Ist Zürich wirklich so trostlos wie in diesem Film?

Zürich versinkt in Antidepressiva und der Jagd nach immer günstigeren Handy Abos. Der Film «Dene wos guet geit» amüsiert sich auf deprimierende Art und Weise über unsere geldgeile, abgestumpfte Stadt. Ab dem 11. Januar läuft der Zürcher Film im Kino Riffraff. Unser Redaktor durfte vorab reinschauen.
10. Januar 2018

Die blonde, abgelöschte Callcenter Mitarbeiterin Alice Türli könnte eine stinknormale Büroangestellte sein, wäre sie nicht Enkeltrickbetrügerin. Die junge Frau sammelt im Callcenter Informationen über ihre späteren Opfer. Die Protagonistin bleibt jedoch unscheinbar, das will sie ja auch. Nur einmal gibt es einen Hinweis, wie faustdick der Szeni es hinter den Ohren hat. Alice will das ergaunerte Geld auf einer Privatbank deponieren. Doch selbst 822’000 Franken reichen nicht, um bei dieser exklusiven Bank ein normales Konto zu eröffnen, aber selbstverständlich findet das Institut eine Lösung für jeden noch so «kleinen» schmutzigen Geldbetrag.

Kein Krimi ohne geforderte Polizist*innen. Herr Binggeli und Herr Morf sind der Betrügerin auf den Fersen. Wie alle anderen Protagonist*innen sind auch sie schwerstens von ihren Smartphones abhängig. In Zürich scheint es kein anderes Thema zu geben, als das neuste unschlagbare Handy Abo. Stimmt nicht ganz, denn es gibt noch eine ebenso unschlagbar günstige neue Krankenkasse.
Der Film «Dene wos guet geit» zeigt ein absurdes, deprimierendes Zürich im Herbst. Mindestens die Hälfte der Menschen, welche es zu sehen gibt, sind geistig verarmte Polizist*innen. Wer hofft, Zürich endlich mal wieder in Spielfilmlänge von seinen schönsten Seiten zu erleben, wird enttäuscht. Die langen ruhigen Szenen spielen an Orten, die kaum Zürich zugeordnet werden können. Strassenränder und anonyme Bürogebäude ziehen sich durch den Film. Auffallend ist, dass alle Menschen verschwindend klein sind auf den Bildern. Oft werden sie von oben herab gefilmt, kleben irgendwo am Bildschirmrand und werden von den Gebäuden erdrückt.

Zur Lethargie des Films passend, wird kaum Musik gespielt. Es gibt stetig Strassenlärm, Tastaturgeklapper und das Rattern von Geldzählmaschinen auf die Ohren. Dazu kommen die langsamen, gelangweilten Dialoge.
Was will uns der Regisseur Cyril Schäublin mit seinem Kino-Debüt sagen? Es ist sicher keine Ode an seinen Heimatort Zürich. Geld, Smartphones, Antidepressiva und Callcenter beherrschen die Stadt. Wir bekommen die Absurditäten der Digitalisierung vor Augen geführt: Trotz dem praktischen Internet müssen wir oft ewig lange Passwörter, IBANs und AHV-Nummern diktieren.

Als der Pfleger Fischli, von Rapper Skor gespielt, seine Turnschuhe an Zalando zurückschicken will, wird er von einer Spezialeinheit der Polizei kontrolliert. Ob die Schuhe zu klein seien, will der Polizist wissen. «Nein, sie gefallen mir nicht», antwortet Fischli. Der Polizist wünscht viel Glück beim nächsten Mal.

Trotz minimaler Handlung wird der Film nie langweilig. Die Zürcher*innen wirken durch ihre absurden Gesprächsthemen trotz ihrer abgelöschten Art hin und wieder lustig. So sagt eine Callcenter Mitarbeiterin nach einem langen Gespräch über reiche Eltern: «Meine Kinder werden wohl gar nichts erben.» Das liebe Geld hält Zürich in schlurfender Bewegung. Wenn das nicht reicht oder das Geld weg ist, dann diktiert der Arzt dem Pfleger Fischli Überdosen Antidepressiva für die Patient*innen – bei einer Kippe auf dem Parkplatz. Die Zeiten von Mani Matter scheinen lang verblasste Poesie. «Dene wos guet geit», geht es eigentlich so mässig. Denn vor lauter W-Lan-Passwörtern und Handy Abos bemerken sie niemanden mehr, dem es weniger gut gehen könnte.

  • «Dene wos gut geit», läuft ab dem 11. Januar im Kino Riffraff.

Titelbild: Screenshot vom Film

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