Bullshit-Job? 💩

«Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat» – mit Autonomen an der Demo

Der rechtskonservativ motivierte «Marsch fürs Läbe» rief auch dieses Jahr autonome Gruppierungen auf den Plan. Tsüri-Redaktorin Isabel Brun begleitete die unbewilligte Demonstration. Getreu dem Motto: Mittendrin statt nur dabei.
15. September 2019
Praktikantin Redaktion

Als ich pünktlich um 12.45 Uhr auf der Josefwiese ankomme, herrscht ausgelassene Stimmung. In einem Kinderwagen sitzt anstelle eines Kindes eine Musikbox, Menschen stehen in Grüppchen beieinander, einige trinken Bier, andere spielen mit ihrem Nachwuchs auf der Wiese. Die meisten sind farbenfroh gekleidet, halten Transparente oder Schilder in den Händen, fast niemand ist vermummt (das wird sich später ändern). Ein grossgewachsener Mann schwingt eine Peaceflagge, auf welcher das Anarchisten-A prangt. Hier sei der Treffpunkt der Autonomen, so wurde mir gesagt, mit dem Ziel, später den «Marsch fürs Läbe» abzufangen.

«Am Arsch fürs Läbe»

Die Demonstrierenden des gleichnamigen christlichen Vereins gehen auch dieses Jahr wieder auf die Strassen Zürichs, um ihre konservativen Ideologien zu vertreten. «Zäme fürs Läbe» heisst es auf der Website, Abtreibungen werden dabei radikal als Mord bezeichnet. Frauen sollen aufhören, ihr Ungeborenes zu töten – um Gottes Willen. Dass ich diese Haltung nicht vertrete, muss ich hier wohl nicht weiter erläutern. Die Menschen, die sich auf der Josefwiese versammelt haben, vertreten diese auch nicht.

Ein Schild von vielen.

Das wollen sie die Christ*innen spüren lassen. «My body, my choice», steht auf dem Kartonschild einer jungen Frau – einer der harmloseren Parolen an diesem Nachmittag. Dieses hält sie hoch in die Luft, als sich kurz vor 14 Uhr plötzlich Unruhe in der Menschenmenge breit macht. Einige beginnen, sich zu vermummen: Sie setzen sich Perücken auf oder binden sich ein Tuch um, damit sie kurz darauf ein grosses Transparent an vorderster Front spannen können: «Am Arsch fürs Läbe», steht darauf geschrieben. Ziemlich gut getroffen, finde ich.

Ein kurzes Vergnügen

Wenige Minuten später stehen auch schon zwei Polizisten vom Dialogteam vor der Masse. «Chömmer rede?», fragt einer der beiden einige Male und macht eine Schnabel-Geste mit der Hand. Reden wollen die Demonstrierenden der Gegendemo nicht: «Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!», ist ihre Antwort. Die Dialogverantwortlichen ziehen unverrichteter Dinge wieder ab. Nach ihrem Rückzug macht sich die unbewilligte Gegendemo auf den Weg Richtung Turbinenplatz.

«Kein Bedarf», würde wohl die Antwort lauten.

Mehrere hundert Menschen unterqueren das Viadukt, eine Vermummte ruft zur Eile auf – damit der «Marsch fürs Läbe» abgepasst werden könne. Zu spät, wie sich wenige Minuten später herausstellt. Die Polizei war schneller. Zwei Sperrgitter-Fahrzeuge und ein Wasserwerfer blockieren die Strasse, davor stehen Polizist*innen. (Wobei ihr Geschlecht dank Vollmontur nicht zu erkennen war.) Einige Minuten werden Parolen gesungen, die vom Reporter des SRF mit der Kamera eingefangen werden, dann kehrt der Zug um. Im Gewühl bekomme ich nicht mit, dass sich die Gruppe trennt, einige beginnen zu rennen, es kommt scheinbar unbegründet Hektik auf.

Hier ist Schluss: Die Polizei stoppt die Gegendemonstration – zumindest für den ersten Moment.

