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«Klar werden Schlägereien gefilmt – aber selten in den sozialen Medien geteilt»

Handy-Filme als Jugendkultur
18. März 2015
Chefredaktor


Neun von zehn jungen Schweizern besitzen ein Smartphone – und haben damit das Potenzial, eine digitale Künstlerin zu sein. Dank der beeindruckenden Verbreitung der Geräte ist es einfach geworden Fotos zu schiessen, zu bearbeiten und zu versenden oder in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Fast ebenso leicht ist es, das iPhone als Filmkamera zu verwenden und die Ergebnisse der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen. 9,9 Prozent aller Nutzer geben an, mit ihrem Smartphone Filme zu schauen und produzieren – durchschnittlich rund 10 Minuten pro Tag. Bei den Jugendlichen dürften diese Werte wesentlich höher sein.

Bei diesen Zahlen ist es kein Wunder, dass sich inzwischen die Kunst und die Wissenschaft für Smartphone-Filme als neue Jugendkultur interessiert. Die ZHdK und die Universität Zürich führen zurzeit eine vom Nationalfonds finanzierte Studie durch. Die zentralen Fragen dabei sind: Welche Inhalte des Alltags werden mit welchen ästhetischen Mitteln festgehalten? Mit welchen Bedeutungen belegen die Jugendlichen den Gebrauch der Handykamera? Welche Bedeutung haben Handyfilme in ihrem Alltag?

Grosse Aufregung um kleine Filme? Wie dem auch sei, schon seit ein paar wenigen Jahren finden regelmässig verschiedene Smartphone-Filmfestivals statt – auch Zürich kriegt Ende Mai sein eigenes: Das Mobile Motion Filmfestival.

Am Tag vor dem Start der Jugendfilmtage in Zürich organisierte die kantonale Kinder- und Jugendförderung ein Podium zu ganau diesem Thema: «Grosse Aufregung um kleine Filme - Perspektiven auf Handyfilme zwischen Jugendkultur, Öffentlichkeit und Medienbildung.»

Mit den ersten Wortmeldungen wurde deutlich, dass auf dem Podium keine Kulturpessimistinnen zu finden sind: Den Diskutierenden ist es enorm wichtig, dass Handyfilme nicht als etwas schlechtes und gefährliches angesehen werden. Auch wenn beispielsweise Min Li Marti (Gemeinderätin und Chefredaktorin P.S.) sagt: «Ich sehe mich selber nicht mehr in der Zielgruppe, die mit dem Handy filmt und das dann verschickt und in den sozialen Medien teilt.»

Neues Medium, alte Themen Auch die anderen Podiumsteilnehmer gehören nicht zu jenen, die Teil dieser neueren Jugendkultur sind – viel eher gehören sie zu den professionell Beobachtenden. Gemeinsam sind sie der Meinung, dass der grosse Teil der Handyfilme unproblematisch sei. Prügeleien gab es schon früher auf dem Pausenplatz, auch Sex hatten Jugendliche schon bevor es Smartphones gab, ist Min Li Marti überzeugt. Die Themen, welche Jugendliche heute beschäftigen und teilweise mit der Kamera festgehalten werden, sind nicht neu. Nur der Umgang damit ist neu. Und wie es Dr. Ute Holfelder (UZH, Institut für Sozialanthropologie & Empirische Kulturwissenschaft) sagt: «Das Smartphone wird bereits in die soziale Interaktion mit rein genommen, es gehört also zur Situation.»

Klar gäbe es Fälle von Cybermobbing und Sexting, weiss Ivica Petruši? (Geschäftsführer der kantonalen Kinder- und Jugendförderung okaj) – dies müsse und werde auch von der Jugendarbeit thematisiert. Wichtiger sei jedoch die Frage nach dem Privaten und Öffentlichen: Mit dem Smartphone, dem Internet und diversen sozialen Medien sind die Grenzen zwischen privat und öffentlich heute so schwach wie nie zuvor, und diese Tendenz wird noch weiter gehen.

Das Recht auf Vergessen Ute Holfelder ist aber überzeugt, dass sich Jugendliche dieser feinen Grenze sehr wohl bewusst sind: «Klar werden Schlägereien gefilmt. Aber das Teilen dieser Filme in den sozialen Medien ist sehr selten und wird vom Freundes- und Kollegenkreis meist nicht akzeptiert.»

Sowieso werden die allermeisten Smartphone-Filme nicht auf öffentlichen Plattformen veröffentlicht, sondern höchstens in geschlossenen Whatsapp-Gruppen geteilt. Wird das ungeschriebene Gesetz aber überschritten und ein privater Film der ganzen Welt zugänglich gemacht, sieht die Gemeinderätin Min Li Marti das Recht auf Vergessen gefährdet: «Es gibt das Recht auf eine Jugendsünde, die dann auch wieder vergessen wird. Smartphone-Filme sind über lange Zeit verfügbar, das kann zum Problem werden.»



Wohin geht die Entwicklung? Wer aber mit dem öffentlichen Auftritt auf Plattformen wie Facebook umgehen kann, hat ein gutes Mittel, um sich erfolgreich zu präsentieren, so Dr. Dominik Landwehr vom Migros Kulturprozent. «Jugendliche haben heute dank den sozialen Medien einen starken Hebel und können in Sekundenbruchteilen ihr soziales Netzwerk erreichen.»

Ob die Smartphone-Filme eine neue Jugendkultur darstellen, wagt Min Li Marti in Frage zu stellen. Die Handy-Filme grenzen sich noch nicht genügend von Filmen ab, die mit anderen Geräten produziert werden. «Es sind Filme, die durch ein neues Medium hergestellt werden. Ein eigenes Stilmittel sind sie aber noch nicht.»

Und wie wird es weiter gehen? «Alles, was wir tun, können wir in Echtzeit übermitteln – ungeschnitten und unbearbeitet. Das schafft eine Telepräsenz, deren Aufstieg erst beginnt. Machen wir uns darauf gefasst, dass es sehr schnell gehen wird und anders kommt, als wir denken», schliesst Dr. Dominik Landwehr seine Ausführungen. Titelbild: Twitter/PremiereClip

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