16. Mai 2016 um 09:07

Juwo und Wegeleben.ch spannen zusammen und geben Flüchtlingen ein Zuhause



Das Jugendwohnnetz (Juwo) vermittelt in der Stadt Zürich günstigen Wohnraum an junge Erwachsene mit bescheidenen finanziellen Mitteln. Die Juwo unterstützt aber nicht nur junge Erwachsene in Ausbidlung, sondern sucht auch permanente Wohnlösungen für geflüchtete Personen. Seit Anfang 2016 unterstützt die Juwo das Projekt Wegeleben, das zwischen jungen geflüchteten Personen und WGs vermittelt. Das Ziel des Projektes: Sich selber überflüssig zu machen.

Flücht-ling. «Das Wort kommt ganz unscheinbar daher. Allerdings funktioniert das Suffix «ling» als Diminutiv, das bedeutet es verkleinert und wertet ab. Beispielsweise wie bei Setz-ling, Frisch-ling, Schreiber-ling. Die Idee des Flüchtlings ist über das Suffix eine abwertende. Auch assoziieren wir ganz automatisch stereotypische, männliche Merkmale damit». Diese Aussage war in einem Interview mit der Linguistin Elisabeth Wehling zu lesen mit der Überschrift «Sprache ist Politik».

So fehlte auch jede Spur des Wortes «Flüchtling» in einem anfangs April verschickten Rundmail an alle Mieterinnen und Mieter des Jugendwohnnetzes in Zürich. Mit dem Betreff: «Juwo unterstützt Projekt Wegeleben» und dem Aufruf «Freies WG-Zimmer? Biete es einem jungen Geflüchteten an!» verkündete die Juwo die gemeinsame Kooperation mit dem Projekt Wegeleben. Gesucht werden WGs, die einen jungen geflüchteten Erwachsenen für mindestens ein Jahr bei sich aufnehmen. «Die WG übernimmt keine Betreuungsfunktion, bei den interessierten Geflüchteten handelt es sich um selbständige, junge Erwachsene», heisst es im E-Mail. Auf Anfrage geben beide Parteien breitwillig Auskunft über das initiierte Projekt.

Wegeleben und Juwo Das Projekt Wegeleben wurde 2014 von Gian und Méline ins Leben gerufen. Ziel ist es, auch junge geflüchtete Personen an der WG-Kultur in der Schweiz teilhaben zu lassen. Gestartet in Bern, gibt es Wegeleben bis heute auch im Kanton Aargau, in Basel, Fribourg und in Zürich. Da auf persönliche und individuelle Treffen am meisten Wert gelegt wird, agiert man an den verschiedenen Standorten in der Schweiz relativ autonom. Alle verfolgen sie aber das gleiche Ziel: «Newcomer*innen», wie sie genannt werden, die WG-Kultur zu öffnen. So wurde auch die Anfrage für eine Zusammenarbeit mit der Juwo von der Zürcher Sektion von Wegeleben initiiert. «Die Juwo schien uns besonders geeignetfür unsere jüngeren Interessenten, da der Mietzins relativ tief ist und die Mitbewohner im gleichen Alter sind wie die Newcomer*innen», so Wegeleben Zürich auf Anfrage. Marie-Louise van Swelm, Stv. Geschäftsführerin der Juwo, bestätigt: «Ein Mitglied von Wegeleben ist selbst Juwo-Bewohnerin und kam mit der Anfrage für eine Zusammenarbeit auf uns zu».

Die Juwo vermittelt seit über 30 Jahren günstigen Wohnraum an junge Erwachsene in Ausbildung und mit bescheidenen Mitteln. Heute bewirtschaftet die sie über 1100 Wohnungen, die von rund 2700 jugendliche Mieterinnen und Mietern bewohnt werden. Die Juwo arbeitet ausserdem auch eng mit der Asyl Organisation Zürich (AOZ) zusammen. Unbegleitete Minderjährige werden bis zum Erreichen des 18. Lebensjahres durch das kantonale Sozialamt Zürich untergebracht – zum Beispiel im MNA-Zentrum Lilienberg. Danach findet ein Wechsel in die Erwachsenenstrukturen statt – an diesem Punkt setzt die Juwo an. «Oftmals bieten Asylunterkünfte jungen Erwachsenen kaum Rückzugsmöglichkeiten an. Sie wohnen in 4er- oder 6er- Zimmer zusammen mit anderen Asylsuchenden, wodurch die Privatsphäre begrenzt wird. Vor allem wenn die jungen Erwachsenen eine Lehre beginnen, sind Rückzugsorte und eine eigene Privatsphäre sehr wichtig», erklärt Marie-Louise van Swelm. «Hier arbeiten wir mit dem Fachbereich Wohnen der AOZ eng zusammen. Der Fachbereich schlägt uns junge Personen, welche Juwo-tauglich sind, vor. Die Vermittlung und Organisation wird dann von der Juwo übernommen». Bis heute wurden bereits 40 WGs an junge geflüchtete Personen vermittelt.