Die Masse wirkt etwas verzettelt, eine vermummte Person verkündet den Plan durch ein Megafon: Ich verstehe nichts von ihren Worten und folge den Leuten durch die Strassen. Neben mir wird vom Schwarzen Block einen Container auf die Strasse gezerrt und angezündet. Viele Demonstrierende, die neben mir herlaufen, regen sich darüber auf. Dies wird nicht das einzige Mal bleiben – doch zu diesem Zeitpunkt bin ich noch der Meinung, dass die Aktion bis anhin relativ friedlich abgelaufen ist. Dass sich in der Zwischenzeit autonome Gruppierungen in einer Auseinandersetzung mit der Polizei befinden, ahne ich nicht.

Radau und Rast am Limmatplatz

Mittlerweile sind es nur noch um die 50 Menschen, die auf den Tramgleisen Richtung Limmatplatz pilgern. Die Stimmung ist gut, die Laune ist den hauptsächlich jungen Leuten noch nicht vergangen: «Für die Freiheit, für das Leben: Fundis von der Strasse fegen!», dröhnt es in mein Ohr. Am Limmatplatz angekommen wird von den Tramgleisen auf die Strasse gewechselt. Während sich der Linienbus noch durch die Blockade zwängen darf («Möchid Platz für de Bus!»), steht ein Auto fast 5 Minuten in der Masse.

Ein Hoch auf die Selbstbefriedigung.

Es hupt, kurz darauf kommt es zu einem Streit zwischen dem Fahrer und einer vermummten Person der Demonstration, weil sich der Fahrer mit seinem Auto gefährlich nahe den am Boden sitzenden Blockierenden genähert hatte. Es erhebt sich eine weitere Frauenstimme: Der Autofahrer solle doch passieren können. Einige stimmen ein und schliesslich wird dem Auto Platz gemacht. Dann herrscht plötzlich wieder Aufbruchstimmung: Der Teil der Demonstration, den ich für verloren geglaubt hatte, stösst zur Gruppe. Alle freuen sich.

Zumindest so lange, bis der nächste Container angezündet wird. «Sorry, das isch eifach wieder mega dumm. Das zieht üsi Demo wieder voll in Dreck, nur wäg paar so Idiote», regt sich eine Frau mit Frauenstreik-T-Shirt neben mir auf. Ich nicke ihr zustimmend zu. Unterdessen erreicht ein Feuerwehrfahrzeug mit Blaulicht den Tatort. Der Schwarze Block scheint wenig amüsiert, schlägt mit Fäusten auf den Laster ein. Der Fahrer macht kurzen Prozess und überfährt die rauchende Tonne. Auch eine Möglichkeit, um mit der Situation umzugehen.

Letzte Eindrücke

Als der – nun wieder vereinte – Demonstrationszug weiterzieht, lodert vor dem Café Lang eine grosse Flamme und ich hoffe inständig, die Feuerwehr kommt bald zurück. In der Langstrasse ist die Stimmung dafür wieder friedlich. Seifenblasen glitzern in der Nachmittagssonne, der Schweissgeruch wird nach knapp eineinhalb Stunden Marsch intensiver. Nochmal werden Parolen aufgesagt, Trillerpfeifen benutzt. Dann huschen auf einmal «Psst»-Gesten durch die Menge.

Word.

Grund dafür ist ein voller Pferdetransporter, der in der Langstrasse von der Demonstration aufgehalten wird. Ich muss etwas schmunzeln, dass die Methode funktioniert und auch die lautesten Stimmen dank ihr für einen kurzen Moment tatsächlich verstummen. Die Stille bekommt mir gut, merke ich, und entscheide auf dem Weg zurück zur Josefwiese, die Demonstration zu verlassen. Zwar ist die Befürchtung, etwas zu verpassen, vorhanden, allerdings: Was soll denn sonst noch passieren?

Im Büro öffne ich das Fenster. Den Chor höre ich bis hierhin singen: «Kinder oder keine, entscheiden wir alleine!»

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