Von Isabel Brun

Redaktorin & Klima-Redaktorin

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29. April 2022 um 10:00

Klima-Briefing im April: Die Zukunft liegt in unserer Hand

Das Klima-Briefing ist der monatliche Newsletter über Klima-Themen aus Zürich und der Welt. Was uns im April 2022 beschäftigt hat: Bericht des Weltklimarats verheisst nichts Gutes, Bausektor soll nachhaltiger werden, Twitter verbietet Werbung von Klima-Leugner:innen.

Illustration: Zana Selimi

Eigentlich kommt dieses Klima-Briefing eine Woche zu spät. Nicht, weil ich es verschlafen hätte, sondern weil am 22. April der «Earthday» war. Eingeführt wurde der Tag der Erde 1970, um auf die globale Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen. 50 Jahre später ist der Kampf im Namen des Klimas längst nicht gewonnen. Ich habe damals noch nicht gelebt, würde aber behaupten, dass es wohl heute noch schlechter um unseren Planeten steht. Meine Annahme wird unter anderem durch den neusten Bericht des Weltklimarats gestützt – aber dazu weiter unten mehr. 

Bevor ich weiterfahre, eine Frage, die mich soeben wieder umtreibt, während ich diese Zeilen schreibe. Wie aktivistisch dürfen meine Texte zu Netto-Null, Gasausstieg und Co. sein?

Letzte Woche wurde am Tsüri-Podium genau zu diesem Thema mit zwei Journalist:innen und einem Medienforscher diskutiert. Man fragte sich, weshalb es Berichte zum Klimawandel in grossen Medienhäusern so schwer haben. Als Redaktorin bei Tsüri.ch habe ich es gut; meine Teamkolleg:innen sind sich bewusst, wie hoch der Stellenwert von Umweltthemen ist. Von der Öffentlichkeit muss ich mir jedoch immer mal wieder den Vorwurf anhören, «zu links» über das Klima zu berichten. Auch Elia Blülle, der bei der Republik über die Aspekte des Klimawandels schreibt, wird regelmässig mit solchen Wortmeldungen konfrontiert. Er sei aber kein Aktivist, stellt Blülle klar. Denn das würde seinem Selbstverständnis widersprechen: «Journalist:innen sollten unbedingt über die Bewegung berichten, aber sich nicht mit ihr verbünden.» Die Klimajournalistin Alexandra Tiefenbacher vom Onlinemagazin Das Lamm hält sich deswegen auch lieber von der aktiven Mobilmache fern. Obwohl: «Niemand würde mich als Aktivistin bezeichnen, wenn ich mich für die Menschenrechte einsetzen würde.» Den ganzen Artikel dazu findest du hier.

Zürich heizt nicht nachhaltig genug

Dass der Krieg in der Ukraine auch einen Einfluss auf die Nutzung von fossilen Energieträgern und somit auf unser Klima hat, hatte ich bereits im letzten Klima-Briefing erwähnt. Im letzten Monat hat sich die Situation noch einmal verschärft: Erdgas- und Öl sowie Strom ist so teuer wie noch nie. Was Autofahrende bereits seit zwei Monaten bei jedem Tankgang merken, könnte bald auch ÖV-Nutzer:innen blühen. Wie das SRF Regionaljournal vor wenigen Tagen berichtete, wird die Fahrt auf der Fähre von Horgen nach Meilen ab Mai 50 Rappen teurer. Weil die Teuerung aufgrund des Krieges in der Ukraine anhält, sei es möglich, dass auch andere öffentliche Verkehrsmittel ihre Billetpreise erhöhen werden, so das SRF. «Wenn die externen Kosten derart steigen, müssen wir das berücksichtigen», fasst der Mediensprecher des Zürcher Verkehrsbunds (ZVV) zusammen. Tariferhöhungen müssten jedoch zuvor mit den Gemeinden und dem Kanton abgesprochen werden.

