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Ist der weisse Mann vom Aussterben bedroht? Teil 1 – Jann

Wie reagiert der alte, weisse Mann, wenn er mit Fragen zu Rassismus und Sexismus konfrontiert wird? Er fühlt sich angegriffen und bedroht, er verteidigt sich. Katrin Hasler hat der aussterbenden Spezies ein Buch gewidmet, gefüllt mit Interviews. Tsüri.ch publiziert drei gekürzte Gespräche; heute Teil 1 mit Jann.
08. Juli 2019

Interview: André Moita

Fotos: Djamila Grossman

Dieses Interview ist Teil 1 der Artikelserie zum «weissen Mann». Hier gehts zum Vorwort der Herausgeberin.


Denkst du, dass der weisse Mann vom Aussterben bedroht ist?

Ich würde sagen, der weisse Mann ist nicht vom Aussterben bedroht – er ist degeneriert, er lässt sich gehen. Männer haben es in der heutigen Welt schwer. Ich habe drei Söhne, und ich würde heute nicht mehr als Mann geboren werden wollen. Der weisse Mann mit all seinen Facetten hat an Stellenwert verloren.

Hat sich das Männerideal geändert?

Absolut, ich bin ganz anders aufgewachsen. Mein Vater war das Familienoberhaupt, ein Patriarch. Wenn er etwas gesagt hat, wurde das ernst genommen. Wenn heute ein Mann etwas sagt – diese heutigen Mannsbilder mit knapp 25 Kilo und halbwegs mit einem Röckchen bekleidet –, das kann ich gar nicht mehr ernst nehmen. Ich denke, auch mit der Gleichberechtigung, die ich an sich nicht schlecht finde, sollte der natürliche Unterschied zwischen Mann und Frau bestehen bleiben. Das ist ein Kräfteverhältnis: Wenn das nicht mehr stimmt, degeneriert der Mann.

Ist dir wichtig, dass du männlich bist?

Ja, Männlichkeit strahlt ja vieles aus. Einerseits, dass du festen Boden unter den Füssen hast. Andererseits hat es auch damit zu tun, dass man sich die Hände mal dreckig macht. In meinem Alltag behaupte ich mich als Mann, ich lasse mir im Bereich Gesellschaft und Gleichberechtigung keine Vorschriften machen. Es geht auch um die Diskriminierung des Manns: Wir werden heute viel mehr und schneller diskriminiert.

Männer haben es in der heutigen Welt schwer.

Was ist für dich typisch männlich?

Dass man sich in diesem stetigen Kampf der Positionierung durchsetzen kann.

Was machst du typisch Weibliches?

Ich denke, ich habe im Alter mehr Bezug zur Reinlichkeit. Dass man darauf achtet, dass man schön angezogen ist.

Und was ist eine starke Frau für dich?

Für mich ist wichtig, was die Begriffe «Mann» und «Frau» überhaupt bedeuten. Man muss zurück in die Entstehungsgeschichte oder die Natur gehen. Nehmen wir den Wolf: Da geht das Männchen gar nie in den Bau hinein, das Weibchen ist bei den Jungen. Eine starke Frau unterstützt ihren Mann in seinen Projekten. Sie akzeptiert aber auch, dass ein Mann mal auf den Tisch klopft. Ein starker Mann ist einer, der vor die Familie hinstehen und sie zusammenhalten kann und die Frau schützt. Denn körperlich ist sie ja schwächer als der Mann. Das ist mein Bild.

Kann denn eine Frau ohne Mann nie stark sein?

Doch, absolut. Auch ein Mann kann ohne Frau stark sein. Ich finde einfach, man muss sich fragen, was die Rolle des Manns ist. Und was ist die Rolle der Frau? Man muss das wieder trennen und nicht auf eine gleiche Ebene schieben. Man soll nicht sagen, eine Frau kann das genau gleich gut wie ein Mann. Das finde ich nicht wirklich richtig. Das gibt kein Verhältnis.

Eine starke Frau unterstützt ihren Mann in seinen Projekten.

Was ist der Hauptunterschied zwischen Mann und Frau?

Die Frau gebärt Kinder, das ist der Hauptunterschied. Wir Männer dürfen ja leider nur den Samen dazu spenden. Unter dem Herzen der Frau wächst neues Leben heran. Die Frau müsste sich dessen wieder mal bewusst werden und wieder neu lernen, ihre Rolle anzunehmen.

Ist das für dich Feminismus, dass Frauen diese Rolle nicht mehr akzeptieren?

Ja, absolut. Ich bin begrenzt für den Feminismus. Wenn sich in der Familie beide
respektieren, kommt die Frage nicht auf, wer stärker oder schwächer ist. In den Medien
wird immer nur gesagt, dass der Mann die Frau ständig unterdrückt. Das kommt sicher
auch teilweise vor. Ich glaube, die Vergewaltigungsraten im Vergleich zu früher sind
viel krasser.

