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Bild: Photoshopskills by Andrea Pramor

So verändert die Klimaerwärmung die Schweizer Flora und Fauna

In der Schweiz wird es immer heisser. Nicht nur wir Menschen müssen lernen, mit der Hitze zurecht zu kommen, auch im Tier- und Pflanzenreich kommt es zu Anpassungen. Ob es am Letten bald Kokosnuss-Palmen und Flamingos geben wird, verraten zwei Expert*innen.
10. August 2019
Praktikantin Redaktion

Die Temperaturen steigen, Gletscher schmelzen, Wetterextreme nehmen zu: Der Klimawandel hat uns fest im Griff. Klimaberichte von Umweltwissenschaftler*innen bringen immer wieder Entwicklungen zutage, die einen erschaudern lassen. Immer hoffnungsloser scheint der Kampf gegen das fortlaufende Elend unserer Erde. Klimaakivist*innen predigen schnelles Umdenken. Handeln sollen wir - nicht nur zusehen, wie unsere Welt vor die Hunde geht.

Und trotzdem, so auf die Schnelle kriegen wir nicht das Klima von früher zurück. Wir müssen uns auf heissere Sommer einstellen. Gemäss aktuellen Klimamodellen wird in der Schweiz bis 2060 eine Temperaturzunahme von über 3°C erwartet. Nach allen negativen Berichterstattungen über die fortschreitende Erwärmung unseres Klimas: Gibt es dem Wandel eigentlich gar nichts Positives abzugewinnen? Könnte die Artenvielfalt unserer Pflanzen- und Tierwelt von den wärmeren Temperaturen nicht auch profitieren, wenn hitzeliebende Arten sich in der Schweiz ausbreiten? Die Biologin und Botanikerin, Sibyl Rometsch, und der Leiter des Fachbereichs «Lage der Vogelwelt» der Vogelwarte Sempach, Peter Knaus, sind bezüglich des Stands der Biodiversität in der Schweiz gleicher Meinung.

Frau Rometsch, die Artenvielfalt der Schweizer Flora hat sich in den letzten 20 Jahren drastisch reduziert - unter anderem auch aufgrund der Klimaerwärmung. Gibt es auch Pflanzen, welchen diese Entwicklung zugutekommt?

Sibyl Rometsch: Bei der Klimaerwärmung gibt es aus botanischer Sicht Verlierer*innen und Gewinner*innen. Zu den Gewinner*innen zählen die bis jetzt eher seltenen – zum Teil sogar gefährdeten – Wärme und Trockenheit liebenden Pflanzen. Aber auch solche, die im Flachland beheimatet sind und zum Beispiel aus dem Mittelmeerraum in die Schweiz wandern, profitieren von der Klimaerwärmung.

Und die Verlierer*innen?

Die Verlierer*innen der Entwicklung sind Pflanzenarten, die in den Bergregionen beheimatet sind. Dort findet vermehrt ein Konkurrenzkampf statt, da der Platz beschränkter ist und die Gipfel endlich sind. Diese Pflanzen werden schlicht und einfach verdrängt.

Welche Pflanzen sind das konkret?

Das sind vor allem alpine Arten oberhalb der Baumgrenze. Wird es auch im Hochgebirge immer wärmer, könnten gewisse Pflanzenarten aus der Schweizer Flora immer seltener werden oder gar verschwinden. Heidelbeeren könnten zum Beispiel in höhere Lagen gelangen und so den Platz der Alpenrose einnehmen.

Sind auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten und dürfen nicht gepflückt werden: Alpenrosen. Bild: Bärbel Bauer via Pixabay

Was ist so schlimm daran, wenn diese Pflanzen verschwinden?

Wir müssen leider feststellen, dass es trotz Bemühungen den gefährdeten Arten nicht besser geht und dass weiterhin ein Rückgang zu verzeichnen ist. Weit verbreitete Arten treten zudem vielerorts immer häufiger auf und diese Banalisierung unserer Flora gefährdet ebenfalls die Artenvielfalt. Dazu kommen heute noch invasive gebietsfremde Arten, welche einheimische Arten verdrängen können. Es entsteht ein Teufelskreis, der unweigerlich zu einem Biodiversitätsverlust führt. Dazu muss gesagt werden: Die Biodiversität ist komplex und reicht von der genetischen Vielfalt über die Artenvielfalt bis hin zur Lebensraumvielfalt!

Spielt die Klimaerwärmung bei diesem Verlust nur eine Nebenrolle?

Nein, die Klimaerwärmung ist mitverantwortlich für den Rückgang der Artenvielfalt und schlussendlich auch für das Aussterben von einheimischen Pflanzen. Wie wir Menschen, leiden auch Pflanzen unter Stress, insbesondere unter Trockenheit- und Hitzestress. Ersteres kann mit ausreichender Wasserzufuhr gemindert werden. Für zweites gibt es leider keine Abhilfe – ausser drastische Massnahmen zur Eindämmung der Klimaerwärmung.

Bäume werden uns überleben, deshalb ist es wichtig, vorauszudenken.
Sibyl Rometsch

Meine Pflanze kann sterben, obwohl ich sie regelmässig giesse?

Ja, viele Pflanzen leiden unter Hitze so stark, dass auch eine genügende Wasserzufuhr nichts nützt.

Sollten wir uns jetzt also nur noch hitzeresistente Pflanzen zu tun?

Das wäre eine Möglichkeit. Bei der Bepflanzung von Städten und Wäldern ist genau dieses Kriterium mittlerweile von hoher Wichtigkeit. Gemäss Klimamodellen soll in der Schweiz künftig Balkanklima herrschen: Die Sommer heiss und trocken, die Winter kalt. Bäume werden uns überleben, deshalb ist es wichtig, vorauszudenken.

