«Klar, durch die Themensetzung kann 20 Minuten den Fokus der Bevölkerung steuern»

13. Oktober 2016

Die grösste Zeitung der Schweiz wird täglich von über zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizern gelesen. Dies hat verschiedene Gründe: 20 Minuten liegt gratis auf, ist leicht zu lesen und stellt die Geschichten oft als Konflikt dar, wie Verantwortliche gegenüber Tsüri bestätigen. Ehemalige Mitarbeiter kritisieren, dass die Pendlerzeitung bei gewissen Themen so ein Klima der Angst zementiert und bewirtschaftet. Stimmt das? Wie gross ist der Einfluss von Medien auf die Meinungsbildung der Schweizer Bevölkerung? Und trägt eine Zeitung, die täglich von zwei Millionen Menschen gelesen wird, eine gesellschaftliche Verantwortung? Diese und weitere Fragen haben wir Dr. Guido Keel gestellt. Keel ist Geschäftsführer und Dozent am Institut für angewandte Medienwissenschaft der ZHAW in Winterthur.

Welche Rolle haben die Medien in einer halbdirekten Demokratie?
Eine sehr wichtige: Sie machen Informationen zugänglich, weisen auf kritische Punkte hin, ordnen diese ein und geben den verschiedenen Akteuren eine Plattform, sich zu äussern.

Im Vergleich zu anderen Einflüssen wie Parteien, Verbände, Stammtischgespräche oder Freunde: Wie gross ist der Einfluss von Medien auf die Meinungen der Bevölkerung?
Das sind zwei verschiedene Ebenen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Auf der einen haben wir die Medien und auf der anderen das soziale Umfeld. Die Medien stellen Informationen zu Verfügung, sie beeinflusst die Meinung in der Bevölkerung aber üblicherweise nicht direkt. Vielmehr wird sie gefiltert und eingebettet durch das soziale Umfeld, insbesondere durch Meinungsführer im sozialen Umfeld, heute zudem selektiert und gewichtet durch Communities in den Social Media. Insofern nehmen die Medien nach wie vor zwar nicht unbedingt eine direkte, aber trotzdem eine zentrale Rolle in der politischen Meinungsbildung der Bevölkerung ein.

20 Minuten erreicht jeden Tag über zwei Millionen Leserinnen und Leser. Inwiefern hat eine Zeitung mit dieser Reichweite eine gesellschaftliche Verantwortung?
Klar haben die Medien eine Verantwortung. Diese ergibt sich aber nicht nur aus der Reichweite, sondern auch aus den Erwartungen an ein Medium, bzw. an den Anspruch, den ein Medium an sich selbst stellt. Die Macher von 20 Minuten sind sich sicher bewusst, dass sie eine Verantwortung haben und nehmen diese auch wahr, indem sie klar deklarieren, was die Idee von 20 Minuten ist: Einordnung und grossartige Eigenleistungen gehören nicht dazu. Dafür greift sie aktuelle Themen auf und präsentiert unterschiedliche Standpunkte dazu, ohne diese Standpunkte abschliessend zu beurteilen.

Beeinflusst 20 Minuten mit ihrer Berichterstattung die Wahrnehmung von gewissen Themen in der Bevölkerung?
Was die Macht der einzelnen Medien betrifft, bin ich vorsichtig. Aber klar, durch die Themensetzung können die Medien und kann 20 Minuten den Fokus der Bevölkerung steuern und die Wahrnehmung auf einen bestimmten Punkt lenken. In anderen Ländern, wie beispielsweise der USA, haben viele Leute durch die Medien ein stark verzerrtes Bild von der Realität. So schlimm ist es in der Schweiz nicht.

«Wie gefährlich sind minderjährige Flüchtlinge?» – verändern solche Schlagzeilen unser Bild von Geflüchteten (inzwischen wurde die Headline angepasst, Anm. d. Red.)?
Natürlich hat das einen Einfluss. Vor allem die Wiederholung solcher Berichterstattungsformen kann die Wahrnehmung beeinflussen. Suggestivfragen im Titel sind journalistisch sowieso heikel. Auf Missstände hinweisen und heikle Themen hinterfragen heisst nicht, dass die Leser damit alleine gelassen werden sollen.

Ist jemand, der ausschliesslich 20 Minuten liest, genügend informiert, um sich über komplexe, politische Themen eine eigene Meinung bilden zu können?
Nein, aber das ist auch nicht der Anspruch von 20 Minuten. Wir müssen realistisch sein: Nicht alle wollen die NZZ lesen. Wir können schon froh sein, wenn die Bevölkerung informiert ist und in groben Zügen weiss, was auf der Welt geschieht – und das deckt 20 Minuten mit ihren schnellen, kurzen und unterhaltenden Nachrichten ab. Es gibt Leute, die sagen, sie würden sich über Giacobbo/Müller über politische Themen informieren. Wer aber nur Giaccobo/Müller schaut, ist auch nicht vollständig informiert.

Ehemalige Mitarbeiter kritisieren, dass 20 Minuten mit der Art ihrer Berichterstattung ein Klima der Angst bewirtschaftet. Wie sehen Sie das?
Diese Einschätzung teile ich als gelegentlicher 20-Minuten-Leser nicht und würde diesen Vorwurf auch gegen kein anderes Schweizer Medium erheben. 20 Minuten ist zudem in meiner Wahrnehmung nicht aggressiver oder konfliktreicher als andere.

Gibt es einen Unterschied zwischen den verschiedenen grossen Medien?
Klar, andere Zeitungen ordnen mehr ein, liefern mehr Hintergrund und stiften dadurch Orientierung. Im Journalismus gibt es unterschiedliche redaktionelle Ziele, Stile und Formen, diese sollte man aber nicht gegeneinander ausspielen.

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