Alle Energiepreise sind im vergangenen Jahr in der Schweiz gestiegen. Bild: Screenshot swissinfo.ch

Und noch liefert Russland fossile Brennstoffe – auch nach Zürich. Bereits Anfang März reichten Julia Hofstetter (Grüne) und 32 Mitunterzeichnende eine Anfrage beim Stadtrat ein, die klären sollte, wie viel Erdgas das Unternehmen Energie 360° seit 2008 aus Russland bezogen hatte und ob ein Ausstieg aus russischer Abhängigkeit geplant ist. Nun liegen die Antworten vor: 

  1. In den Jahren 2008–2021 wurden 30'740 GWh Erdgas an Kund:innen in der Stadt verkauft. Das entspreche ungefähr einem Wert von 770 Millionen Franken, so der Stadtrat. Er stellt in seinem Schreiben jedoch klar: «Zu keiner Zeit floss Geld direkt nach Russland.»
  2. Dieses Gas war für 5,595 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verantwortlich.
  3. Abhängigkeiten von russischem Erdgas wolle der Stadtrat, Energie 360° und die Schweizer Gasbranche generell «reduzieren und mittelfristig unabhängig» davon werden. Eine Alternative sei Flüssigerdgas, das zwar teurer ist, aber aus anderen Weltregionen beschafft werden könne.
  4. Die Regierung betont, dass die Stadt sowie Energie 360° bereits jetzt in Biogasanlagen investiert, doch: «Um die Produktion und Nutzung von erneuerbaren Gasen weiter ausbauen zu können, braucht es bessere Rahmenbedingungen.» Dazu seien auch Investitionsbeiträge notwendig. Noch immer werde nur die Stromproduktion mit Biogas unterstützt, so der Stadtrat.
  5. Hinzu komme, dass Biogas in einigen Kantonen nicht als nachhaltige Energieanerkannt sei und es vom Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit nach wie vorals Erdgas «behandelt» werde.
  6. Das Ziel ist laut der Regierung noch immer, bis spätestens 2040 vollständig aus dem fossilen Erdgas auszusteigen. Ab dann sollen 100 Prozent erneuerbare Energien zum Einsatz kommen. 
  7. Den Vorwurf, dass Biogas-Kund:innen in der Stadt Zürich aufgrund deren Ablehnung für Erdgas ab dem 1. April 2022 mehr bezahlen müssen, dementiert der Stadtrat: Die Argumentation sei nicht korrekt. «Der höhere Erdgaspreis trifft alle Bezüger:innen von Erdgas sowie Biogas, denn der Biogas-Preis wird vom Erdgas-Preis beeinflusst. Verändert sich der Marktpreis von Erdgas, so hat dies indirekt auch einen Einfluss auf die Beschaffungspreise von Biogas.» Weiter sei die Nachfrage nach Biogas stark gestiegen, was sich ebenfalls auf die Preise auswirke, so die Antwort des Stadtrats.

Obwohl Putin den Hahn noch nicht zugedreht hat, müssen also Hausbesitzer:innen, die mit Gas heizen, künftig noch tiefer in die Tasche greifen. Die NZZ hat beim Unternehmen 360° nachgefragt: Für die Gasversorgung eines Einfamilienhauses pro Jahr mussten Besitzer:innen von Oktober 2020 bis Oktober 2021 rund 1850 Franken bezahlen. Ein Jahr später werden die Kosten für die Gasversorgung voraussichtlich 3000 Franken betragen – also 60 Prozent mehr als vor dem Krieg.Es spricht also mittlerweile alles dafür, auf erneuerbare Energieträger umzusteigen.