Hat der Feminismus damit etwas zu tun?

Absolut, absolut.

Wie stellst du dir eine perfekte Beziehung vor?

Zuerst einmal muss man sich gegenseitig respektieren, das ist das A und O. Dann gehört natürlich viel Liebe dazu. Dass man sich in der Mitte trifft und sich in die Arme nehmen kann und gut findet, was der andere macht. Dann gibt es auch keine Diskussionen über irgendwelche Rollen.

Funktioniert das nur bei einer Beziehung so?

Platonische Freundschaften zwischen Mann und Frau sind zehnmal schwieriger. Man trifft sich dann ja auf Augenhöhe und muss eine gewisse Distanz wahren als Mann.

Wer ist am längeren Hebel, wer hat die Macht über die Sexualität?

Die Frau. Auch in einer Beziehung. Wenn ich als Mann über meine Frau herfalle, nur weil ich Sex will, habe ich sie vergewaltigt. Wenn die Frau bereit ist für Liebe oder Sex, dann zeigt sie dir das. Die Frau sagt, dass sie bereit ist, nicht du als Mann. Das muss man sich mal bewusst sein, dann gehst du auch ganz anders auf Frauen zu. Wenn mir eine Frau gefällt, kann ich um sie werben. Entweder sie hört das oder sendet eindeutige Signale: «Nein, Kollege, ich bin schon vergeben» oder «Du bist nicht mein Typ», dann muss man das akzeptieren können. In den seltenen Fällen, in denen Frauen Initiative zeigen und auf den Mann zugehen, heisst es dann: «Sie ist eine Schlampe.» Das finde ich auch diskriminierend für die Frau. Da müsste Gleichberechtigung kommen, dort müsste man den Feminismus hinsteuern. Und nicht im Beruf, dass eine Frau den männlichsten Job macht und sich grosse Muskeln wachsen lässt.

Braucht es den Feminismus nur im Privaten, aber nicht im Berufsleben?

Nicht in dieser Form. Es gibt viele Posten, in denen Frauen besser sind als Männer. Eine Frau mit Kindern muss viele Dinge gleichzeitig machen und im Blick behalten. Ich habe Zwillinge und ich war eine Weile Hausmann. Als die Zwillinge anfingen zu laufen, bin ich an meine Leistungsgrenze gekommen. Frauen können das in den Griff bekommen. Sie sind in organisatorischen Sachen besser als der Mann, in anderen Sachen nicht.

Denkst du, Männer werden diskriminiert?

Auf jeden Fall. Von der Sexualität bis hin zu ihrer Denkweise. Ich denke, dass wir beschnitten werden, wenn wir sagen, dass wir unser Territorium haben wollen. Frauen wollen ihr Territorium erweitern und sie sagen, sie wollen Gleichberechtigung. Gut, sie können sie haben. Aber wenn man einer Frau die Tür nicht aufmacht, dann heisst es, man sei kein Gentleman. Das ist die Diskriminierung, die wir jeden Tag erleben.

Leben wir in einer zwiespältigen Gesellschaft?

Feminismus braucht es nicht mehr. Man hat Frauen akzeptiert – in Geschäftshäusern, in der Politik. Aber wichtiger ist die Sexualität, da haben die Frauen die Männer im Griff.

Glaubst du, dass der gesellschaftliche Druck auf Männer höher ist als auf Frauen?

Absolut.

In welchen Bereichen?

Man erwartet, dass sie zu Müttern degenerieren. Das hat nicht jeder Mann gern. Man erwartet, dass ein Mann feministische oder feminine Züge annimmt und da frage ich mich, weshalb es Männer und Frauen gibt. Dann können wir alle Transgender werden oder noch besser geschlechtslos. In der Gesellschaft ist der Mann heute der Inbegriff des Bösen.

In welchen Situationen fühlst du dich diskriminiert?

Ich bin ein offener Mensch und ich zeige, wenn mir etwas gefällt oder nicht. Ich fühle mich diskriminiert, wenn man das falsch deutet und das Gefühl hat, wenn ich jemanden anlächle oder nett bin, dass ich die Person dumm anmachen will.

Ist es Respektlosigkeit von Frauen, anzunehmen, dass du sie automatisch sexuell anziehend findest?

Ja, ich denke es. Sie wollen und signalisieren das. Geh mal auf die Strasse und schau dir es an. Jede Frau versucht, sich sexy anzuziehen und sie provoziert auf diese Art. Wenn du sie mal anschaust und siehst, dass sie schöne Beine hat, fühlt sie sich belästigt. Das geht nicht auf.

Wie reagierst du, wenn eine Frau dich ablehnt?

Ich muss das akzeptieren. Der Mann muss Grösse zeigen und nicht Stärke.

Müssen Männer mehr Grösse im Alltag zeigen als Frauen?

Ja, sie sollten, aber das tun sie nicht.

