er uns eine unentschuldigte Absenz gegeben. Für den Klimaschutz hole ich mir gerne eine unentschuldigte Absenz ein. Ich habe unter den Schüler*innen rumgefragt und alle haben unentschuldigte Absenzen. Nur die Leute aus der Kantonsschule Enge mussten zusätzlich noch nachsitzen.

Was habt ihr dieses Jahr noch vor?

Wir haben Ende Februar 2019 nochmals ein nationales Treffen in Bern geplant, um weiter zu diskutieren. Am 15. März 2019 gibt es einen weiteren Streik, weil in dieser Woche das CO2-Gesetz in den Ständerat kommt. Ob dieser national in Bern oder regional stattfindet, steht momentan noch zur Debatte. Ich denke, wir werden in dem Jahr mehr schaffen, als wir geplant haben. Es wird sicher grösser, da habe ich keine Bedenken.

Ihr streikt ja fast jede Woche. Wie lange wird das noch so weitergehen?

Wir haben sehr spezifisch gesagt, dass wir nicht jeden Freitag streiken wollen, weil wir mit der Bildung zusammenarbeiten wollen und nicht gegen sie. Die Schulen können uns nicht jeden Freitag eine Beurlaubung geben und wir nicht unzählige unentschuldigte Absenzen sammeln. Da muss man einen Mittelweg finden. Darum haben wir beschlossen, dass wir nicht weiter jeden Freitag streiken. Weil wir genau dort gelernt haben, was der Klimawandel für uns bedeutet.

Ist es in eurer Generation hip sich gegen Klimawandel einzusetzen, weil eh alle streiken?

Das ist schwierig zu beurteilen, da sich mein ganzes Umfeld schon vorher für den Klimaschutz eingesetzt hat. Seit dem Streik befassen sich viele Jugendliche viel mehr mit der Thematik. Die Problematik des Klimawandels haben wir schon länger, doch niemand will etwas machen. Die Industrie schert sich nicht um unser Anliegen. Die meisten denken, sie als Menschen können alleine nichts ändern. Wenn das alle sagen würden, würden wir immer noch in der Steinzeit leben. Jetzt sehen wir es: Jemand hat angefangen und nun haben wir den Klimastreik.

Habt ihr geplant, euch noch für andere Themenbereiche einzusetzen?

Falls unsere Forderungen nichts bringen, muss es einen Systemwandel geben. Das wurde auch sehr kritisch diskutiert. Bei den Streiks schreien wir ja immer wieder die Parole: «System change not Climate Change». Wir haben uns gefragt, ob wir das überhaupt aufnehmen sollen, weil es etwas ist, dass von den Linken generiert wird. Das passt einigen nicht. Wir wollen neutral sein und für alle. Wir wollen nicht, dass nur wegen dieser Statements Leute abspringen. Also nein, eigentlich wollen wir uns nicht für andere Themen einsetzen.

Demonstrieren hilft ja bekanntlich dem Klima noch nicht. Was tust du sonst noch?

Ich fliege nicht mit dem Flugzeug. Früher sind wir mit dem Auto in die Ferien gefahren, aber das mache ich seit ein paar Jahren auch nicht mehr. Dazu fahre ich mit dem ÖV oder dem Fahrrad in die Schule. Ich bin 18 Jahre und habe keinen Führerschein, weil man in Zürich kein Auto braucht. Ausserdem ernähre ich mich vegan, reduziere so viel wie möglich von meinem Plastikverbrauch und kaufe keine neuen Kleider.

Fühlt ihr euch ernst genommen trotz eures Alters?

Ich finde, man nimmt uns ernst. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man so ein wichtiges Thema nicht ernst nehmen könnte. Es ist genug imposant, dass so viele junge Leute dieses Problem realisieren und sich dagegen wehren. Man kann uns gar nicht belächeln.

Schlussendlich bedeutet die Klimakatastrophe zu stoppen, für uns alle radikaler Verzicht. Worauf verzichtet ihr?

Für mich ist es kein Verzicht. Erstens hoffe ich sehr fest, dass es in Zukunft mehr klimafreundliche Alternativen gibt als jetzt schon. Wenn man sich fest mit der Materie beschäftigt, weiss man, was der Welt gut tut und was nicht. Wenn man dann merkt, dass man der Umwelt schadet, ist es automatisch mit der Zeit abstossend. Viele wollen ihren Luxus und ihren Komfort nicht aufgeben. Darum hoffe ich, dass es durch Alternativen möglich wird, klimafreundlich zu leben, ohne gross verzichten zu müssen.

Titelbild: Nina Vedova

Redaktorin

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