🌱1340 Member 🌱

Foto: Unsplash, Rodolfo Barreto

Kauft euch Zeit! Über das Privileg, sich und diese Welt verändern zu dürfen

Dieser Text richtet sich nicht an die 600’000 Schweizer Haushalte, die mit einem Einkommen von durchschnittlich 3986 Franken unter der Armutsgrenze leben. Er richtet sich an alle Zürcher*innen, die genug Geld verdienen, um sich Zeit zu kaufen. Die wichtigste Ressource, wenn wir uns und diese Welt in eine andere Richtung lenken wollen.
16. Februar 2021
Redaktorin

Unsere Zivilisation ist auf dem besten Weg, ihre Lebensgrundlage zu zerstören und die Klimajugend fragt sich zurecht, wie ganze Generationen dabei zu sehen konnten. Eine mögliche Erklärung: Wir haben gar nicht zugesehen. Wir haben gearbeitet.

Wer 100 Prozent angestellt ist, hat keine Zeit das Richtige zu tun

Wer keine Zeit hat, wird eine Flugreise nicht mit einer Zugfahrt ersetzen, wohl kaum einen eigenen Gemüsegarten anlegen oder Plakate ausdrucken, die auf die lebensbedrohliche Situation in Moria aufmerksam machen. Wer keine Zeit hat, liest «Im Grunde gut» höchstens am Strand, streift Carolin Emcke nur flüchtig in der Zeitung und zweifelt vermutlich immer noch an der Macht unserer Worte. Wer keine Zeit hat, wird Produkte nicht auf Herkunft, Herstellung oder Inhaltsstoffe prüfen, den eigenen tief sitzenden Rassismus und Sexismus reflektieren und schon gar nicht fragen, ob das Leben und unsere gesellschaftlichen Strukturen anders sein könnten. Wann auch?

Zürich ist im Dauerstress. Und das beginnt nicht erst im Job. Bologna sorgt dafür, dass Burnout-Symptome bereits im Studium Platz finden. Es verwundert also nicht, dass die Klimabewegung von Schüler*innen und nicht von Studierenden initiiert wurde. Bildung und Beruf rauben uns die Zeit, die wir bräuchten, um unsere Privilegien als Zürcher*innen zu nutzen. Ein aufgeklärtes Leben führen zu dürfen, ist ein Privileg, das mit Frieden, Wohlstand und Menschenrechten einhergeht. Anders als der Grossteil der Menschheit sind wir handlungsfähig. Wir dürfen Verantwortung übernehmen. Wir dürfen etwas ändern.

Wer keine Zeit hat, dem kann man fast keinen Vorwurf machen. Aber eben nur fast.

Beschäftigte in der Stadt Zürich verdienen im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich viel. Der mittlere Lohn einer Vollzeitstelle liegt bei 7820 Franken. Die Hälfte aller Zürcher*innen verdient also mehr als das. Rund ein Viertel sogar über 10'000 Franken. In anderen Worten: Sehr viele Zürcher*innen wären finanziell in der Lage, weniger zu arbeiten. Sie haben eine andere Wahl, aber sie wählen sie nicht.

Eher fallen Sätze wie: «In meinem Job oder in meiner Position ist ein Sechs-Stunden-Tag einfach nicht möglich.» Doch durch Aussagen wie dieser wird abermals deutlich, dass Zeitmangel und Unaufgeklärtheit gerne Hand in Hand gehen. Denn mittlerweile wissen wir, dass kürzere Arbeitswochen produktiver machen. Smarte Arbeitnehmer*innen arbeiten weniger, dafür konzentrierter und selektiver, so Morten Hansen, Autor des Buches «Great at work» und Professor an der UC Berkeley.

Und das ist nur eine von vielen Erkenntnissen, die uns täglich entgehen, wenn wir ein Leben ohne Zeit, aber dafür mit Geld führen.

Geld ist nicht das Problem – unser Verständnis von Freiheit ist es

Ursprünglich sollte das ein «Warum Geld scheisse ist»-Artikel werden. Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass Geld – so wie Daten oder die Sozialen Medien – nicht das Problem ist. Unser Umgang mit diesen Dingen ist das Problem. Und unser Verständnis von Freiheit.

