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Theater Neumarkt fürchtet weitere Kämpfe um Kunstfreiheit

Wegen der umstrittenen Entköppelungs-Aktion wurden dem Theater Neumarkt die Subventionen um 50’000 Franken gekürzt. Tsüri hat die beiden Direktoren Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler zum Interview getroffen und mit ihnen über die Strafaktion, Kunst, Freiheit und Politik gesprochen.
30. November 2016
Chefredaktor

Seit Sie vor gut drei Jahren das Theater Neumarkt übernommen haben, höre ich fast nur negative Schlagzeilen: schlechte Zuschauerzahlen, angedrohte Kürzung der Gelder, Probleme mit Köppel, wieder die gleiche Drohung und nun die tatsächliche Strafe. Was läuft schief im Theater Neumarkt?
Peter Kastenmüller:
Während wir dieses Gespräch führen, probt ein Stockwerk unter uns Sandra Hüller die Wiederaufnahme von «Bilder deiner grossen Liebe«: Eine sensationelle Neumarkt-Produktion. Wir freuen uns sehr, sie ab Freitag wieder zeigen zu können. Ich kann Ihre Frage also nur so beantworten: Was das Haus und unsere Produktionen betrifft: Nichts. Zu Beginn unserer Direktion haben wir vieles ausprobiert, manches ist weniger gelungen, manches wurde schlicht nicht wahrgenommen. Wir mussten unseren Platz finden. Wenn man die berühmten Zuschauerzahlen zitieren darf, ist uns das gelungen. Die letzte Spielzeit war sehr gut.

Welche Zürcher Theaterproduktion hat in den letzten Jahren für die aktivste Debatte gesorgt?
PK:
Ja, das war wohl jene mit Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit über die Entköppelung. Wobei das ja keine eigentliche Theaterproduktion war, sondern Teil eines Festivals zu Krieg und Frieden. Das hat hohe Wellen geschlagen und damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Mögen Sie diese Aufmerksamkeit?
RF:
Ziel der Aktion war nicht, dass wir um jeden Preis beachtet werden. Das ist aus der Situation heraus in eine falsche Richtung losgegangen. Jetzt debattieren wir nicht über den Inhalt, sondern befinden uns auf einem ganz anderen Feld: der Politik.

Auch wenn Sie sich einen anderen Diskurs wünschen: Was Kunst darf, ist trotzdem eine wichtige Frage.
PK:
Natürlich. Dieses Thema wird uns auch in Zukunft stark beschäftigen. In der Kunst muss erst einmal alles möglich sein! Wir befinden uns in einer Gesellschaft, wo die Meinungen immer stärker auseinander gehen, auch die zu Subventionen und Geldern der öffentlichen Hand. Diese Debatten werden härter, unspezifischer und ungerechter. Öffentliche Gelder sind ein emotionales Thema, mit dem man sehr gut Politik machen kann – vor allem gegen die Kunst.

Von den total über 5,7 Millionen Franken Subventionen (5,4 Mio von der Stadt, 330'000 vom Kanton) hat Ihnen der Regierungsrat für nächstes Jahr 50’000 Franken gestrichen. Merken Sie das überhaupt?
PK:
Wir produzieren alles selber im Theater Neumarkt und haben eine grosse Anzahl an qualifizierten Mitarbeiter*innen. Das kostet. Diese 50’000 Franken ist unser Produktionsgeld, eine kleine Produktion müssen wir darum streichen. Das schmerzt. Trotzdem sind wir dem Kanton für seine um fünf Jahre verlängerte Unterstützung sehr dankbar.

Ist die Strafe als Symbol härter als die finanzielle Einbusse?
RF:
Gemessen an den Strafen, die möglich gewesen wären, ist dieser Betrag natürlich Symbolik. Dass es trotzdem schmerzt, kann man nicht wegreden. Und das Signal ist bedenklich.

Bereuen Sie die Aktion gemessen an den Konsequenzen?
RF:
Manche Produktionen oder Vorhaben sind nicht so steuerbar, wie man im Voraus denkt. Diese Unsicherheit müssen wir aber zulassen, weil sonst gar nichts entstehen und passieren würde. Es braucht diesen Raum, diesen kreativen Prozess, der Risiken birgt. Diese Konsequenzen gehören natürlich dazu und lassen sich jetzt auch nicht mehr wegdenken.
PK: Subventionen in einer Zeit der politischen Radikalisierung sind da, um etwas zu ermöglichen, das den finanziellen Wert nicht unbedingt repräsentiert. Das ist die Idee der Subventionen. Will man das wirklich in Frage stellen?

