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Von Simon Jacoby

Chefredaktor & Verleger

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16. Januar 2023 um 07:00

300 Geflüchtete ziehen in die Zürcher Kaserne

Noch immer flüchten überdurchschnittlich viele Menschen in die Schweiz. Weil der Platz knapp ist, eröffnet der Kanton Zürich diese Woche in der Polizeikaserne ein temporäres Durchgangszentrum für 300 Geflüchtete.

Angeheftet an der Türe: Das «DZ» steht «Durchgangszentrum»; oben links steht «ORS», der Name der Betreiberin des Zentrums. (Bild: Simon Jacoby)

Dieser Artikel wurde am Montag um 09:57 aktualisiert und mit zusätzlichen Informationen ergänzt.

Eigentlich hätten in den Räumlichkeiten der ehemaligen Polizeikaserne im Kreis 4 demnächst Ateliers zur Zwischennutzung ausgeschrieben werden sollen. Daraus wird vorerst nichts, denn wie verschiedene Quellen die Recherchen von Tsüri.ch bestätigen, eröffnet der Kanton Zürich diese Woche ein temporäres Durchgangszentrum. Ein an der Türe angeklebtes Blatt Papier beweist das gleiche (siehe Foto oben): Die Firma ORS wird im Auftrag des Kantons ein Durchgangszentrum eröffnen.

Weil nach wie vor nicht nur aus der Ukraine sehr viele Menschen in die Schweiz flüchten, sei das Asylsystem stark gefordert. Oder wie es ein Insider nennt: «Es gibt einen Rückstau.» Auch die Schweizer Flüchtlingshilfe bestätigt auf Anfrage: «Die Unterbringungskapazitäten im Asylbereich sind teilweise ausgeschöpft.» Die Plätze in den Gemeinden sind belegt, sagt Regierungsrat Mario Fehr: «Alle Gemeinden erfüllen die Aufnahmequote und machen einen hervorragenden Job.»

Bis neuer Wohnraum zur Verfügung steht, wird es noch dauern. Im April 2022 hat der Kanton die Asyl-Aufnahmequote für die Gemeinden von 0,5 auf 0,9 Prozent erhöht. Eine erneute Erhöhung braucht Zeit. Deshalb hat Regierungsrat Mario Fehr im Dezember neue Unterkünfte angekündigt. Auf allen staatlichen Ebenen würden aktuell Notfallstrukturen als Übergangslösungen geschaffen, erklärt die Schweizerische Flüchtlingshilfe. Kasernen fallen in diese Unterkunftskategorie.

Nun wird also ein Durchgangszentrum in der Kaserne vorerst für ein paar Monate eröffnet. Einer, der die Räumlichkeiten besichtigen konnte, beschreibt es so: «In den ehemaligen Büros sind Stockbetten errichtet worden, es scheint ein mehr oder weniger angenehmer Ort zu sein.» Vor dem Gebäude wurden zusätzliche sanitäre Anlagen aufgestellt. 

Rund 300 Personen werden in der ehemaligen Polizeikaserne Unterschlupf finden. Zwei Quellen bestätigen, dass es «relativ viel Platz» haben werde, respektive «ziemlich gross» sei. Betrieben wird das Durchgangszentrum von der Firma ORS, welche im Auftrag von Bund, Kantonen und Gemeinden diverse Flüchtlingsunterkünfte betreibt; der Zivilschutz agiert dabei unterstützend. Es werde kein Gefängnis, die Menschen werden sich frei auf dem Areal und in der Stadt bewegen können. Die Bewohner:innen würden rund um die Uhr Ansprechpersonen auf dem Gelände haben, die medizinische Betreuung sei sichergestellt, heisst es bei der Betreiberin. 

Das Durchgangszentrum beschränkt sich auf die Polizeikaserne, unten links im Bild (Foto: Screenshot/https://kasernenareal-zuerich.ch/#aktuelles)

Durchgangszentrum

Geflüchtete sollen sich während ihrem Aufenthalt im Durchgangszentrum mit den örtlichen Verhältnissen und Anforderungen vertraut machen und Grundkenntnisse der deutschen Sprache erwerben. Personen mit einem Anrecht auf Bleiben (vorübergehend Aufgenommene und anerkannte Geflüchtete) werden in ihrem Integrationsprozess unterstützt, indem sie Deutschkurse besuchen und weitere Integrationsmassnahmen in Anspruch nehmen. Gemäss der Stadt Zürich werden die Geflüchteten nach circa vier Monaten einer Gemeinde im Kanton zugewiesen.

Dies sei sicherlich keine schlechte Lösung, sagt der Zürcher Gemeinderat Përparim Avdili auf Anfrage. Der Präsident der städtischen FDP ist überzeugt: «Wenn man bedenkt, dass oftmals Zivilschutzanlagen dafür eingesetzt wurden, ist eine solche Kaserne mit grossen Fenstern et cetera definitiv auch der Situation entsprechend adäquat.»

Gemeinderat Walter Angst (AL) war von der Nutzung der Zivilschutzanlagen als Unterkünfte «geschockt», diese neue Lösung sei besser. Ideal wäre, «man würde kreativere Lösung suchen und mit Zustimmung der Bevölkerung eine dezentrale Verteilung finden». Dafür bräuchte es aber eine grundlegende Änderung des Systems, dies sei in dieser Situation aber nicht realisierbar.

In diesem Gebäude hat früher die Kantonspolizei gearbeitet, bald wohnen hier Geflüchtete. (Bild: Roland zh, CC BY-SA 3.0, Wikimedia)

Aus Sicht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe dürfen solche «Notfallstrukturen nur die letzte aller möglichen Massnahmen sein und sollen so kurz wie möglich betrieben werden». Die Behörden sollten aktiv nach Alternativen suchen und wenn immer möglich nutzen – Beispiel Privatunterbringung. Um eine menschenwürdige Unterbringung gewährleisten zu können, «müssen trotz der Notsituation grundlegende Unterbringungs- und Versorgungsstandards eingehalten werden», fordert das Hilfswerk. Dazu gehöre unter anderem genügend Betreuungspersonal, ausreichend sanitäre Anlagen, Recht auf Familienleben und so weiter.

«Die Nutzung der ehemaligen Polizeikaserne als kantonale Asylunterkunft ist befristet; wie lange, ist noch offen», heisst es beim Kanton.