Kinokultur Zürich: Unser Dilemma der On-Demand Gesellschaft

Das «Film Festival de Cannes» hat in diesem Jahr sämtliche Streamingdienste ausgebootet. Die Aura der wahren Filmkunst soll der Grossleinwand vorbehalten bleiben. Im Widerspruch dazu kämpft die Kinolandschaft Zürich gegen halbleere Kinosäle und einen Angebotsüberdruss. Hat das Kino an Bedeutung eingebüsst?
16. Juni 2018

Eine der prestigeträchtigsten Film-Bastionen befindet sich an der Cote d’Azur: Das Festival de Cannes sieht sich als eine der letzten Koryphäen für wahrhaftige Cineastik. Nicht immer war diese Selbstverständlichkeit, mit der sich das Festival diese Doktrin auferlegte, über jeden Zweifel erhaben. Dieses Jahr war die Skepsis aber ungleich lauter als sonst, denn es stellt sich die Frage, ob Cannes nicht zu sehr in Gedanken an vergangene Zeiten schwelgt: Die Festspiele gaben bekannt, dieses Jahr ausschliesslich Filme zu prämieren, die nach den Festivals in französischen Kinos gezeigt werden. Das ist im Grunde kein Problem, wäre da nur der US-Konzern Netflix nicht. Für diesen ist das Vorgehen des Filmfestivals inakzeptabel, denn genau fürs Streamen produziert der Konzern seine Inhalte; ins Kino bringt er seine Filme selten und falls doch, dann nur kurz und zeitgleich mit dem Start auf seiner Plattform.

Ob der Entscheid in Cannes richtig war, wird sich zeigen, offensichtlich ist aber: Das Kino hat an Bedeutungshoheit eingebüsst. Die Argumente für einen Kinobesuch sind dieselben wie vor 30 Jahren, nur haben sich die Umstände markant verändert. Filmaffine sind nicht mehr nur auf das Kino als cineastische Ressource angewiesen. Was früher der Fernseher war, sind heute die Streamingdienste (und die Film-Piraterie). Dies stellt auch Frank Braun fest, der Programmverantwortliche der Kinos Riffraff und Houdini: «Der Filmkonsum hat nicht abgenommen, sondern sich auf andere Kanäle verlagert, das heisst, die Kino-Klientel nimmt laufend ab. Heutzutage gilt es als selbstverständlich, sich überall und zu jeder Zeit einen Film zu Gemüte führen zu können». In einer Zeit, in der viele Wohnungen Zürichs mit HD-Beamern und Home-Cinemas ausgestattet sind, scheint dies eine logische Konsequenz.

Filmverleih vs. Kinobetrieb

«Vorführungen in Kinosälen sind ein kollektives Erlebnis. Jeder Besucher hat die unausgesprochene Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Film wird im Kino als Ritual zelebriert», meint Braun. In der Tat: Das immersive Erlebnis im Kinosaal, der weiche Kinosessel, das Popcorn, die gemeinsame Erfahrung in einem Raum voller fremden Personen – das wird dem Kino vorbehalten bleiben. Nur ist das mit dem Raum voller fremden Personen so eine Sache: Sie ist zur Seltenheit geworden. «Overscreening» ist hier das Stichwort: Wenn «Solo: A Star Wars Story», alleine im Kino Abaton sieben Mal am Tag vorgeführt wird (Stand: 13. Juni 2018), ist ein spärlicher gefüllter Kinosaal keine Überraschung – im Übrigen ist das Abaton eines von sechs Kinos in Zürich, welches den Film täglich zeigt. Diese Programmstruktur wird jede Woche neu verhandelt.

