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Lea Trogrlic an der Podiumsdiskussion zum Thema «Konsum». Bild: Elio Donauer

Der Verein Plurale Ökonomik organisiert alternative Wirtschaftsvorlesungen an der Uni Zürich

Lea Trogrlic ist Mitgründerin des Vereins «Plurale Ökonomik Zürich», welcher dieses Semester bereits zum zweiten Mal eine Vorlesungsreihe organisiert, die sich mit Theorien abseits der klassischen Lehre beschäftigt. Lea erzählt, wie der Verein entstand und warum die Vorwürfe, sie würden eine «politische Agenda» verfolgen, haltlos seien.
28. August 2019
Redaktorin

Was waren deine persönlichen Beweggründe, den Verein «Plurale Ökonomik Zürich» mitzugründen?

Ich habe im Bachelor VWL an der Uni Zürich studiert. Was mir am Studium gefehlt hat war, dass uns Studierenden kaum Raum für kritische Reflexion gelassen wurde. Wir wurden in keiner Weise dazu motiviert, die Theorien, die beigebracht wurden, zu hinterfragen. Obwohl ich das klar von einem Studium erwarte. Deshalb hatte ich das Bedürfnis, dies zu ändern.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Vorlesungsreihe zu Pluraler Ökonomik zu organisieren?

Das war während der Nachhaltigkeitswoche, an einer Podiumsdiskussion zu Green Growth. Wir haben diskutiert, wie andere Ansichten zur Wirtschaft auch ins Wirtschaftsstudium einfliessen könnten. So, dass es nicht immer die neoklassische Sicht ist, die lehrt, dass Wachstum das einzige funktionierende Ziel sei. Wir starteten mit der Idee einer Vorlesungsreihe zu Post Growth. In engem Austausch mit Professor*innen öffneten wir schliesslich das Themenfeld, um verschiedene Perspektiven zur Wirtschaft beleuchten zu können. Durch den Zugang zu einer Vielfalt von Ideen kann die Funktion der Wirtschaft aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden und so Vergleiche gezogen werden.

Wie ging es weiter?

Dann ging es darum, dass wir einen Weg finden mussten, die Idee an der Universität Zürich zu realisieren und vor allem zu finanzieren. Dafür haben wir uns an U Change gewendet. Mit diesem Förderprogramm finanziert der Bund Studierendenprojekte für eine nachhaltige Entwicklung. Hier haben wir ein Konzept für zwei Durchführungen der Vorlesung eingereicht. Das Konzept haben wir der Fakultät präsentiert und eine Zusage erhalten. Die Uni stellt uns die Räumlichkeiten zur Verfügung. Wir kümmern uns um das inhaltliche Programm und die Organisation der Professor*innen.

Ihr führt euer Programm dieses Semester zum zweiten Mal durch. Wie fiel das Feedback nach der ersten Runde aus?

In der ersten Durchführung haben sich rund 100 Studierende angemeldet, von denen etwa 60 die Prüfung absolviert haben. Das Feedback fiel sehr positiv aus. Der Lehrstuhl für VWL hat unsere Eigeninitiative unterstützt und geschätzt. Das war früher noch anders. Bereits 2013 hatten Studierende die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in einem offenen Brief aufgefordert, die Inhalte der Lehre diverser und kritischer zu gestalten. Aber da hiess es dann: «Macht ihr doch einfach selbst was». Dass man damals den unkritischen Stand der Lehre überhaupt nicht anerkennen wollte, war besorgniserregend. Deshalb haben wir uns doch dazu entschlossen selbst die Initiative zu ergreifen.

Worum geht’s im Vorlesungsprogramm der Pluralen Ökonomie?

Jede Vorlesung dreht sich um eine andere Theorie. Zunächst geben wir einen historischen Überblick, um die verschiedenen Theorien kontextualisieren zu können. So sollen die Hintergründe der Fragen, die durch eine Theorie beantwortet werden, besser verstanden werden. In den darauffolgenden Vorlesungen geht es zum Beispiel um ökologische Ökonomik, um Glückforschung oder um feministische Ökonomie. In der letzten Veranstaltung findet dann eine Diskussionsrunde statt, wo alle Theorien nochmals diskutiert und Vergleiche gezogen werden. So soll eine vertieftere Auseinandersetzung mit den verschiedenen Theorien stattfinden. Es werden einzelne Aspekte besser beleuchtet und die Relevanz einzelner Themen kann besser in Bezug zu unserer heutigen Zeit gestellt werden. Schliesslich soll dies dazu führen, dass die kritische Reflexion angeregt wird.

