Ja zu Lesben-Pornos, nein zur Lesben-Ehe?

Wer als Frau auf Frauen steht, kriegt das Patriarchat doppelt um den Kopf geschlagen. Vom Heiraten bis zum Fetisch: Deshalb sollten wir Lesben, Bisexuellen und Queers streiken.
04. Mai 2019

Text: Anna Rosenwasser; Geschäftsführerin der LOS.
Foto: Laura Kaufmann / Tsüri.ch

Welche Reaktionen kriegen frauenliebende Frauen am häufigsten zu hören, wenn sie sich outen?

Recht häufig ist das freudige Erkunden, ob man mitmachen dürfe, denn Lesben seien heiss – eine Reaktion, die Heteropaare eher seltener erdulden müssen. Noch häufiger: «Wer ist denn der Mann in eurer Beziehung?» Eben genau niemand, drum ists ja ein Lesbenpaar. Einerseits muten diese Fragen witzig an, etwas naiv, gewissermassen unbeholfen. Andererseits sind sie geprägt von Un- wie auch Fehlwissen, und sie triefen vor Fetischisierung.

Wer «Lesben» googelt, kriegt erstmal keine Infos über sexuelle Orientierung, sondern tonnenweise Pornos. Zu Lesben haben die meisten Männer und Jungs noch nie was in der Schule gelernt, aber sich schon Hunderte Male einen runtergeholt. Fehlerhafte Annahmen und ungefragte Sexualisierung: Kommt das irgendwem bekannt vor? – Genau: Es sind Probleme, mit dem ein Grossteil aller Frauen konfrontiert ist.

Unser Frausein wird als inhärent sexuell dargestellt, während man gleichzeitig wahnsinnig wenig über uns weiss und wissen will. Nur so bleibt die Eindimensionalität erhalten, die nötig ist, um uns unsere Komplexität, unsere Würde abzusprechen. Übrigens werden Frauenpaare auch erschreckend häufig gefragt, wie sie denn eigentlich genau Sex hätten. Es ist ein fast schon amüsanter Widerspruch, der sich in diesen Reaktionen auf frauenliebende Frauen zeigt: Einerseits findet man unsere Identität – ohne unser Einvernehmen – heiss, solange man sie selbst für sich gebrauchen kann, sich reinfantasieren kann, zumindest in der eigenen Vorstellung mitmachen kann. Andererseits weiss man gar nicht so recht, was ohne männliche Präsenz (bzw. männliche Regieführung) bei Lesben überhaupt passiert.

Fassen wir also zusammen: Die Existenz von Liebe und Sex, ohne dass Männer dabei wären, kann sich eine Gesellschaft von heute kaum vorstellen. Das zeigt, dass wir lesbischen, bisexuellen und queeren Frauen eben nicht einfach nur Homos sind, die entsprechendem Homohass ausgesetzt sind. Nein, wir sind auch noch Frauen: Bei uns vermischt sich Sexismus mit Homohass, das Patriarchat haut uns von diversen Seiten eins rein. Verdient in einem Heteropaar die eine Hälfte 18 Prozent weniger, ist es bei einem Frauenpaar die doppelte Ungerechtigkeit, und sie wird je nach Herkunft und weiteren Umständen durch weitere intersektionale Aspekte erweitert.

Apropos Finanzen: Wenn zwei Frauen in einer eingetragenen Partnerschaft gelebt haben und die eine von beiden stirbt, erhält die andere nicht etwa eine Witwenrente, wie sie verbleibende Heterofrauen erhalten. Sie erhält eine Witwerrente, also die Rente einer hinterlassenen Heterofrau, die weniger hoch ist. Es ist nur einer von zahlreichen Gründen dafür, dass frauenliebende Frauen im Alter besonders häufig an Armut leiden. Am Frauenstreiktag demonstrieren wir für Gleichstellung – und diese Gleichstellung fordern wir auch für gleichgeschlechtlich liebende Frauen. Weil es gesellschaftlich geächtet ist, der Heteronorm nicht zu entsprechen; weil vom Schimpfwort bis zum Gesetz alles darauf hinweist, dass wir weniger Rechte haben.

Noch immer ist «Lesbe» negativ konnotiert. Noch immer ist es legal, zu Hass und Gewalt aufgrund der sexuellen Orientierung aufzurufen. Und: Wir dürfen noch immer nicht heiraten. Hier versteckt sich eine Portion Extrasexismus: Das Parlament bespricht jetzt, nach sechs Jahren Wartezeit, endlich die Ehe für alle. Aber eben nicht ganz für alle: Die Ehe soll stufenweise eingeführt werden, heisst es – und die erste Stufe, eine Art Ehe light, hat Einschränkungen.

Nummer eins: Der sichere Zugang zu Samenspenden soll nicht möglich sein. Zur Heteroehe gehörte dieses Recht schon immer dazu, damit das Familiengründen auch dann sicher verläuft, wenn zwei Menschen biologisch keine Kinder kriegen können. Aber bei Frauenpaaren? Das wäre zu viel Gleichstellung.

Nummer zwei: Wird ein Kind in eine bestehende Heteroehe reingeboren, geht man von der Vaterschaft des Mannes aus. Wird ein Kind in eine bestehende eingetragene Partnerschaft reingeboren, folgt eine lange, teure, mühsame Prozedur einer Adoption – die für Kinder übrigens auch traumatisierend sein kann. Diese Absicherung des Kindes ab Geburt ist Teil der Heteroehe – aber soll nicht Teil der Ehe für alle werden.

Diese Ungerechtigkeiten betreffen vorwiegend frauenliebende Frauen. Sie zeigen: Sexismus gräbt seine Krallen eben auch in die Welt der lesbischen, bisexuellen, queeren Frauen. Deshalb ruft die Lesbenorganisation, die LOS, zum Streik auf: Für eine Welt, in der Liebe und Anziehung frei gelebt werden können.

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