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Die MMA-Kämpferin Maryna Ivashko kämpft nur Vollkontakt. Weil sie sich nicht zurückhalten will.

Prime Time: Kampfansage gegen Klischees

«Amazonen einer Grossstadt» wurde beim Schweizer Filmpreis als bester Abschlussfilm prämiert. Er hätte gut auch den Preis für den besten Dokumentarfilm erhalten können. Die Nidwaldnerin Thaïs Odermatt spielt ganz vorne mit. Schweizweit.
18. Juni 2021
Redaktor Kultz

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Alles fängt mit Irmela Mensah-Schramm an: Die Menschenrechtsaktivistin und ehemalige Heilpädagogin entfernt in Berlin rechtsradikale Kleber und Schmierereien. An Hauswänden, öffentlichen Anlagen, Strassenampeln. Thaïs Odermatt folgt ihr unauffällig, bis Irmela von der Polizei angehalten wird, weil sie eine rechte Sprayerei mit zwei roten Herzen übermalt hat.

Anschliessend lernen wir die MMA-Fighterin Maryna Ivashko, die Hip-Hop-DJ That Fucking Sara sowie die ehemalige kurdische Freiheitskämpferin Zilan kennen. Sie alle kämpfen in ihrem Leben. Weil sie mussten, weil sie müssen und weil sie wollen. Die Regisseurin stellt sich die Frage: Sind wir Amazonen?

Dokumentarfilme über Individualschicksale rattern übers Fliessband und auf Schweizer Leinwände. Sie sind vielfach vergessenswert, weil sie beliebig sind: Jede und jeder von uns kennt jemanden mit einem ganz, ganz spannenden Lebenslauf. Thaïs Odermatts «Amazonen einer Grossstadt» ist dabei eine erfrischende Ausnahme. Leichtfüssig und ohne philosophische Verbissenheit nähert sich Odermatt in Berlin vier Frauen und immer wieder sich selber.

Mittels Found-Footage-Einspielern aus Werbefilmen, Aufnahmen aus ihrer eigenen Kindheit und Geburtsaufnahmen durchbricht und umrahmt Odermatt die Aufnahmen aus Berlin. Diese assoziative Vorgehensweise ist zutiefst musikalisch: Wollte man «Amazonen einer Grossstadt» mit einer musikalischen Komposition vergleichen, wäre es eine Mischung aus improvisiertem Jazz und radikalem Punk. Keine durchorchestrierte Oper. Schön, dass dann ab und zu tatsächlich richtig guter Punk läuft.

Gerade der Mut von Odermatt, nicht selber die Off-Stimme zu übernehmen, macht den Film perfekt. Wenn Filmemacher*innen in Dokumentarfilmen ihr eigenes Voice-Over sprechen, hat man vielfach den Verdacht, sie wollten einen emotional einlullen. Hier tut die Distanz wohl. Odermatt will uns sowieso nicht um jeden Preis etwas sagen, sondern lässt dies ihre Protagonistinnen zur Genüge tun. Am Schluss geht es nicht mehr in erster Linie darum, wer oder was eine Amazone ist.

Es geht um Selbstbefreiung und Selbstfindung in einer Welt, in der einem dies mittels struktureller Unterdrückung erschwert wurde. Natürlich sagt dies die Regisseurin nie so direkt. Was zählt, ist die Attitüde. Punk halt. Und trotzdem ist es nie bloss Attitüde: Odermatt hat ein feines filmisches Gespür dafür, im richtigen Moment weiterzudrehen. Etwa wenn Zilan über ihre Vergangenheit als Freiheitskämpferin spricht, «Krieg ist ... Schmutz. Er ist dreckig» sagt und sichtlich berührt ist – es sind starke Momente.

Odermatt will uns nicht um jeden Preis etwas sagen, sondern lässt dies ihre Protagonistinnen tun.

Thaïs Odermatt ist nicht nur eine der besten Filmschaffenden der Zentralschweiz, sondern wäre auch eine ausgezeichnete Journalistin. Sei es bei der Auswahl der Protagonistinnen, den Aussagen, die Odermatt aus ihnen herauskitzelt oder bei der Präsentation der filmischen Momente: Die Geschichte von «Amazonen einer Grossstadt» ist stimmig, unterhaltsam und kurzweilig. Ohne Bullshit oder Überfluss. Und ohne vorgefertigte These, die mit ideologischer Brille den Blick auf das Wesentliche verstellen würde. Dies ist kein «Frauenfilm», wie in einer anderen Kritik stand. Es ist ein zutiefst menschlicher Film.


Prime Time ist das Kultz-Format für Film und Fernsehen. Jeden Freitag schreiben Sarah Stutte und Heinrich Weingartner über die neuesten Blockbuster, Arthouse-Streifen und gehypten Serien.

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