Auch in der Stadt Zürich gibt es diesbezüglich Luft nach oben. Das besagt jedenfalls eine Auswertung von «Energie Reporter», einem Tool von Energie Schweiz, dem Bundesamt für Energie, WWF Schweiz und Geoimpact, das die Gemeinden der Schweiz auf ihre Klimafreundlichkeit überprüft hat. Demnach sind nur ein Viertel der Heizsysteme in der grössten Stadt der Schweiz erneuerbar. Noch schlimmer sieht es in Genf aus: Lediglich 3,4 Prozent aller Heizungen funktionieren mit Erdwärme, Wasser oder Holz. Die Nase vorne hat ein kleines Dorf in Graubünden. Fulda heizt zu89 Prozent mit erneuerbaren Energieträgern – hauptsächlich mit Holz.

Dass in den Bergen oder auf dem Land umweltschonender geheizt wird als in städtischen Regionen, habe vor allem mit den vielen Mietwohnungen zu tun: «Mieter:innen können nicht selber entscheiden, wie sie ihre Wohnungen heizen wollen. Und für Hauseigentümerinnen ist es uninteressant, in erneuerbare Heiz-Systeme zu investieren», erklärt Léonore Hälg von der Schweizerischen Energie-Stiftung gegenüber dem SRF. Die Betriebskosten könne man direkt über die Nebenkosten auf die Mieter:innen abwälzen, die Investitionskosten nicht. Vorschriften wie das neue Energiegesetz des Kantons Zürich, das vorsieht, dass Öl- und Gasheizungen mit klimafreundlichen Systemen ersetzt werden müssen, befürwortet Hälg deshalb.

Die Stadt Zürich hat ausserdem das Potenzial der Fernwärme erkannt. Das Prinzip ist einfach: Wärmeüberschüsse aus grossen Energie- und Kehrichtverbrennungsanlagen werden gesammelt und anschliessend für die Beheizung und den Wärmebedarf verwendet. Bereits im November 2021 haben die Stadtzürcher Stimmberechtigten entschieden: Die Fernwärme soll ausgebaut werden – für 330 Millionen Franken.

Bild: Screenshot Blick

Wie der Blick schreibt, versorgt Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) heute mit seiner Fernwärme rund 170'000 Wohnungen; was 16 Prozent des Siedlungsgebiets entspricht. Die Energie dafür kommt von der Kehrichtverwertungsanlage Hagenholzin Oerlikon. Künftig sollen 25 Prozent durch die CO2-neutrale Abwärme abgedeckt werden. Dadurch würden sich laut Berechnungen des Blick pro Jahr 200'000 Tonnen CO2 vermeiden lassen.

Noch liegt die Stadt Zürich was erneuerbare Heizsysteme betrifft unter dem Schweizer Durchschnitt: Fast 33 Prozent aller Heizungen in der Schweiz sind nachhaltig. Zu wenig, hinsichtlich der Meldung, dass das Klimaziel, die Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent zu senken, knapp verfehlt wurde. Und das, obwohl das CO2-Gesetz dies eigentlich vorschrieb. Nun wurden also nur 19 Prozent erreicht – und es fragt sich, ob es reicht, sich immer nur knapp unter dem Soll-Wert zu bewegen. Immerhin: Der Bund versucht, mit Unterstützungsangeboten zu dienen. Gemäss einer Mitteilung können Hauseigentümer:innen, die ihr Heizsystem auf nachhaltig umstellen möchten, ab diesem Monat gratis beraten lassen. Hier findest du mehr Informationen.

Nachhaltiges Bauen: Der Schein trügt

Wir bleiben noch bei den Gebäuden, schliesslich sind sie für fast 40 Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Doch nicht nur das Heizen stösst eine Menge CO2 aus, auch das Bauen von neuen Häusern ist ganz schön belastend für die Umwelt. In der Stadt Zürich scheint der Tenor trotzdem zu lauten: «Neu ist immer besser.»So ganz abwegig ist diese Denkweise nicht, denn Gebäude, die alt und schlecht isoliert sind, sind auch schlecht für das Klima. Der einfachste Weg, das zu ändern, war für Hauseigentümer:innen deshalb oft der Abriss. Der Nationalrat Kurt Egger (Grüne), der eine Energieberatungsfirma leitet, bestätigt: «In den vergangenen 10 Jahren hat man stark für Ersatzneubauten plädiert.» Gemäss der NZZ wurden in der Stadt Zürich im vergangenen Jahr 1768 Wohnungen abgerissen. Ein neuer Rekord.

