Kafi-Review No.5 – Franzos

Die Tsüri-Community hat den «Franzos» beim Central auf den ersten Platz des Kafi-Votings gehievt. Ob das Lokal – Café, Bistro und Bar in einem – diese Siegerplakette verdient hat, liest du in dieser Review.
09. März 2019

Über 4'000 von euch haben abgestimmt: Das sind die fünf gemütlichsten Kafis in Zürich! Wir wollen wissen warum und sind deshalb ausgeschwärmt, um zertifizierte Heimeligkeitsprüfungen durchzuführen. In der letzten und fünften Review hat unsere Redaktorin Seraina Manser den «Franzos» besucht.


Franchement: Vor dem Voting hätte ich den «Franzos» nicht in die Kafi-Schublade gesteckt. Als ich noch im Niederdörfli arbeitete, habe ich das kleine Bistro am Limmatquai einmal für das «déjeuner» (Quiche und Salat) besucht. Dort einen «café au lait» zu schlürfen, kam mir nie in den Sinn. Vor allem aber, weil ich diesen für gewöhnlich im «Grande», ein paar Meter weiter der Seine – pardon – Limmat entlang, zu mir nehme. Der «Franzos» betitelt sich selbst als «Café et Bar et Bistro». Eine Ménage-à-trois, die gut zu funktionieren scheint.

An diesem sonnigen Februarmorgen mache ich mich in Compagnie auf, den «Franzos» auf Herz und Nieren zu testen. Wir schliessen die Velos am Central ab und verpassen den «Franzos» fast, ist er doch nur ein paar Schritte lang. Stünden draussen auf dem Trottoir nicht eine Handvoll Stühle mit Schaffellen drauf, könnten verschlafene Passant*innen das Lokal schnell für eine Boutique halten.

Keine Frühfranzösisch-Lektionen

Kurz vor 9 Uhr gibt es noch viele freie Sitzplätze. Am Fenster sitzt ein älterer Mann, der in einem Journal schmökert. Wir werden von den zwei Angestellten freundlich begrüsst und bekommen sogleich das «menu» auf den Tisch gelegt. Aus der Rubrik «Pour les lève-tôt» (für die Frühaufsteher) bestellen wir ein Croissant und ein Brioche, dazu einen Cappuccino und einen Café au Lait. Doch keine Angst, du wirst hier nicht in die Envol-Frühfranzösisch-Lektionen aus der Primarschule zurückversetzt: Die Kellnerin spricht Züritüütsch und ist sehr aufmerksam. Für den «Wärmegrad der Herzen» verleihen wir somit die volle Punktzahl von fünf «coeurs chaleureux».

Eine Latte-Art, die sich sehen lassen kann.

Schneller als ein TGV von Zürich nach Paris brettert, steht das Bestellte auf dem Tisch. Oh là là, das Croissant ist fettig und fluffig wie sich das gehört. Und auch die «Latte-Art» ist nicht von schlechten Eltern. Den Cappuccino ziert ein liebliches Gewächs – sehr instagramtauglich. Was die Instagramability allerdings einschränkt, sind die Lichtverhältnisse. Beim typischen Influencer-Foto aus der Vogelperspektive ist stets der Schatten des Smartphones im Weg. Erfahrene Influencer*innen hätten sich wohl einfach an einen besseren Ort gesetzt. So wie die junge Frau, die vor der Wand mit der Petersburger Hängung zuerst den Kaffee, danach sich selbst und dann noch beides zusammen in Szene setzt. Die Bedienung ist sich solche Szenarien wohl gewohnt und zuckt nicht mit der Wimper. Die Instagramabilty bekommt 4 von 5 Punkten.

Dank der Petersburger Hängung ist das Lokal sehr instagramable.

Der Kaffee punktet mit einem rundum überzeugenden Wachmachergrad. Der Schriftzug auf der Tasse verrät, dass die Bohnen aus der Zürcher Rösterei «Noir» stammen. Sie entfalten nach ein paar Schlucken bereits ihre volle Wirkung.

«Le Monde» und «Paris Match»

Weil ich in Compagnie bin, verspüre ich kein Bedürfnis, etwas zu lesen. Doch zu Rating-Zwecken wende ich mich der Leseecke zu. Die NZZ und der Tagesanzeiger sind vertreten, zudem hängt da für die Frankophonen eine Ausgabe der «Le Monde» und ein Stapel «Paris Match». Ansonsten macht die Leseecke – excuse-moi – Lesewand einen eher tristen Eindruck und erhält somit 2 von 5 Büchern. Aber auch sonst würde man im «Franzos» eher nicht länger verweilen. Aus der Küche im Sous-Sol hört man bereits die Vorbereitungen für das Mittagessen und die freien Plätze entwickeln sich mit dem Fortschreiten des Morgens zu einem raren Gut. Es wäre wohl eher unangenehm, hier einen weiteren Kaffee zu bestellen und den Tisch zu belagern, während die Leute nebenan einen «salade au chèvre chaud» bestellen. Fürs Verkriechen würden wir dieses Café nicht empfehlen: Es gibt keine Sofas und keine Nischen. Zudem sitzt man auf harten Holzstühlen und andauernd betreten Leute von der Niederdorfstrasse und vom Limmatquai her das Lokal.

Der «Franzos» von hinten.

Die schmalen Durchgänge zwischen den einzelnen Tischen erinnern an die Zustände der Bistros in Paris. Wüsste man es nicht besser, wähnte man sich schnell nicht im Kreis 1, sondern an einem Boulevard im Saint-Germain oder Marais. Vor allem, als noch ein Mann in French Chic – mit Schiebermütze, gestreiftem Marine-Shirt und Detektiv-Poirot-Mantel – das Café betritt. Die Karte und selbst die Rechnung sind auf Französisch gehalten.

Der «Franzos» ist eine gute Wahl für alle, die nicht in den Starbucks am Central hocken wollen, sondern lieber für ein paar Minutes nach Paris fliehen möchten. Dennoch ist es für mich nicht das beste Kafi der Stadt, sondern die beste gastronomische Ménage-à-trois. Bald werde ich den «Franzos» deshalb mal abends auf die Bar-Tauglichkeit testen.

Bilder: Seraina Manser

Ultimatives zertifiziertes Tsüri.ch-Kafi-Rating

Instagramability des Kafis

Wachmachergrad des Kaffees

Wärmegrad der Herzen

Lese-Ecken-Potential

Verkriechmöglichkeiten


Vom Limmatquai her führt der Weg über eine Stufe ins Lokal, beim Hintereingang sind zwei Stufen zu überwinden. Die Toilette befindet sich im Sous-Sol und ist nur über eine steile Treppe zu erreichen.


Redaktorin

Abonniere unsere Artikel über Mail, WhatsApp, Telegram oder Facebook Messenger!

Tsüri-Mail

Trage dich hier für den Newsletter ein.

Diese Rubriken interessieren mich:
<

Whatsapp

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Whatsapp-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button, speichere unsere Nummer und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Facebook-Messenger

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Facebook-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Telegram

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Telegram-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klicke auf den Button. Schon geht's los.

Kommentare

Willst du mitreden?

Wir kämpfen zusammen für mehr Diversität, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und ein Zürich für alle. Als Tsüri-Member bestimmst du mit, worüber wir berichten und bist Teil von verschiedenen Formaten, die unsere Stadt bewegen.

Tsüri-Member werden
Einloggen und zurück zum Artikel
Weiterlesen