«Die Kinokarriere eines Films ist erfolgsabhängig. Kinosaal, Anzahl sowie Frequenz der Aufführungen werden für die Lancierung festgelegt, sind aber über die Dauer nicht fix», meint Braun. Diese werden wöchentlich mit dem jeweiligen Filmverleih neu verhandelt. «Dabei müssen jeweils zwei Interessen zusammen finden: Jenes der Kinos, die eine optimale Auslastung ihrer Säle verfolgen, und jenes der Verleiher, welche für ihren Film möglichst viele Vorstellungen und Säle wollen». Dass Kinobetreiber das alleinige Aufführungsrecht nicht für sich beanspruchen können, um damit den Saal für einmal zu füllen, liegt ebenfalls am Filmverleih. «Wenn dieser merkt, dass eine Nachfrage besteht, beliefert er weitere Kinos, die am Film interessiert sind – was in den letzten Jahren zugenommen und die Monokultur im Kinoangebot verstärkt hat.», so Braun. Nur werden dann keine neuen Besucher*innen generiert, der bestehende Markt wird damit nur weiter ausgedünnt. Kurzum: Der Filmverleih überflutet den Markt, die Kinobetreiber machen notgedrungen mit.

Frank Braun, der Programmverantwortliche für die Zürcher Kinos Riffraff und Houdini (Bild: Saskia Rosset)

Die Programmstruktur ist das eine, die hohe Dichte an Kinos in Zürich das andere. Woran liegt das? Zürich ist wahrlich nicht als Cineasten-Hochburg bekannt. In Zürich leben zu wollen bedeutet auch, sich in der Dichte des Angebots bewegen zu wollen. Ausgehen ist ein inhärenter Teil des städtischen Lebens. Unabhängig davon, ob wir das Kinoangebot nutzen, soll es zu unserer steten Verfügbarkeit stehen. Nur weil jede*r Zürcher*in eine Küche zu Hause stehen hat, bedeutet das nicht, dass er*sie Restaurantbesuche gänzlich meidet. Der Kino- als auch der Restaurantbesuch gehen aber über den reinen Konsum hinaus: Das gemeinsame Erlebnis mit Freunden (und mit Abstrichen, Fremden) an sich ist zentraler Bestandteil solcher Freizeitbeschäftigungen. Der Kinobesuch als soziale Erfahrung steht daher nicht in erster Linie nur in Konkurrenz zu den Streamingdiensten, sondern zu allen gemeinschaftlichen Freizeitaktivitäten, welche in einem urbanen Gebiet wie Zürich zur Verfügung stehen. Das Kino scheint zunehmend eine Nebenrolle einzunehmen. Und das, obwohl Zürich eine wohlhabende Stadt ist und sich ein Gros der Züricher*innen diese Aktivitäten mehrmals pro Woche leisten können – auch einen Kinobesuch.

Das «Houdini» als Vorreiter

Die Kinobranche spürt also starken Gegenwind. Will das Kino sich auch in Zukunft auf wirtschaftlich tragbarer Basis fortführen, müssen Massnahmen getroffen werden. «Wir müssen von der Idee des Kinos als glamourösen Palast Abschied nehmen», sagt Braun. Versteht man das Kino als alltägliches Angebot, was neben und nicht über den anderen Konsumkanälen anzusiedeln ist, müssen Kinokomplexe kleiner konzipiert werden. Das Houdini hat seine Lehren daraus bereits gezogen: Das Kino verzichtete auf einen grossen Saal neben zwei kleineren und operiert ausschliesslich mit fünf kleinen Sälen. Maximale Platzgrösse 54, minimale 32. Die Konsequenz sind ausgelastete Säle und ein breiteres Filmangebot. Das Kino profitiert und die Besucher*innen haben ihr Kino-Erlebnis wieder.

Klar erscheint zum jetzigen Zeitpunkt, dass Filmverleiher, Streamingdienste und Kinos einen Weg finden müssen zu koexistieren. Das Angebot ist aus Konsument*innensicht grossartig, der Preis dafür sind aber die lichten Kinosäle. Für die Betreiber*innen von Premierenkinos in Zürich stellt sich – spätestens seit Eröffnung des «Kino Kosmos» – ganz nach «dog eat dog» die Frage: Wer hat den längeren Atem?

(Titelbild von Max Wild)


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