Es sei der effektivste Weg, die Klimaziele zu erreichen, so der Baumeisterverband. Was bisher jedoch nicht einberechnet wurde, sind die grauen Energien. Dabei weiss man, dass die Herstellung von Baumaterialien wie Zement, Aluminium und Stahl alles andere als klimafreundlich ist. Da vieles davon jedoch im Ausland produziert wird, würden diese Zahlen jedoch in keiner Statistik der Schweiz auftauchen, so die NZZ. In der Baubranche scheint das einigen durchaus bewusst zu sein: «Global gesehen hat man nichts für den Klimaschutz getan», schreibt der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) in der Stellungnahme zum CO2-Gesetz. Dem Verein zufolge würde es deshalb Sinn machen, die Treibhausgas-Emissionen des gesamten Bausektors zu erfassen.

Auf den Vorwurf eines NZZ-Journalisten, die Bauämter der Stadt würden eine Tabula-Rasa-Politik betreiben, reagiert der grüne Stadtrat Daniel Leupi einigermassen empört: Zum einen würde es mehr Sanierungen als Ersatzneubauten geben, zum anderen habe man die graue Energie durchaus auf dem Radar. Ob eine Siedlung abgerissen werde, basiere auf «sorgfältigen Abklärungen»: «Zu berücksichtigen ist etwa die Qualität der Bausubstanz, die Behindertengerechtigkeit oder die Bauakustik: Ringhörigkeit ist die häufigste Ursache für Nachbarschaftskonflikte», so Leupi in seinem Kommentar. Zwar sei die Diskussion darüber richtig und wichtig, sie müsse aber bei jedem Projekt differenziert geführt werden, «was die Stadt seit vielen Jahren macht».

Übrigens: Unsere Architektur-Kolumnist:innen haben sich erst neulich mit dem Thema «graue Energie» befasst. Hier geht es zum Text «800'000 Quadratmeter leere Büros: Ballast oder Chance?».

Stadt setzt auf Kreislaufwirtschaft

Wie genau graue Emissionen künftig im Gebäudesektor miteinberechnet werden könnten, darüber berät gerade die Umweltkommission des Nationalrats. In der neuen Vorlage soll auch das Thema Kreislaufwirtschaft eine Rolle spielen. Denn gerade in der Baubranche fällt viel Abfall an. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) produzieren wir Schweizer:innen 80 bis 90 Tonnen Abfall pro Jahr. Nach dem Bausektor – der für ganze 84 Prozent verantwortlich ist –  liegen Haushalte, Büros und Bauernhöfe auf dem zweiten Platz. Das Gute daran: Viele Rohstoffe befänden sich bereits in einem Kreislauf. Im Jahr 2016 (aktuellere Zahlen gibt es bisher nicht) wurden 45 Prozent der Siedlungsabfälle recycelt. «Damit ist die Schweiz im internationalen Vergleich eine der Spitzenreiterinnen im Recycling», so das BAFU.

Doch Recycling sei nicht in jedem Fall die beste Option,  sagt Harald Desing vom Bundesforschungsinstitut Empa im Interview mit SRF. Auch seine Kollegin Nicola Blum warnt: Der Effekt des Recyclings werde selbst von Fachleuten manchmal überschätzt. «Es gibt andere Strategien, die noch besser sind – zum Beispiel weniger Material in einem Produkt verwenden oder es länger nutzen.» Das Problem sei, dass bei vielen Materialien Daten fehlten, welcher Kreislauf sich am besten eignen würde, so Blum. 

