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Dr. Dagmar Pauli: «Die Gesellschaft als Ganzes hat eine Essstörung»

Täglich sitzen ihr Jungen und Mädchen gegenüber, die aufgehört haben zu essen. Im Interview erklärt Dr. Dagmar Pauli, Chefärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich (KJPP), wann ein Essverhalten krankhaft wird und wie Angehörige helfen können.
10. Dezember 2018

Wie haben sich die Süchte rund um das Essen in den letzten Jahren verändert?

Von Anorexie sind mehr jüngere Jugendliche betroffen. Dieses Problem hat sich eher verschärft. Zudem werden die Schönheitsideale immer präsenter in den Medien und im Alltag.

Was ist das Besondere an Esssüchten verglichen mit anderen Süchten?

Krankheiten wie Anorexie, auch Magersucht genannt, oder Bulimie, auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet, sind in gewisser Hinsicht vergleichbar mit anderen Süchten. Eine Sucht hält sich selbst aufrecht, wenn sie sich einmal etabliert hat – auch wenn die ursprünglichen Auslöser und Ursachen für diese Sucht gar nicht mehr vorhanden sind. Im Vergleich zu anderen Süchten wie Alkohol- oder Zigarettensucht ist Magersucht aber viel schneller sehr lebensbedrohlich. Denn Essen ist etwas Essentielles.

Welche Personen sind besonders gefährdet für Esssüchte?

Von magersüchtigen Essstörungen sind häufig eher zwanghafte und perfektionistische Menschen betroffen, die hohe Ansprüche an sich selbst haben. Diese leben oft in hohen sozialen Schichten. Viele junge Menschen mit Essstörungen sind sehr intelligent und differenziert, was für die Behandlung hilfreich sein kann. Doch nicht selten fehlt bei zwanghaften Essstörungen die Einsicht, sodass die Motivation für die Behandlung eher gering ist. Dies kann wiederum schwierig für die Therapie sein.

Laut Statistik leiden 5 Prozent der Schweizerinnen unter einer Essstörung. Wie verteilt sich das auf die Geschlechter und die Altersgruppen?

Bei den jungen Mädchen ist die Magersucht die häufigste Essstörung. Bei den jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 Jahren kippt diese Form der Essstörung dann aber nicht selten in eine Bulimie, das heisst Essattacken mit Erbrechen. 90 Prozent der Betroffenen bei diesen beiden Erkrankungen sind weiblichen Geschlechts. Das Binge-Eating, also Essattacken ohne Erbrechen, tritt bei Männern und Frauen gleich häufig auf und ist im Erwachsenenalter die häufigste Essstörung.

Binge-Eating ist eine heimliche Essucht, von der das Umfeld der Betroffenen selten etwas mitbekommt. Wie zeigt sich dieses Verhalten?

Binge-Eating ist gekennzeichnet von Essattacken mit Kontrollverlust. Es geht nicht darum, dass man mal zu viel isst, sondern dass die Person heimlich riesige Mengen an Nahrungsmitteln in kurzer Zeit herunterschlingt, ohne dass sie dies selbst stoppen kann. Die meisten Personen, die vom Binge-Eating betroffen sind,suchen keine Hilfe, da sie sich sehr für dieses Verhalten schämen. Betroffene suchen den Arzt schliesslich meist erst wegen Übergewicht auf.

Welches ist die gefährlichste dieser Erkrankungen?

Anorexie.

Anorexische Personen hungern noch dann, wenn sie bereits ein lebensbedrohliches Untergewicht haben. Was sind die Gründe für ein solches Verhalten?

Das ist sehr komplex. Grundsätzlich hat unsere Gesellschaft als Ganzes eine Essstörung. Das zeigt sich in schädlichen Körperidealen und falschen Ernährungs- und Diätgewohnheiten, die überall präsent sind. Besonders junge Leute sind in ihrer Unsicherheit davon betroffen und beginnen mit einer harmlos scheinenden Diät. Ob sich daraus eine schwerwiegende Essstörung entwickelt, hat auch mit der Veranlagung der Person zu tun. Individuelle Gründe für Essstörungen sind Perfektionismus, Selbstzweifel oder Beziehungsprobleme. So kann man von einer harmlosen Diät in eine Essstörung rutschen.

Man kann also von harmlosen Diäten in die Magersucht rutschen. Was sind Alarmzeichen, auf die man achten soll?

Es gibt mehrere Anzeichen, beispielsweise: schneller Gewichtsverlust, mehrmals in der Woche erbrechen, Rückzug aus sozialen Aktivitäten und der Familie, wenn sich eine Person nur noch mit Essen beschäftigt oder nur noch auf die Diät oder auch die Schule achtet. Solche Situationen zeigen, dass die Ampel auf Rot steht.

Wann haben Betroffene aus ihrer Erfahrung gute Chancen in der Behandlung?

Bei Magersucht muss man früh handeln. Wenn man zu lange wartet, kann rasch eine schwere Essstörung entstehen. Daher ist es wichtig, dass das Umfeld sich früh Gedanken macht und auf fachliche Hilfe besteht. Wenn man wartet, bis sich jemand selbst Hilfe holt, ist es oft zu spät.

Essgewohnheiten sind ein sehr persönliches Thema. Wie sollte man einen Verdacht ansprechen?

Etwa wenn man die Person darauf anspricht, wie man sie wahrnimmt. Gehört man zum engeren Umfeld der Person, sollte man nicht gleich aufgeben, selbst wenn die Person abblockt. Als Eltern sollte man dem Kind mit Nachdruck anbieten, in die Beratung zu gehen, auch wenn die oder der Betroffene die Krankheitseinsicht noch nicht hat.

Gibt es Dinge die man vermeiden sollte?

Man sollte ja nicht sagen: Du siehst viel besser aus, gut hast du zugenommen. Das schürt die Angst der Betroffenen, dick zu werden. Zudem sollten die Eltern nicht um jeden Löffel Essen streiten. Grundsätzlich gilt, nicht zu lange zu diskutieren, sondern lieber Hilfe von Fachleuten zu suchen.

Titelbild: ZvG

Redaktorin


Benötigst Du oder eine Person in deinem Umfeld Hilfe oder Beratung? Es gibt verschiedene Organisationen und Beratungsstellen für Menschen mit Essstörungen, an die man sich wenden kann, beispielsweise das «Zentrum für Essstörungen», die «Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen» oder das «Experten-Netzwerk Essstörungen Schweiz (ENES)».


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