[caption id="attachment_7216" align="aligncenter" width="640"]lilienberg Unterkunft für unbegleitete Minderjährige: MNA-Zentrum Lilienberg (Quelle: rotary-club)[/caption]

Integration, Bereicherung und Horizonterweiterung Die Kooperation mit Wegeleben soll die Anzahl an vermittelten WGs weiter steigen lassen und gleichzeitig auch Vorbildfunktion für andere ähnliche Projekte sein. Vor allem für junge Personen ist die Integration enorm wichtig. Um selbständig und unabhängig in der Schweiz leben zu können, braucht es die Kenntnis von gewissen Kultur- und Gesellschaftsstrukturen des Landes. Allen voran die Kenntnis der Sprache, denn wer in der Landessprache kommunizieren kann, dem fällt ein eigenständiges Leben bereits viel einfacher. Die Kooperation von Wegeleben und Juwo unterstützt die Integration junger geflüchteter Personen genau am richtigen Punkt. Durch das Zusammenleben in einer «gemischten» WG lernen junge Geflüchtete nicht nur die Landessprache sehr schnell, sie erfahren gleichzeitig auch die Umgangskultur, Traditionen und gewisse Gepflogenheiten des Landes. Und das alles ganz natürlich und nebenbei. Es ist aber auch eine kulturelle Bereicherung für die gesamte WG. Auch «einheimische» WG-Bewohner erhalten einen Einblick in fremde Kulturen und erfahren die wahren Gründe und Ursachen, die viele junge Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat bewegen.

Juwo als auch Wegeleben legen grossen Wert auf ein nachhaltiges Zusammenwohnen. Durch einzelne Gespräche und individuelle Treffen werden junge Geflüchtete sowie WG-Bewohner auf ein gemeinsames Wohnen vorbereitet. «In persönlichen Gesprächen erfahren wir, wie sich beide Parteien das WG-Leben vorstellen. Dazu gehören Vorstellungen bezüglich der Anzahl Mitbewohner, ob es eine Raucher/Nicht-Raucher-WG ist oder ob Haustiere erlaubt sind», erläutert Gian von Wegeleben. Wenn die Chemie stimmt, wird alles Vertragliche über Wegeleben abgewickelt. Bei der gemeinsamen Kooperation wird auch darauf geachtet, dass die geflüchteten Personen mindestens ein Jahr in der vermittelten WG wohnen können. «Hier liegt womöglich die grösste Schwierigkeit», bestätigt Marie-Louise van Swelm, «oft werden WG-Zimmer nur für ein Semester oder ein halbes Jahr frei. Wir suchen aber nach nachhaltigen und dauerhaften Lösungen von mindestens einem Jahr».




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«Wir sollen überflüssig werden» «Wir erhielten sehr viel positives Feedback, nachdem wir die Kooperation mit Wegeleben kommuniziert haben», bestätigte Marie-Louise van Swelm auf Anfrage. Ziel soll sein, auch andere Vereine, Stiftungen und Organisation zu ähnlichen Projekten anzuregen. Wegeleben geht dabei noch einen Schritt weiter: «Unser persönliches Ziel ist es, überflüssig zu werden», so Gian von Wegeleben. Auch auf der Homepage von Wegeleben ist als Vision zu lesen «[...] Das Bewusstsein für ein Zusammenleben mit geflüchteten Menschen soll in Zukunft in WGs allerorts bestehen. Sodass sich Wegeleben und ähnliche Projekte auflösen können». Und, ganz am Schluss, findet man wieder einen Hinweis auf die Terminologie des «Flüchtlings». Denn selbst der Begriff «geflüchteter Mensch» liesse sich nur durch «Mensch» ersetzen. Nämlich dann, wenn niemand mehr darauf hingewiesen werden müsste, dass es durchaus möglich sei, mit Menschen, die aus anderen Ländern geflüchtet sind, zusammenzuleben.

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