Nichtsdestotrotz versucht die Stadt nun, neben dem gängigen Recycling von Glas, PET oder Papier auch Plastik zu sammeln und in einen Kreislauf zu bringen. Bereits im Sommer soll es für Städter:innen möglich sein, in ausgewählten Migros-Filialen Verpackungsmaterial aus Kunstoff zu recyceln. Die Detailhändlerin sei die erste Partnerin die bei der flächendeckenden Separatsammlung involviert sei, steht in der Medienmitteilung. Die Zusammenarbeit habe ökologische Gründe: «Dadurch nutzen wir wertvolle Synergien. Der Transport des Sammelguts lässt sich in bestehende Lieferketten integrieren. So vermeiden wir zusätzliche Lastwagenfahrten», erklärt Richard Wolff, Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements. Mithilfe eines Sammelsacks können Zürcher:innen ihre Plastikverpackungen zuhause sammeln und anschliessend in den teilnehmenden Migros-Filialen retourniert werden. Welche das sein werden und wie teuer ein Sack werden wird, ist noch nicht bekannt.

Es wird ungemütlich

Kommen wir zum Grund, weshalb wir solche Bestrebungen überhaupt vorantreiben. Ich habe es zu Beginn dieses Briefings bereits angeschnitten: Anfang April wurde der dritte Teil des Weltklima-Berichts veröffentlicht und – Überraschung! – er verheisst nichts Gutes. Du wirst es vermutlich bereits mitbekommen haben. Ansonsten hier nochmal zusammengefasst, was das SRF auch schon paraphrasiert hat:

Nachdem wir beide jetzt schon einigermassen deprimiert sind, mache ich an dieser Stelle gleich weiter. Kannst du dich noch daran erinnern, was neben Corona letztes Jahr sonst noch passiert ist? «2021 war ein Jahr der Extreme, darunter der heisseste Sommer in Europa, Hitzewellen im Mittelmeerraum, Überschwemmungen und Windflauten in Westeuropa, was zeigt, dass das Verständnis von Wetter- und Klimaextremen für Kernbereiche der Gesellschaft immer wichtiger wird», sagte Carlo Buontempo vom EU-Klimawandeldienst Copernicus zum deutschen Nachrichtenmagazin Die Zeit. Auf Sizilien kletterten die Messgeräte auf bis zu 48,8 Grad – ein europäischer Hitzerekord. Und in Teilen der Ostsee lag die jährliche Meeresoberflächentemperatur mehr als fünf Grad Celsius über dem Durchschnitt, so die Zeitung. Gerade die Weltmeere leiden besonders unter der Erderwärmung, mit Folgen für die Flora und Fauna unter Wasser. Auch für Korallen ist das oftmals das Todesurteil: Denn bei zu warmem Wasser bricht die Zusammenarbeit zwischen den Korallentieren und ihren symbiotischen Algen zusammen und sie verhungern. Dem globalen Problem nimmt man sich übrigens auch in Zürich an. Ich traf eine Meeresbiologin, die künstliche Riffe aus dem 3D-Drucker herstellt und eine Fotografin, die sich mittels Kunstprojekten für die Korallen einsetzt. Den Artikel findest du hier.

Sieht man etwas weiter in die Zukunft, werden nicht nur die Korallen ums Überleben kämpfen müssen, auch wir Menschen und Tiere an Land werden mit so einigen Umweltkatastrophen konfrontiert werden, wenn die Erderwärmung weiter fortschreitet. Die Berliner Morgenpost hat sich die Mühe gemacht, die Folgen des Klimawandels – oder wohl eher Klimakrise – zu visualisieren. Denn wir wissen aus dem zweiten Teil des Berichts vom Weltklimarat ja bereits, dass viele Teile der Erde in Zukunft nicht mehr bewohnbar sein werden. Aufgrund von Hitze, Wasserknappheit, dem Anstieg des Meeresspiegels oder Tornados. Da sich das kaum hier integrieren lässt, entdecke selbst!

