Tsüri-Chopf Jasmin Helg: «Wir Menschen schaden unserer Erde.»

Jasmin Helg will den Wandel und lebt ihn vor. Doch welchen Wandel meint die Mitgründerin vom Verein «Transition Zürich»? Und wie geht sie durch die Welt und den Tag? Im Interview gibt sie Einblick in ihr Leben und Tätigsein.
11. Mai 2018

Wer bist du und was hat dich zu dir gemacht?

Ich bin ein Mensch, der sich vorgenommen hat, für unsere Erde nicht mehr schädlich zu sein! Oft höre ich, ich soll meine Wünsche positiv formulieren, weil das Universum keine Negationen kenne. Einerseits stimme ich dieser Sichtweise zu und richte mich oft aufs Positive aus und andererseits bin ich der Meinung, die Dinge sollen beim Namen genannt werden. Es ist ein Fakt: Wir Menschen schaden unserer Erde. Und da wir nur diese eine haben, sollten wir ihr Sorge tragen.

Was bedeutet für dich, nicht schädlich zu sein?

Ich habe irgendwann realisiert, dass ich eine Verantwortung habe und dass es nicht egal ist, WAS ich tue und WIE ich es tue. Seither überlege ich bei meinen Handlungen – vor allem dort, wo ich Geld ausgebe – wie schädlich diese Handlung ist und welche Alternativen ich habe.

Mich haben schon als Kind unter anderem die Hungersnöte in Afrika, die Atomkatastrophe in Tschernobyl und die Existenz und der Gebrauch von Atomwaffen sehr mitgenommen. Es gibt zig kleine Momente, die mich auf meinem Weg zur radikalen Aktivistin inspiriert haben. Dazu gehören zum Beispiel die Frau vom Bioladen, die mir erklärte, dass auch Tomaten ihre Saison haben, oder auch die Frage von Julia Butterfly Hill im Film «Awaken the Dreamer, Changing the dream», wenn wir Dinge wegwerfen, wo denn dieses «weg» sein soll? Auch begleitet mich seit langem die Aussage von Mahatma Gandhi «Be the change you wish to see in the world».

Wir wollen jede Zürcherin und jeden Zürcher zur Selbstermächtigung inspirieren.

Was ist «Transition» und wie bist du dazu gekommen?

Ich habe nach Lösungen und Vorbildern gesucht, die mir aufzeigen, wie ich in Anbetracht der heutigen Herausforderungen von Klimawandel, sozialer Ungerechtigkeit und Krieg anders leben kann, um immer «unschädlicher» zu werden. Zufällig lernte ich das globale Netzwerk der Ökodörfer (GEN) kennen. Dieses war und ist für mich eine enorme Inspirationsquelle. Gruppen von Menschen, die versuchen Nachhaltigkeit auf verschiedenen Ebenen zu leben. Auf der Suche nach Lösungsansätzen für Städte kam ich schnell auf «Transition Town», die von Rob Hopkins 2006 gegründete Bewegung, welche eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft anstrebt. 2014 habe ich mich mit ein paar interessierten Mensch zusammengetan, um uns zu überlegen, wie so eine Idee für Zürich aussehen könnte. Begeistert gründeten wir einen Verein und machten uns erfolgreich auf die Suche nach Sponsoren. Seither bauen wir in Zürich ein Netzwerk der «WandelPioniere» auf, arbeiten an einer übersichtlichen und userfreundlichen Datenbank, um die heutigen Handlungsmöglichkeiten für ein enkeltaugliches und sinnhaftes Leben aufzuzeigen. In den nächsten Schritten werden wir dieses Sammelsurium an Möglichkeiten immer mehr sichtbar machen. Wir wollen jede Zürcherin und jeden Zürcher zur Selbstermächtigung inspirieren.

Was ist deine Aufgabe als Präsidentin?

Wir sind ein Co-Präsidium, geben dieser Aufgabe aber keine grosse Bedeutung. Wir tun die Arbeit, die für den Verein getan werden muss. Wir erkennen immer mehr, dass der Verein eigentlich nur Mittel zum Zweck ist, da wir eine rechtliche Form brauchen, um finanzielle Mittel besorgen zu können.