Was ist anders im Vergleich zur klassischen Wirtschaftsvorlesung?

Im normalen Wirtschaftsstudium lehrt man nur die eine Sicht, die neoklassische Sicht. Andere Perspektiven haben auch ihre Berechtigung und wir wollen ihnen dafür Raum bieten. Bei der Neoklassik sehen wir die Limitierung, dass die Theorie auf realitätsfremden Annahmen beruht. Die Wirtschaft wird als allesübergreifendes Instrument verstanden, was zu grossen gesellschaftlichen Herausforderungen führt. Diese wollen wir in die Vorlesungssäle bringen indem jede*r Professor*in in der Vorlesung konkret auf die Behandlung der Ungleichheit, der Klimakrise und/oder auf Wirtschaftskrisen in der jeweiligen Theorie eingeht.

Euer Verein hat bereits einiges an medialer Aufmerksamkeit erhalten. Euch wurde eine politische Agenda unterstellt. Was hältst du davon?

Ich sehe nicht, was die politische Agenda dahinter sein soll. Wir wollen, dass man sich nicht in die eine ideologische Box stecken lässt. In der Wirtschaftswissenschaft kommt die kritische Auseinandersetzung und Reflexion über die Inhalte, die man uns beibringt, viel zu kurz. Mit unserer Vorlesungsreihe wollen wir darauf aufmerksam machen.

Du hast schon zum Thema Konsum auf einem Podium gesprochen. Wie beleuchtet ihr das Thema in eurer Vorlesungsreihe?

Es geht um die grundlegende Frage, welche Rolle Konsum in unserem Leben hat. Die Vorlesung zu Ökologie zum Beispiel setzt sich damit auseinander, wie Konsum im Einklang mit unseren Ressourcen und unserer Umwelt stehen kann.

Inwiefern unterscheidet sich das von der kapitalistischen Theorie?

In der neoklassischen Theorie braucht es den Konsum, damit das System überhaupt funktionieren kann. Hier gilt, dass unendlich konsumiert und unendlich produziert wird. Wir produzieren nicht bloss, um unseren Bedarf zu decken, sondern um Profite zu maximieren. Darum entsteht auch dieser Wachstumszwang, der dem Kapitalismus inhärent ist. So werden die ökologischen Kapazitäten unseres Planeten ignoriert. Genau diese Grenzen und wie diese eingehalten werden können, stehen in der ökologischen Ökonomik im Vordergrund. Das Verständnis des Konsums wird so ins Verhältnis zur Ökologie gestellt und steht nicht alleine als Messgrösse.

Warum ist es gerade jetzt so wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen?

Aus zwei Gründen: Wegen der Klimakrise und wegen der weltweiten wachsenden Ungleichheit zwischen Ländern, aber auch innerhalb von Ländern. Darum braucht es einen neuen Weg, diese Herausforderungen zu lösen. Denn bisher haben wir immer in derselben Box gedacht, die mitverantwortlich für das Entstehen dieser Probleme war und ist. Deshalb braucht es Tools aus verschiedenen Ansätzen, um kontextspezifische Lösungen zu kreieren. Es funktioniert nicht, eine Ideologie über alles darüberzustülpen.

Was sollen die Studis aus eurem Programm mitnehmen?

Sie sollen sehen, dass wirtschaftliche Probleme verschiedene Herangehensweisen haben können. Interdisziplinäre Beziehungen müssen berücksichtigt werden und in Entscheidungen miteinfliessen. Viele Studierende landen nach dem Studium in Entscheidungs- und Schlüsselpositionen und können das System mitgestalten, deshalb ist es besonders wichtig, eine umfassende und kritische Sichtweise zu haben.

Ja ok, und wann und wie viele Punkte gibt das?
Start am 19.09.2019, ab dann im Herbstsemester jeden Donnerstag von 16-18 Uhr, 3 ECTS Punkte, im Wirtschaftsstudium im Wahlbereich anrechenbar, ebenfalls bei anderen Studiengängen an der Uni anrechenbar, an der ETH als GESS Fach anrechenbar.
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