Die Natur leidet also nach wie vor. Aber nicht verzagen, die Politik fragen. Damit sich etwas tut – danach sind wir an der Reihe: Am 15. Mai stimmen Stadt und Kanton Zürich über die Zukunft der Klimapolitik ab. Viele Parteien (alle ausser der SVP), wie auch der Klimastreik, befürwortet das Ziel der Stadt, bis in 18 Jahren klimaneutral zu werden. Anders als beim CO2-Gesetz vor knapp einem Jahr stellen sie sich nun also auf die Seite der Politik. «Die Bewegung schaffte es damals nicht, sich auf einen gemeinsamen Standpunkt zu stellen und mit geeinten Kräften im Abstimmungskampf um das CO2-Gesetz aufzutreten», resümiert SP-Nationalrat und Klimaaktivist Nicola Siegrist gegenüber Watson. Das sei jetzt anders: Die Bewegung habe sich früh im parlamentarischen Prozess beteiligt, Kritik eingebracht und intern eine Position gesucht. Aber: «Ja, es gab auch ablehnende Stimmen», so der Klimaaktivist Tiziano de Luca. Das Plakat des Klimastreiks spricht Bände:

Klimaneutral trotz Kühen?

Die Vorlage scheint gute Chancen zu haben. Doch was passiert, wenn «Netto-Null bis 2040» beschlossen ist? Schliesslich sollen Taten folgen; nicht so wie beim CO2-Gesetz, das dann doch nicht zu 100 Prozent eingehalten wird. Für die Stadt ist der Fall klar: Eine neue Strategie muss her! Doch so ganz neu ist diese aber gar nicht. Denn die beiden bisherigen Strategien «Stadträume Zürich» und «Stadtverkehr 2025» werden lediglich in eine überführt. Immerhin: Gemäss Medienmitteilung ist auch eine Weiterentwicklung geplant. Ausserdem konnte sich die Bevölkerung und Organisationen einbringen – online und analog. 1200 Personen hätten mitgemacht, heisst es. Die neue Dachstrategie lege die Grundlagen für «attraktive öffentliche Räume und eine umweltschonende, effiziente Mobilität». Bis im Herbst 2023 sollen dann die beiden Fachstrategien «Stadträume»und «Mobilität» erarbeitet werden, die beide auf der Dachstrategie aufbauen.

Von der Innenstadt an den Stadtrand. Dort will die Stadt bereits ab 2035 Klimaneutralität erreichen. Ende März hat das Parlament beschlossen, dass auch die 30 Landwirtschaftsbetriebe, die in Zürich wirtschaften, klimaneutral sollen. Was das für die Bäuer:innen von städtischen Betrieben bedeutet, ist noch unklar. Fakt ist aber: Die Landwirtschaft ist Klimasünderin Nummer eins – ich habe im letzten Briefing bereits darüber geschrieben – und das soll sich ändern. «Klar hoffe ich, dass ich meine Kühe behalten kann», sagt Biobauer Marcel Lusti. Der Tages-Anzeiger hat den Leimbihof-Landwirt Anfang April besucht und mit ihm über die möglichen Folgen von Netto-Null gesprochen. Lusti gibt sich zuversichtlich: Es gebe bereits Ansätze für mehr Klimaschutz im Kuhstall. Beispielsweise könne man mit einem Entmistungsroboter den Stall sauberer halten – das reduziere die Klimagase. Wie genau die städtischen Bauernhöfe Netto-Null erreichen sollen, ist scheinbar auch bei der Stadt noch nicht sicher: Es lasse sich nicht pauschal beantworten, sagt Charlotte Haupt, die bei Grün Stadt Zürich für die Umstellung auf eine klimaneutrale Landwirtschaft zuständig ist auf Anfrage des Tages-Anzeigers. Hoffen wir, das in der auf Ende 2023 angekündigten Klimastrategie für die Landwirtschaft, die Antworten klarer sind. 