Meine Aufgaben bei Transition Zürich sind der Aufbau des Netzwerkes und dessen Sichtbarmachung. Das heisst: Ich kreiere Ideen, setze sie um und rede darüber. Die Transition Town Idee ist es auch, Kooperationen zu fördern und nichts alleine tun zu müssen. Daher ist jeder und jede eingeladen, mitzumachen und eigene Ideen einzubringen und umzusetzen. Hier ein Aufruf an alle, die sich interessieren mitzumachen: Das Transition Zürich Team ist im Wandel und daher ist gerade jetzt ein guter Moment sich neu einzubringen!

Und selbstverständlich dürften diejenigen, die wollen, sich dennoch weiterhin im Hamsterrad drehen.

Auf der Webseite fragst du die User, ob sie den Wandel aktiv gestalten wollen. Was muss sich ändern und welchen Wandel meinst du?

Der Wandel zu mehr Lebensfreude, Gerechtigkeit und «Unschädlichkeit» (um andere Wörter zu brauchen als Nachhaltigkeit und Frieden). Dies braucht unsere Mitarbeit. Mit uns meine ich den ganz normalen Bürger*innen. Wenn wir auf Wirtschaft, Forschung oder Politik warten, fahren wir ungebremst in die Wand. Die Politik folgt eigentlich dem Willen der Bevölkerung, ausser die Stimme der Wirtschaft ist lauter. Dies heisst, die Stimme der Bevölkerung muss lauter werden. Hier sollte uns bewusst sein, dass wir in unserem Alltag zum Beispiel bei unserem Konsum unsere Stimme kundtun. Das billige Auslandprodukt zu wählen, sagt der Politik, dass wir dafür sind, dass billig produziert wird. Hier haben wir die Wahl. Der Wandel, den ich mir wünsche, bedeutet, dass die Menschen mehr und mehr bereit sind, die neue Welt mit ihrem Geld und ihrer Zeit mit aufzubauen. Dies kann zum Beispiel auch heissen, mehr Gegenstände zu teilen und Dienstleistungen zu tauschen, sprich mehr «Sharing Economy» zu leben.

Wie sieht ein ganz normaler Tag von dir aus?

Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker, ich drehe mich einige Male von der einen Seite zur andern, steh auf, mach mit einigen meiner 13 Mitbewohner*innen eine halbe Stunde tibetisches Yoga, tausche mich über meine Tagesbefindlichkeit aus und lege einen Fokus für den Tag fest. Frühstücken. Duschen. Compi starten oder mich auf den Weg zu einem oder mehreren Terminen machen. Regelmässig sage ich mir, dass drei Termine an einem Tag zu viel sind, doch frage ich mich genauso regelmässig, ob es sich wirklich lohnt, für nur einen Termin aus dem Haus zu gehen. Ich habe den Luxus und die Herausforderung, mir solche Fragen stellen zu können, da ich so zu sagen meine eigene Chefin bin. Genauso gehören die Garteneinsätze beim Gemüseabo, Einsätze bei der Foodcooperative Comedor, Kochen und Hausarbeit zu meinen regelmässigen Tätigkeiten. Die Abende verbringe ich oft mit inspirierenden Menschen und Aktivitäten. Oder auch einfach zu Hause mit selbstgemachter Pizza, Bier und Geselligkeit. Mein ganzes Leben dient dem Wandel. Ich kenne keine Trennung mehr zwischen Arbeiten, Freizeit und Hobby. Ich bin einfach «tätig». Und dann erhole ich mich wieder. Das Herausfordernste an der Erholung ist, dass da so viele neue Ideen entstehen, die alle gerne umgesetzt werden möchten...

Wenn du einen Tag lang Königin von Zürich wärst, was würdest du als erstes ändern?

Ich würde das bedingungslose Grundeinkommen einführen. Nicht von heute auf morgen, sondern wohl bedacht, vielleicht stufenweise. Schlagartig müssten die Menschen sich mit der Frage auseinandersetzen, was sie in ihrem Leben wirklich wollen, weil das Geldverdienen keine Ausrede mehr wäre. Endlich könnten die Menschen sich Zeit nehmen und schauen, was entstehen kann, wenn sie nicht müssen. Und selbstverständlich dürften diejenigen, die wollen, sich dennoch weiterhin im Hamsterrad drehen. Nur müssten sie die Verantwortung dafür selbst übernehmen. Genauso schlagartig würden die Grassroots-Projekte einen enormen Aufschwung erleben und wie Pilze aus dem Boden schiessen, da endlich die Kapazität dafür freigesetzt wäre, die es braucht, um die neue Welt, die unser Herz bereits kennt, aufzubauen.

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In unserer Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen in unserer schönen Stadt anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.

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