Von Isabel Brun

(Klima-)Redaktorin

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7. Juli 2022 um 04:00

Wer hat die besseren Klimaziele? Bern und Zürich im Duell – Runde 2/3

Zürich und Bern haben im vergangenen Jahr ihre Klimaziele stark überarbeitet; beide Städte verfolgen eine Politik, die weniger Emissionen und mehr Klimaschutz will. Doch welche Massnahmen sind ausgereifter? Expert:innen schätzen ein.

Runde zwei nimmt die städtischen Finanzanlagen und der Umgang mit indirekten Emissionen unter die Lupe. (Foto: Simon Boschi)


Die Klimakrise ist in der Schweiz angekommen: Klimareglement hier, Netto-Null dort. Immer mehr Städte werden klimapolitisch aktiv, passen ihre Strategien an, definieren Massnahmen gegen die fortschreitende Klimaerwärmung. Auch Bern und Zürich ziehen die Schrauben im Kampf gegen die CO2-Emissionen an: Während in der Bundeshauptstadt im September das neue Klimareglement in Kraft tritt, hat sich die Stimmbevölkerung der grössten Schweizer Stadt im Mai dieses Jahres für Netto-Null bis 2040 entschieden. Zürich soll also bis in 18 Jahren nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ausstossen, als ihr wieder entzogen werden können.

Beide Städte bauen mit ihren neuen Klimazielen auf vergangenen Bestrebungen auf. Doch wer von beiden macht den besseren Job? In einer dreiteiligen Serie haben die Hauptstadt und Tsüri.ch die wichtigsten Klimaschutzmassnahmen von Bern und Zürich zusammengetragen und von Expert:innen einschätzen lassen. Auf Basis dieser Einschätzungen werden die Punkte für das Duell vergeben.

Graue Emissionen: Klare Regeln fehlen

Bern

Beschafft die Stadt neue Güter für den eigenen Bedarf, muss sie dafür sorgen, dass bei deren Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung möglichst wenig Treibhausgase ausgestossen werden. Gleiches gilt für Partner:innen, mit denen die Stadt einen Leistungsvertrag abschliesst. Für die Privatpersonen kann die Stadt keine Vorschriften erlassen, schafft aber Anreize, damit sie ihre grauen Emissionen verringern. Stehen bei Umbauten, Renovationen und Neubauten von städtischen Gebäuden mehrere Varianten zur Auswahl, nimmt die Vermeidung von grauen Emissionen einen hohen Stellenwert ein. Soweit die Regelung im Klimareglement. Konkreter formuliert werden diese Punkte in der neuen Auflage der Energie- und Klimastrategie, die aktuell in Arbeit ist und die ab der neuen Legislatur 2025 gilt.

Zürich

Indirekte CO2-Emissionen machen über 75 Prozent der Gesamtemissionen auf Zürcher Stadtgebiet aus. Aus diesem Grund schreibt die Klimastrategie der Stadt Zürich eine nachhaltige Beschaffung vor. Güter sollen bei der Produktion, Nutzung und Entsorgung möglichst wenig Treibhausgase ausstossen: Gerade Baumaterialen sollen wenn möglich rezykliert werden. Auch bei der Bekleidung von Angestellten beachtet die Stadt schon seit längerem ökologische Standards. In den Schulen wird ausschliesslich Recyclingpapier genutzt sowie grundsätzlich Papier gespart. Im Frühjahr 2021 führte die Stadt eine erste Klima-Kampagne durch, um die Stadtbevölkerung auf das Ziel «Netto-Null» zu sensibilisieren. 

Einschätzung von Felix Nipkow, Co-Leiter Fachbereich Klima und erneuerbare Energien bei der Energiestiftung Schweiz

Schweizweit machen graue Emissionen rund zwei Drittel der gesamten Emissionen aus. Sie werden zwar bei internationalen Klimaabkommen nicht eingerechnet, sind aber massgeblich für unseren Klima-Fussabdruck verantwortlich. Graue Emissionen sind importierte Emissionen: Bei importierten Gütern fallen die produktionsbedingten Emissionen im Ausland an. Zum Beispiel fällt bei elektronischen Geräten oft deutlich mehr (graue) Energie für die Produktion an, als das Gerät im Betrieb verbraucht. Langlebigkeit und Reparierbarkeit sind mindestens so wichtige Kriterien wie der Energieverbrauch im Betrieb.

Konkrete Absenkpfade bis netto Null für diese grauen Emissionen wären wichtig, die Absichtserklärungen der Städte sind aber nicht sehr konkret und sehr unverbindlich. Das Thema sollte sinnvollerweise auf nationaler Ebene geregelt werden, zum Beispiel mittels Einfuhrbestimmungen.

Wo die Städte einen Unterschied machen können, ist im Bauwesen. Beide Städte berücksichtigen graue Energie, allerdings eher unverbindlich. Klare Kriterien, die in der Tendenz zu mehr Sanierungen statt Neubauten führen und das Recycling von Baumaterialien fördern, wären wünschenswert.