Kurz und knapp:

  1. Twitter will künftig keine Werbeanzeigen mehr zulassen, die den Klimawandel leugnen. Das berichtet unter anderem blue News via dpa. Vor einer Woche teilte der Tech-Konzern mit, dass «Anzeigen nicht von wichtigen Debatten über die Klimakrise ablenken sollten». Ob sich das Verbot auch auf Inhalte auswirkt, die Nutzer:innen im Kurznachrichtendienst posten können, ist unklar. Twitter will zudem in den kommenden Monaten aufzeigen, wie ein «verlässlicher, massgeblicher Kontext zu Klimagesprächen» von Nutzer:innen bereitgestellt werden könnte. Dazu sollen auch Inhalte des Weltklimarats gehören.
  2. Der Kanton Zürich hat einen Zwischenbericht zur Waldentwicklung veröffentlicht. In den letzten Jahre hätten Stürme, Trockenheit und der Borkenkäferbefall den Zürcher Wäldern zugesetzt. Deshalb müsse dem Klimawandel weiterhin genügend Beachtung geschenkt werden. Auch als Erholungsgebiet bleibt der Wald wichtig. Die Stadt Zürich hat deshalb eine Kampagne lanciert, um städtische Wald-Besucher:innen zu sensibilisieren. «Am Wald z'lieb», heisst der Slogan, der für ein respektvolles Miteinander sorgen soll. Der Wald bleibt noch kurz Thema: Zwei Gemeinderatspolitiker fordern von der Stadt nämlich, dass sie rechtzeitig über Baumfällungen informiert. Im Februar und März 2022 habe Grün Stadt Zürich Baumfällaktionen im unteren Wehrenbachtobel, im Stöckentobel, an der Stöckennhalde und im Wolfbachtobel durchgeführt. Die betroffene Bevölkerung sei irritiert darüber gewesen. Gemäss den Postulatsschreibenden soll künftig nicht nur online darüber informiert, sondern aktiv auf die Bevölkerung zugegangen werden.
  3. Mehr Unterstützung bei der Umsetzung des kantonalen Richtplans will das Bundesamt für Raumentwicklung ARE bieten. Anhand von «guten und umsetzbaren Beispielen» wird in der Arbeitshilfe aufgezeigt, wie Kantone «in ihren Richtplänen mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen können», so die Medienmitteilung. Der kantonale Richtplan gilt als das zentrale Führungs- und Steuerungsinstrument der Kantone für ihre räumliche Entwicklung und ist für die Behörden verbindlich.
  4. Hanf statt Hopfen – die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat ein neues Rezept für Bier getestet, denn der Klimawandel setze dem Hopfen zunehmend zu, berichtete das Newsportal Nau. Hanf schmecke ähnlich wie Hopfen, weshalb es sich ebenfalls eignen würde, um Bier zu brauen. Anders als beim bereits erhältlichen Hanfbier wollte man jedoch bei der neuen Rezeptur, dass das Endprodukt gleich schmeckt, wie das handelsübliche Bier. Drei Jahre lang hätten die Forschenden der ZHAW gebraucht, um den geeigneten Hanf zu finden.
  5. Greta Thunberg wird eigenen Aussagen zufolge ein Buch schreiben. Die schwedische Klimaaktivistin wolle dafür über 100 Umweltexpert:innen aus der ganzen Welt involvieren, wie Toponline meldet. Die 19-Jährige hoffe, dass der Band eine Art Referenzwerk zu den unterschiedlichen, eng miteinander verbundenen Krisen werde.

Bild: www.parlament.ch

Klimakopf des Monats: Regula Rytz

Medien bezeichnen sie gang und gerne als die «erfolgreichste grüne Politikerin der Schweiz»: 2019 wollte sie noch in den Bundesrat, nun gibt Regula Rytz ihr Amt im Nationalrat ab. Aber ganz mit der Politik aufzuhören, kommt für die 60-Jährige nicht in Frage, sie wechsle einfach die Bühne, so Rytz: Im Juni wird sie für das Präsidium von Helvetas kandidieren. Dass sie sich stärker der Entwicklungszusammenarbeit widmen will, habe auch mit der Klimakrise zu tun. Diese werde den Planeten «dramatisch verändern», und die Ärmsten dieser Welt würden am stärksten betroffen sein, sagte Rytz Anfang April gegenüber der SonntagsZeitung.