Wie so vieles wird auch unser Verhältnis zu Geld durch die Art wie wir aufwachsen beeinflusst. Das «Arbeiterkind» muss es zu etwas bringen – schliesslich soll sich die harte Arbeit der Vorgeneration auszahlen und der Gap zwischen der eigenen Realität und MTV Cribs verkleinern. Der «Wohlstandssprössling» wiederum sollte den Abstieg vermeiden und im besten Fall noch eins draufsetzen – schliesslich ist das Erwachsenenleben mit einem Sprachaufenthalt in Neuseeland gestartet und nicht weniger möchte man seinen eigenen Kindern bieten.

Um dem Sog des Geldes rechtzeitig zu entkommen, müssen beide Typen möglichst früh des Menschen schwierigste Übung vollbringen: Ehrlich zu sich sein. Typ «Arbeiterkind» muss herausfinden, was von dem, das es nie hatte, wirklich «wollenswert» ist. Typ «Wohlstandssprössling» muss herausfinden, was von dem, was es schon immer hatte, wirklich «wollenswert» ist.

Denn die Krux mit dem Geld ist folgendes: Bis zu einem gewissen Grad ermöglicht uns Geld Freiheit und ab einem gewissen Grad führt es zum genauen Gegenteil. Bei mangelnder Selbstkenntnis macht Geld uns zu Sklav*innen unserer Möglichkeiten. Freiheit bedeutet nämlich nicht, all meine Wünsche erfüllen zu können. Freiheit bedeutet vielmehr, meine Wünsche zu durchschauen. Oder um es im Sinne des deutschen Philosophen Immanuel Kant zu formulieren: Wenn man Wünsche gar nicht frei gewählt hat, wie kann man dann glauben, man sei frei, wenn man ihnen nachgeht?

Die Welt steckt voller Lösungen, du musst nur Zeit haben sie zu finden

Die Rechnung ist einfach: Wenn du weniger arbeitest, hast du weniger Stress und mehr Zeit für Dinge, die dich zufrieden machen. Wenn du zufriedener bist, konsumierst du nicht, um deine Unzufriedenheit zu kompensieren. Und wenn du weniger konsumierst, brauchst du weniger Geld. Sprich, du musst weniger arbeiten.

Mein Tipp an alle Berufseinsteiger*innen: Gewöhn dich nie an mehr Geld, sondern stets an weniger Arbeit. Setz dir eine Einkommensobergrenze und verwandle jede Gehaltserhöhung in Zeit um. Und wer schon etwas erbt, der*die sollte wenigstens sofort erben und auch dieses Geld gegen Zeit eintauschen. Ruf deine Eltern an. Jetzt. Und nicht erst wenn die 1,5 Grad überschritten sind – unter dem 1,5-Grad-Ziel versteht man das Ziel, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, gerechnet vom Beginn der Industrialisierung um 1850 bis zum Jahr 2100.

Wenn du weniger arbeitest, kannst du dich aufklären, anfangen dich und unsere Welt zu durchschauen, Lösungen finden und mit der Utopie im eigenen Alltag beginnen. Mit mehr Zeit kannst erfüllendere Beziehungen zu dir und zu anderen führen und dadurch unabhängiger werden – von Status, von Geld und von dem, was andere über dich denken. Das klingt banal, ist aber wissenschaftlich erwiesen. Finanzielle Erfolge und Leistung sind viel weniger entscheidend für ein gutes Leben als Beziehung. Dies hat eine Harvard-Studie mit 754 Teilnehmer*innen und einer Laufzeit von 75 Jahren gezeigt.

Dein eigenes Beispiel wird dir beweisen, dass Veränderung möglich ist. Und diese Erfahrung wird deinen Blick öffnen für alles, was in dieser Welt verändert werden kann.

Nicht alle können es sich leisten, die Welt zu verändern

Zeit wird uns auch dabei helfen, nachsichtiger zu sein. Mit all jenen, die nicht die Wahl haben, weniger zu arbeiten oder nachhaltiger zu leben. Wir werden lernen, uns in andere soziale Lebensrealitäten hineinzuversetzen und hoffentlich verstehen, warum Diesel für manche Menschen wichtiger ist als das Klima.

Wir können nicht erwarten, dass diese Welt von Menschen gerettet wird, die sich selbst über Wasser halten müssen. Wohlstand verpflichtet. Und wer in Zürich lebt, den*die hat der Zufall auf ein Kreuzfahrtschiff geworfen. Für unsere bequeme Situation können wir nichts. Aber wir können entscheiden, ob und wie wir diese Bequemlichkeit nutzen. Sich endlich Zeit zu kaufen, wäre der entscheidende erste Schritt.

Kommentare

Nöd Jetzt!