Ist ein Theater frei, wenn es vom Staat finanziert ist?
RF:
Dass die Kunst frei ist, wenn sie vom Staat finanziert wird, ist kein einfach zu vermittelnder Gedanke. Privat finanzierte Kunst ist offensichtlich nicht frei, weil dann der Fürst, wenn ihm das Porträt nicht gefällt, einfach ein neues malen lässt. Da ist es ganz klar. Das Subventionssystem will eine engstirnige Einflussnahme verhindern. Die Zusicherung eines bestimmten Betrags für eine definierte Zeit soll und kann Freiräume schaffen. Nur weil der Raum geschützt ist, ist er frei und kann alles verhandeln, was sonst nirgends in der Gesellschaft verhandelt werden kann. Das ist die kostbare Grundidee.

(Die Direktoren im Bild: Ralf Fiedler und Peter Kastenmüller, Quelle: Tom Haller)

Wird dieser Raum durch die Strafaktion beschnitten? Oder anders gefragt: Werden Sie jetzt vorsichtig?
PK:
Es ist unsere Aufgabe, die Schere im Kopf nicht aufgehen zu lassen.
RF: Das ist die zentrale Frage, die jetzt im Raum steht. Nicht, ob die Köppel-Aktion ganz blöd oder blöd war, sondern dieses Zeichen, dass der künstlerische Raum beschnitten werden kann. Es gab auch sehr umsichtige Politiker*innen in der Kantonsregierung, die sich dem Druck nach weitreichenden Forderungen nicht gebeugt haben. Die 50’000 Franken sind das Resultat von Verhandlungen und trotzdem ist es ein Signal. Und die Frage nach dem zugrundeliegenden Symptom müssen wir uns natürlich stellen.

Was werden die mittel- und langfristigen Konsequenzen sein?
PK:
Nächste Woche fliegt Italien auseinander, wir haben den Brexit, wir haben Trump, wir haben die Wahlen in Frankreich, wir haben die Türkei: es ist am Kochen. In diesem Kontext hat die Kunst die Aufgabe, sich diese Freiräume aufrecht zu erhalten. Wir stehen da ganz schön im Wind.

Rechnen Sie mit weiteren Kämpfen um Subventionen?
PK:
Es geht schon lange nicht mehr um das Theater Neumarkt. Zürich ist zwar eine kulturaffine Stadt, es gibt den Bürgergeist; das wissen wir alles. Kollegen in anderen Ländern haben mit viel garstigeren Situationen zu kämpfen. Trotzdem dürfen wir uns nicht zurücklehnen und sagen: uns gehts jetzt noch gut. Diese Debatte hat unser Haus längst verlassen. Es reiht sich ein in einen politischen und globalen Kontext. Es passieren viele Dinge und wir sind gut beraten, uns darauf vorzubereiten.
RF: Die Debatte ist ein Symptom, für das wir hinhalten müssen. Das Theater Neumarkt kennt das aus den vergangenen 50 Jahren.

Ich möchte Ihnen ein Zitat aus dem Tagi vorlesen: «Sie (die Künstler*innen, Anm. d. Red.) wollen so bezahlt werden wie die, die profane Lohnarbeit verrichten, sind aber irritiert, dass sie allenfalls auch profane Lohnarbeit verrichten müssen, um über die Runden zu kommen.»
PK:
Ich verstehe den Satz echt nicht. Kannst du mir das erklären?
RF: Da geht es um gar nichts Inhaltliches mehr, sondern offensichtlich um Ressentiments gegen Künstler. Die Annahme, dass irgendjemand hier in Sicherheit lebt, ist so hanebüchen. Für alle am Theater Beschäftigten ist völlig unklar, wie es hinterher weitergeht. Wer sich für einen solchen Beruf entscheidet, hat nicht die soziale Sicherheit gewählt. Es ist absurd und beleidigend, so etwas zu schreiben.
PK: Dieser Artikel ist wohl bei der Qualitätskontrolle durchgerutscht. Als Verantwortlicher würde mir das die Schamesröte ins Gesicht treiben. Der Autor sollte seiner Wanderkolumne treu bleiben.

Und zum Schluss: Um Geld zu sparen will die Stadt offenbar, dass Sie mit der Gessnerallee fusionieren und aus dem Niederdorf verschwinden. Was halten Sie davon?
PK:
Also. Da hat ein Journalist der NZZ eine grosse Geschichte gewittert. Leider ist an diesem Thema aber nichts dran. Das haben uns sowohl Corine Mauch, als auch Kulturchef Peter Haerle versichert.

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