Ausserdem sieht ihr Plan vor, dass sie sich stärker in der Europapolitik einmischt. Das EU-Rahmenabkommen soll es unbedingt schaffen – wenn auch erst im zweiten Anlauf. Trotz ihres Rücktritts aus dem Parlament, wird sie von einigen als Bundesratsanwärterin gehandelt. Die noch Nationalrätin dementiert: «In der heutigen Situation kann ich es mir nicht vorstellen, noch mal für den Bundesrat zu kandidieren.» Trotzdem werde es auch ohne sie weitergehen. «Die Covid-Krise und Putins Krieg konnten die grüne Welle nicht stoppen», so Rytz.

Das kommt in den nächsten Wochen auf uns zu: 

  1. Ja, ich sage es nochmal: Am 15. Mai stimmen wir in der Stadt über die Vorlage«Klimaschutzziel Netto-Null 2040» ab, im Kanton über die Änderung der Verfassung – und somit auch über den künftigen Klimaschutz. Und ich rate dir, deine Unterlagen unter dem Stapel auf deinem Tisch hervorzukramen, auszufüllen und auf die Post zu bringen. Wir Stimmberechtigten haben es in der Hand. Allez!

Bild: Screenshot Swissmilk.ch

Rezept mit dem Gemüse des Monats: Rhabarberwähe

Zutaten für 8 Stück
Zubereitungszeit: 1h 15min

  • 200g Mehl
  • 1/2 TL Salz
  • 100g (vegane) Butter
  • 0,5dl Wasser
  • 600g Rhabarbeerstänel gwürfelt
  • 3EL gemahlene Haselnüsse oder Mandeln
  • 1 Ei (für vegane Version weglassen, dafür 25g Maisstärke hinzugeben)
  • 2dl Milch/Soja-Rahm
  • 4EL Zucker

    Kuchenteig:Guss:Teig: Mehl und Salz mischen. (Vegane) Butter dazugeben, zu einer krümeligen Masse verreiben, eine Mulde formen. Wasser hineingiessen, kurz zu einem Teig zusammenfügen, nicht kneten. Zwischen 2 Backpapier-Bogen legen, etwas flachdrücken, mit Wallholz auf die Grösse des Bleches auswallen. Auf Blech legen, oberes Backpapier entfernen, überlappendes Papier samt Teig mit der Schere wegschneiden. Kühl stellen. Backofen auf 220°C Ober-/Unterhitze vorheizen (Heissluft/Umluft ca. 200°C).

    Guss: Alle Zutaten zusammen verrühren. Teigboden mit einer Gabel dicht einstechen, mit gemahlenen Haselnüssen oder Mandeln bestreuen, Rhabarber darauf verteilen, Guss nochmals gut verrühren, darüber giessen. Auf der zweituntersten Rille des vorgeheizten Ofens ca. 40 Minuten backen. Auskühlen lassen.
  • Der Tipp zum Schluss

    Den ersten Tipp habe ich dir gewissermassen bereits weiter oben gegeben. Der zweite handelt vom Kreislauf: Dem Kleider-Kreislauf. Der Klimapavillon auf dem Werdmühleplatz organisiert nämlich am 7. Mai einen Kleidertausch. Passend zum «Overshoot Day» kannst du von 10 bis 17 Uhr bis zu fünf Kleiderstücke – die sowieso seit Monaten traurig in deinem Schrank hängen und kaum einmal das Tageslicht erblickt haben – zum Pavillon bringen und gegen neue Alte tauschen. Einzig sauber müssen sie sein, Style und Grösse sind egal. Froher Kreislauf!