Feminismus braucht es nicht mehr.

Hast du Träume?

Harmonie und Respekt und Liebe. Ich will viel mehr Leute mit meiner Musik glücklich machen können.

Hast du auch Ängste?

Ich habe wahnsinnige Existenzängste. Ich war 15 Jahre lang drogenabhängig. Ich habe
mein Leben an die Wand gefahren, bin aber aus eigener Kraft davon weggekommen.
Für mich wichtig sind heute ganz enge Strukturen in jeglicher Hinsicht. Ich arbeite
täglich daran, mich mitteilen zu können.

Denkst du, dass wir Probleme in unserer Gesellschaft haben?

Ja, auf jeden Fall. Das grösste Problem ist, dass die Leute glauben, dass es heute keine Grenzen mehr gibt. Ich bin nicht dafür, dass man alles Multikulturelle mischt.Man denkt, dass man den globalen Frieden nur mittels Globalisierung erreichen kann, aber das kann man nicht. Frieden kann man erreichen, wenn man friedlich miteinander umgeht. Dafür muss man in seinem eigenen Land mit den eigenen Leuten die Kultur pflegen.

Leiden wir unter dem Globalisierungswahn?

Ja, klar. Nehmen wir zum Beispiel den Feminismus. Wenn man zum Beispiel sieht, wie die Islamisten mit Frauen umgehen. Wenn der Schleier bei der Hochzeit entfernt wird, da bekommt die Frau keinen Kuss, sondern eine Ohrfeige, damit sie sieht, wer der Chef im Haus ist. Und da sagt man, dass man das alles akzeptieren muss. Aber wenn ein Mann einer Frau sagt, dass sie eine dumme Kuh ist, dann ist es plötzlich frauenfeindlich.

Du bist ein weisser Mann. Habt ihr alles kaputtgemacht?

Nein, absolut nicht. Ich sehe nicht, wie ich alles kaputtgemacht haben könnte. Ich habe sehr viele Häuser in der Stadt Zürich renoviert. Darauf bin ich stolz.

Ist der weisse Mann privilegiert?

Nein. Er ist eher diskriminiert gegenüber Frauen. Auch meine Generation wird weniger respektiert als früher.

Denkst du, dass ihr gewisse Privilegien und Respekt verdient habt?

Ja, absolut. Aber wir bekommen sie nicht.

Und wer ist deiner Ansicht nach daran schuld, dass du nicht privilegiert sein kannst?

Wir selber. Der weisse Mann ist daran schuld. Er hat nichts verbrochen, aber er hat Angst, eine Meinung zu haben. Heute zählen Meinungen nicht mehr. Heute muss man eine Pauschalmeinung haben, die dem entspricht, was alle sagen.

Welche Rolle nehmen Frauen dabei ein?

Frauen stehen auf, sie machen etwas. Frauen sind durchgehend dran. Du hörst es überall. Nehmen wir einmal die Frauenquote. Hörst du aber etwas vom Mann? Nein. Sie sind alle Schlappschwänze. Frauen sind privilegiert, vor allem wenn sie ihre Waffen ausspielen. Heute ist die Welt viel liberaler. Der Mann hat viel mehr an Stimmen zugelassen, nicht nur von Frauen, sondern allgemein.

Frauen sind heute privilegiert, weil sie sich das verdient haben?

Ja, denn sie kämpfen dafür. Sie nehmen sich das Recht. Aber der Mann wehrt sich nicht. Er degeneriert zu einem Milchbubi, der nur sagt: «Das ist so. Wir Männer diskriminieren Frauen. Und wir müssen das alles zulassen.» Wenn ich zum Beispiel im Betrieb sagen würde, dass ich die Frau nicht auf der Chefetage haben will, dann bin ich ein Frauenhasser. Nein, es muss eine Frauenquote geben. Ob die Frau das kann oder nicht, ist egal. Nachher verheizt man sie und dann ist sie wieder diskriminiert worden. Eigentlich soll derjenige den Job bekommen, der besser ist. Das ist ja unter Männern auch so. Und es sollte auch bei Frauen so sein, sie wollen ja Gleichberechtigung. Sie müssen deshalb kämpfen.

Das heisst, der Mann kann in diesem Spiel nur verlieren?

Ja, das ist so. Wir sind momentan auf der Verliererseite. Uns fehlen Argumente. Es braucht wieder Männer, die aufstehen und sagen: «Ohne uns Männer wärt ihr Frauen auch nicht da.» Es braucht immer zwei. Solange beide ihre Rollen gleich wahrnehmen, sich gleich entwickeln und keinen Hass verbreiten, sodass sich der andere denkt «Ich bin ein Arschloch», sind wir auf der gleichen Ebene. Solange das nicht passiert und der Mann nur zurückkrebsen muss, haben wir verloren.


Vernissage des Projekts ist am 11. Juli ab 19 Uhr im cc-café!

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