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Ein Stadtgespräch über den Zusammenhang von Krisen. Bild: Hanna Fröhlich

«Es gibt eine gemeinsame Krankheit: Den Kapitalismus»

Der Klimastreik will mit seiner Guerilla-Plakat-Aktion die Aufmerksamkeit auf die Zusammenhänge zwischen der Coronakrise, der Klimakrise, Rassismus und Sexismus lenken. Ein Gespräch mit zwei Aktivistinnen über den Kapitalismus und die internen Probleme der Klimabewegung.
28. Juli 2020
Praktikantin Redaktion

Seit zwei Wochen zieren schwarzweisse Plakate mit Fragen wie «Was hat Rassismus mit der Klimakrise zu tun?» die Fassaden und Säulen der Stadt. Die Fragen regen zum Nachdenken an oder sollen das zumindest bezwecken. Die Plakate geben keinen Anlass zur Spekulation, wer dahinterstecken könnte, sind sie doch mit keinem Logo und keinem Absender, sondern nur mit der Website «krisenüberkrisen.ch», versehen.

Letzte Woche hat sich der Klimastreik als Initiant geoutet. «Wir wollten die Leute dazu einladen, ein Stadtgespräch zu führen und mit ihnen diskutieren», erklären die Aktivistinnen Anja Gada und Lina Gisler stellvertretend für den Klimastreik Winterthur und den Klimastreik Zürich. Durch die Coronakrise würden Menschen nun tendenziell besser verstehen, wie die Politik und die Gesellschaft in einer Krisensituation agiert.«Wir wollten die Zusammenhänge zwischen den Krisen diskutieren und verhindern, dass es nur in unserer Bubble geschieht. Im Klimastreik ist es oft so, dass wir uns intensiv mit einem Thema auseinandersetzen, aber die Gesellschaft gar nicht daran teilhaben lassen.»

Die Bewegungen wie Frauen-, Klimastreik und BLM verbinden

Die Plakate tragen aus einem Grund keinen Absender: Damit die Leute nicht voreingenommen sind. «Wenn Klimastreik draufsteht, dann hat man schon eine gewisse inhaltliche Ebene, auf der man sich automatisch befindet.» Dies wollten die Aktivist*innen verhindern.

Entscheidend sei, dass es bei dem Stadtgespräch nicht die eine Antwort auf all diese Fragen gibt. So können sich alle einbringen. Der Klimastreik hat beim Outing schon seine eigene Antwort auf die Fragen veröffentlicht. Aber dabei ist auffällig, dass auch andere Bewegungen wie die Frauenstreikbewegung Winterthur ihre Antworten auf die Website «krisenüberkrisen.ch» gestellt haben. «Im Klimastreik reden wir zwar immer davon, Kämpfe zu verbinden, haben das bis jetzt aber eigentlich nicht umgesetzt. Diese Aktion haben wir zwar gestartet, sie soll jedoch anderen Bewegungen auch eine Plattform bieten, um ihre Antworten und ihre Stimme einbringen zu können.» Weil doch viele Einzelpersonen in verschiedenen Bewegungen seien und Aktivist*innen untereinander ziemlich gut vernetzt sind, hat dies gut funktioniert.

«Die Coronakrise hat illustriert, was für die Politik wichtig ist»

Die Coronakrise habe offen gelegt, wie fragil und krisenanfällig unser wirtschaftliches System ist, sind die Initiant*innen der Aktion überzeugt. «Das hat uns vor neue Herausforderungen gestellt: Müssen wir unsere Forderungen überdenken? Reicht es, wenn wir sagen, wir wollen dass es mehr Klimaschutz gibt oder müssen wir ganz woanders ansetzen?»

Die Antwort auf der Website fassen die beiden Frauen so zusammen: «Es gibt eine gemeinsame Krankheit: Den Kapitalismus, also unser Wirtschaftssystem.» Rassismus und die Diskriminierung von Frauen seien Symptomäusserungen dieses Systems, die sich in der Klimakrise und in der Coronakrise gleichermassen zeigen. Das hätten sie an verschiedenen Beispielen aufzuzeigen versucht.

Die Plakte sind in der ganzen Stadt verteilt. Bild: zVg

«Wir wollten nicht einfach sagen, ‘Der Kapitalismus ist schuld’, sondern runterbrechen, wie alles zusammenhängt: Unser Wirtschaftssystem basiert auf Menschen, die schlechter dran sind oder unterdrückt werden.» Sie wollten verschiedene Ungleichheiten aufzeigen. Zum Beispiel, dass in der Klimakrise Frauen viel stärker benachteiligt seien. Der andere Aspekt sei, dass Corona illustriert hätte, was für die Politik wichtig ist: «Während für das Pflegepersonal geklatscht wird, die Arbeitsbedingungen und Löhne sich jedoch kein bisschen ändern, werden Milliarden in die Flugindustrie investiert. Profit und Wirtschaftswachstum hat oberste Priorität, soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen ist zweitrangig.»

Man könnte in einer Krise eigentlich handeln, aber weil sich in der Klimakrise alles noch verzögert, entscheide man sich dann dafür, die Wirtschaft darüber zu stellen. Dazu käme der Aspekt der Klimagerechtigkeit: «Wenn es einen selber betrifft, bleibt man sofort Zuhause und reagiert. Kaum geht es aber um jemanden, der*die ein paar Kontinente weiter entfernt lebt, ist es einem scheissegal.»

Auf die Frage, ob es dem Klimastreik nützen werde, dass während Corona die Handlungsfähigkeit der Politik sichtbar wurde, folgt ein Stirnrunzeln. Es sei gut zu wissen, dass es Handlungsspielraum gebe, das könne man auch als Druckmittel brauchen. Aber: «Wir sind keine Politiker*innen und haben nicht die Machtpositionen inne, die sie haben. Wir können nur laut sein.» Ausserdem müsse berücksichtigt werden: Auch wenn die Politik handle, sei es immer noch in einem wirtschaftlich tragbaren Ausmass und immer im Interesse der wirtschaftlich Mächtigen, wie zum Beispiel der Flugindustrie. Dies zeige, dass es nicht ganz so einfach ist. «Es heisst nicht, jetzt machen wir was für die Gesellschaft, sondern wir machen etwas für die Flugindustrie.»

Auf vielen Plakaten ist eine kleine Diskussion entstanden. Bild: zVg

«Endlich wieder zusammen auf die Strasse gehen»

Neben dem gesellschaftlichen Aspekt hat der Klimastreik die Plakat-Aktion aber auch für den internen Zusammenhalt gemacht. Es sei nämlich während Corona oft schwierig gewesen: «Viele Mitglieder hatten selber eine Krise.» Sie hätten intern die Energie gebraucht, zusammen an einem Projekt zu arbeiten. Zum Glück gibt es am 4. September 2020 wieder einen nationalen Klimastreik. Das Demonstrieren auf der Strasse gibt der Bewegung und all ihren Beteiligten viel Energie und einen Schwung und Elan, der momentan stark fehle. Wenn man lange nicht auf die Strasse könne, nehme das die Motivation. Wenn dann zudem die Klimakrise noch aus dem Gespräch und der medialen Aufmerksamkeit rückt, frage man sich, wieso die Menschen nicht zuhören. Das Wissen, dass man wieder demonstrieren könne, treibe an. «Wenn du auf die Strasse gehst, siehst du die Früchte deiner Arbeit und es wird dir klar, wofür du das alles machst.»

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