Wären Kokosnuss-Palmen für die Bepflanzung der Stadt Zürich eine geeignete Wahl?

Nein, die benötigen tropisches Klima, um zu gedeihen. Wir müssen Alternativen suchen, die an trockenes und warmes Klima angepasst sind. So könnte zum Beispiel der Zürgelbaum, welcher im Tessin heimisch ist, ein interessanter Stadtbaum auch nördlich der Alpen sein.

Ein Handeln seitens der Bevölkerung ist bei der Erhaltung von Artenvielfalt in der Pflanzenwelt also zwingend nötig. Doch auch im Tierreich ist es wichtig, sich für den Artenschutz einzusetzen. Denn laut dem Vogelexperten Peter Knaus sind Vögel massgebend für eine gesunde Umwelt: Geht es den Vögeln gut, geht es auch den Pflanzen gut – und umgekehrt.

Herr Knaus, gemäss dem letztjährigen Bericht der Vogelwarte Sempach über den Zustand der Brutvögel in der Schweiz gibt es zwar Vogelarten, die verschwinden, es kommen aber auch neue Vogelarten dazu. Wie ist das zu erklären?

Peter Knaus: Bei den Brutvögeln wird grundsätzlich zwischen kurzfristigen und langfristigen Entwicklungen unterschieden. Bekanntlich können Vögel fliegen und kennen keine Landesgrenzen. So kann es vorkommen, dass es auch Vögel gibt, die nur kurz in der Schweiz brüten und im Jahr darauf nicht mehr erscheinen.

Weshalb kommen neue Arten überhaupt in die Schweiz?

Das liegt zum einen am Nahrungsangebot, zum anderen aber auch daran, dass es den Vögeln in ihren Ursprungsgebieten anscheinend gut geht und sie deshalb ihr Areal ausweiten. Es ist zu beobachten, dass sich gerade Vögel aus dem Mittelmeerraum in der Schweiz zunehmend wohl fühlen. Der Bienenfresser beispielsweise hat sich in den letzten knapp 30 Jahren immer mehr in unseren Breitengraden angesiedelt.

Hat die Klimaerwärmung einen Einfluss auf das Ansiedlungsverhalten der Vögel?

Ja. In den letzten 20 Jahren haben sich viele Brutvogelarten in höhere Gebiete verlagert, weil es ihnen entweder zu warm wurde oder das Nahrungsangebot zu knapp geworden ist. Auch Lebensraumveränderungen können dazu beigetragen haben. Das Verbreitungsgebiet von 40 der 71 verbreiteten Brutvogelarten hat sich seit Mitte der 90er-Jahren um durchschnittlich 25 Meter nach oben verschoben. Das heisst, jedes Revier dieser Arten liegt im Schnitt 25 Meter höher als vor 20 Jahren. Eine solch rasante Entwicklung ist enorm.

Peter Knaus war von 2011 bis 2016 Projektleiter des Schweizer Brutvogelatlas. Bild: zfg

Zu was führt dieser Wandel?

Vor allem für hochalpine Brutvogelarten wird der Lebensraum immer knapper. Der Gipfel ist buchstäblich irgendwann erreicht und es wird Vogelarten geben, die es in der Schweiz nicht mehr geben wird, wenn die Klimaerwärmung weiter fortschreitet. Das Alpenschneehuhn ist eine solche Art. Verschwindet der Schnee, verschwindet auch das Schneehuhn.

Das Schneehuhn kann nur durch ein Stoppen des Klimawandels gerettet werden?

Ja. Es gibt aber auch bedrohte Brutvogelarten, die wir mithilfe von gut geplanten Förderungsmassnahmen erhalten können. Es ist vor allem wichtig, die Biodiversität zu bewahren und zu fördern. Unsere Alpen sind ein wichtiges Rückzugsgebiet für viele Pflanzen und Tiere – mit der Klimaerwärmung wird diese Bedeutung zunehmen. Deshalb ist es wichtig, mit unseren Bergen sorgfältig umzugehen: Landnutzung und Tourismus sind neben dem Klimawandel grosse Einflussfaktoren, die zu einem Rückgang der Biodiversität führen können.

Im Sommer braun meliert, im Winter weiss: Das Alpenschneehuhn passt sein Federkleid den Jahreszeiten an. Bild: Friedrich Böhringer via Wikimedia

Wir können also noch mehr tun, als klimafreundlich zu leben?

Unbedingt! So konnte beispielsweise der Bartgeier, der im 19. Jahrhundert in der Schweiz als Brutvogel ausgerottet wurde, dank Anstrengungen von Vogelschützer*innen wieder in den Schweizer Alpen angesiedelt werden. Der Kormoran wäre ein weiteres Beispiel. Er ist vor knapp 20 Jahren natürlicherweise in die Schweiz eingewandert und brütet bei uns. Allerdings ist diese Ansiedlung um einiges kontroverser als die des Bartgeiers, da der Kormoran Fische frisst, was nicht von allen gerne gesehen wird. Dabei wird übersehen, dass der Kormoran hauptsächlich nur wirtschaftlich uninteressante Fische frisst.

Apropos Fische: Wäre es denkbar, dass in Zürich künftig Flamingos am Letten fischen?

Tatsächlich gab es für kurze Zeit schon einmal Flamingos in der Schweiz. Allerdings bieten unsere Flüsse und Seen zu wenig Nahrung und Lebensraum für eine solch grosse Vogelart, als dass sie hier brüten und könnten.

member ad

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