Jung, weiblich und Sechseläutenfan?

Kommt der Frühling, kommt das Zürcher Sechseläuten, kommen die immergleichen Kommentare: Entrüstete Feminist*innen beklagen die männliche Exklusivität, Alteingesessene kontern mit dem Argument der Tradition. Redaktorin Florentina liebt das Sechseläuten trotzdem.
08. April 2019

Je näher der Sechseläuten-Montag rückt, desto offenkundiger wird die Euphorie oder Ablehnung kundgetan. Letztere ist gross, insbesondere bei eher linken, jungen Leuten – dem Umfeld, in dem auch ich mich bewege und mich zugehörig fühle. Höre ich mich um, so scheint es fast verboten, den Sechseläutenmarsch auch nur im Kopf heimlich zu summen.

Und trotzdem will ich hier beichten: Ich liebe das Sechseläuten.

Ich, als junge Frau, nicht einmal wirklich Stadtzürcherin, Leserin feministischer Literatur, die den Frauenstreik schon vor Monaten in die Agenda eingetragen hat, freue mich jedes Jahr wie ein Kind, wenns wieder Zeit fürs Sechseläuten wird.

Geht es ums Sechseläuten, so trage ich zwei Herzen in der Brust. Worin ich einerseits ein frauenfeindliches Alt-Herren-Massenbesäufnis, begleitet von scheppernder Marschmusik sehe, fühle ich mich immer auch in meine Kindheit zurückversetzt. Es hat in meinem Leben nur wenige Jahre gegeben, in denen ich nicht am Bürkliplatz ganz vorn an der Bande stand, begleitet von meiner Grossmutter, dank der ich auch heute noch fast jede Zunft mit Namen kenne. Ob im strömenden Regen oder bei 25 Grad, immer stand ich ganz oben auf der extra mitgebrachten Leiter um den brennenden Böögg und die galoppierenden Pferde möglichst gut zu sehen. Lange war es mein grösster Kindertraum, einmal selbst mitzureiten.

Ein Traum, der natürlich nicht in Erfüllung ging. «Tradition ist Tradition», Frauen können keine Zünfterinnen werden, dürfen nicht einmal beim Essen im Zunfthaus dabei sein und die Fraumünsterzunft zählt sowieso nicht.

Da ich im Vorjahr an der städtischen 1.-August-Feier als Vorrednerin engagiert gewesen war, durfte ich das letzte Sechseläuten mit allem drum und dran als Ehrengast der «Zunft zum Kämbel» verbringen – und war eine der zwei einzigen Frauen (ein anderer Ehrengast) im Saal. Ja, die Zünfter waren alle eher der älteren Semester, die Witze teilweise sexistisch, das Essen gutbürgerlich. Aber auch Zünfter sind Männer des 21. Jahrhunderts. Wohl meist freisinniger als ich es bin, aber keinesfalls frauenhassende Tyrannen oder Diskriminierer.

Natürlich sträuben sich mir die Haare, dass Frauen nur als Ehrendamen oder Kinderbetreuerinnen, niemals aber als echte Zünfterinnen mitgehen dürfen. Ist es aber wirklich nötig, ein – seien wir ehrlich – harmloses und völlig unbedeutendes Frühlingsfest zum Kriegsschauplatz der Gleichstellungsdebatte hochzustilisieren?

Sollte eines Tages die gender-equality sogar am Sechseläuten ankommen, können wir stolz sein. Bis dahin aber gibt es noch viel wichtigere Kämpfe auszufechten.

Angetrunkenen Zünftern in Leggins fiese Parolen an den Kopf zu werfen oder sich – sicher im Kreis 4 verschanzt – schmollend und verachtend über deren Rückständigkeit zu ereifern, macht weder Spass noch ist es wirklich sinnvoll. Viel lieber lasse ich mir eine zünftige Menge Zunftwein ausschenken, gedenke meiner Grossmutter – und überlege mir während dem Feuersteine-Lutschen schon mal einen kreativen Spruch fürs Transpi an der nächsten Demo.

In diesem Sinne: Schöns Sächsilüüte!

Und hier noch 1 Video wies Blocher vom Sockel haut:

Titelbild: Florentina Walser

Praktikantin

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