Ergebnis: Unentschieden – Zürich 1, Bern 1

«Nachhaltige Finanzwirtschaft ist voll von Greenwashing»

Bern

Ihre Finanzen legt die Stadt Bern «klimaverträglich» an und überprüft ihre Investitionsentscheide mit dem 1,5-Grad-Ziel des Übereinkommens von Paris. Sie setzt sich dafür ein, dass die städtische Personalvorsorgekasse (PVK) ihre Wertschriften so anlegt, dass das Geld für einen möglichst geringen Ausstoss von Treibhausgasen verantwortlich ist. Das schreibt das Klimareglement vor. Die PVK ist bereits seit 2018 dazu verpflichtet, ihr Vermögen nach Grundsätzen der Nachhaltigkeit anzulegen, wozu unter anderem der Schutz der Umwelt gehört. Auch seit 2018 lässt sie die CO2-Intensität ihres Portfolios messen – die gemäss Geschäftsbericht stetig abnimmt. Die PVK der Stadt Bern ist Teil vom Investor:innennetzwerk «Climate Action 100+», das von den 167 grössten Treibhausgasverursacher:innen der Welt eine Veränderung ihrer Geschäftsmodelle verlangt. Diese Unternehmen sind für rund zwei Drittel der klimaschädlichen Emissionen weltweit verantwortlich. Von diesen 167 Firmen konnten 54 Prozent aller Öl- und Gasfirmen und 43 Prozent aller involvierten Firmen zu Netto-Null-Zielen bis 2050 verpflichtet werden. Ausserdem verfolgt die Stadt Bern die Nachhaltigkeitsziele der UNO. Sie hat aus den 17 eher allgemein gehaltenen Ziele 50 Berner Nachhaltigkeitsziele formuliert, unter anderen die «Sicherstellung nachhaltiger Stadtfinanzen». Die Stadt ist also verpflichtet, ihr Budget so einzusetzen, dass es einen möglichst grossen Beitrag leistet, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das erste Budget mit dieser Ausrichtung wird im Herbst 2023 vorgestellt.

Zürich

Die Pensionskasse der Stadt Zürich (PKZH) verwaltet ein Altersvermögen in der Höhe von über 17 Milliarden Franken. Gemäss der Nachhaltigkeitsstrategie von 2018 ist es das Ziel der PKZH, den CO2-Fussabdruck ihres gesamten Aktienvermögens gegenüber dem globalen Aktienindex (Stand 2016) bis 2024 um 50 Prozent zu reduzieren. Sie gilt damit als eine der ersten Pensionskassen der Schweiz, die sich ein konkretes Reduktionsziel gesetzt hat. Momentan hat die PKZH 32 Prozent davon erreicht. Der Rest soll unter anderem damit erreicht werden, dass Firmen ausgeschlossen werden, die mit Kohlereserven handeln oder deren Stromproduktion zu mehr als zwei Dritteln durch Kohle erfolgt. Ausserdem werden laut der PKZH Unternehmen mit einer hohen CO2-Intensität «untergewichtet». Was das konkret bedeutet, bleibt ungewiss. 

Weiter gehört die PKZH «Climate Action 100+» an. Auch die Unfallversicherung der Stadt Zürich verfolgt gemäss Aussagen der Verantwortlichen eine nachhaltige Anlagestrategie für die 180 Millionen Franken Anlagevermögen. Immobilien sind davon ausgenommen.

Einschätzung von Anthony Patt, Professor für Klimapolitik an der ETH Zürich

Wenn es um nachhaltige Finanzierungen geht, ist es wichtig, spezifische und transparente Kriterien anzuwenden. Rating-Agenturen haben Nachhaltigkeitsindizes entwickelt, die eine Vielzahl von Kriterien umfassen, von denen sich nur wenige auf die Umweltleistung beziehen und noch weniger speziell auf Investitionen in fossile Brennstoffe. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass als nachhaltig eingestufte Aktienportfolios immer noch Investitionen in die Exploration und Förderung fossiler Brennstoffe enthalten können. The Economist drückt es so aus: «Nachhaltige Finanzwirtschaft ist voll von Greenwashing.»

Der ETH-Professor berät auch die Bundesrätin Simonetta Sommaruga in ihren klimapolitischen Entscheidungen. (Foto: zVg)

Es ist gut, dass Bern sich in Richtung nachhaltiger Finanzen bewegt. Es scheint, als ob alle ihre Anlagen als nachhaltig eingestuft werden müssen. Doch aus den oben genannten Gründen kann das wenig bedeuten, wenn es um das Klima geht. Daher ist es auch gut, dass sie sich bemühen, die Kohlenstoffintensität ihrer Investitionen schrittweise zu verringern. Aber auch das scheint Bern nur vage zu definieren.

Zürich hingegen hat klare Ziele und Strategien für die Dekarbonisierung ihrer Anlagen. Erstens konzentriert die Stadt sich speziell auf ihren CO2-Fussabdruck und hat sich das klare Ziel gesetzt, diesen bis 2024 um 50 Prozent zu verringern. Es ist auch gut, sich Netzwerken wie «Climate Action 100+» anzuschliessen. Internationale Netzwerke wie dieses machen einen Unterschied bei der Förderung einer schnelleren Dekarbonisierung. Insgesamt finde ich den Zürcher Ansatz ziemlich gut und sicherlich viel besser als den bernischen.

Ergebnis: Punkt für Zürich – Zürich 1, Bern 0

Zürich hat auch nach Runde zwei noch die Nase vorn und führt mit 4:2. Ob Bern in der letzten Runde den Ausgleich schafft? Ab morgen zu lesen auf Tsüri.ch und Hauptstadt.be.

  1. Runde 1: Verkehrspolitik und Absenkpfade
  2. Runde 2: Indirekte Emissionen und Finanzanlagen
  3. Runde 3: Verwaltung und Wohnen