Jugendarbeiter Petrušić: «Die Jungen sind lahm und wir schuld daran»

Jugendliche sind nicht süchtig: weder nach Internet, noch nach Gesundheit, Schönheit, Zigaretten oder Koks. Dafür sind sie lahm. Einer, der dafür mitverantwortlich ist, stellt sich den Fragen von Simon Jacoby.
10. November 2018

Ivica Petrušić ist Sozialarbeiter mit langjähriger Erfahrung in der Jugendarbeit und heute Geschäftsführer von okaj zürich, der kantonalen Kinder- und Jugendförderung. Somit ist er am Puls der Zeit und weiss, was die «Jungen» von heute beschäftigt. Im Interview erklärt er, warum die Erwachsenen nicht zu schnell urteilen sollen, warum das Smartphone nicht mehr wegzudenken ist, womit die Jugendlichen besonders kämpfen und warum er sich vor gesellschaftlicher Harmonie fürchtet.

Wenn es um Sucht geht, geht es oft auch um Substanzen. Was nehmen die Jungen heute?

Koks, Cannabis, Lachgas, Ritalin und Hustensaft sind Substanzen, mit denen sich ein paar Junge einen Kick geben wollen. Allerdings sind das regional unterschiedliche Trends. Sie flackern kurz auf und verschwinden dann wieder, da gibt es keine Systematik. Es ist vor allem auffallend, dass immer mehr Junge ihre Drogen vor dem Trip testen lassen; der Konsum nimmt aber nicht zu.

Das ist sehr erwachsen.

Ja, sie sind vernünftig und wollen guten Stoff konsumieren, wenn sie eine gute Zeit und einen Rausch erleben wollen. Wichtig ist auch, dass dieses Verhalten zum Beispiel nach den zehn ICD-Kriterien der WHO nichts mit Sucht (Feststellung einer Krankheit durch einen Arzt) zu tun hat. Es sind einzelne sehr bedachte Momente des Ausbrechens und der Grenzerfahrung; ein punktueller Konsum. Sogar beim Koks in der Stadt Zürich, das ja sehr schnell abhängig macht.

Warum ist alles so unproblematisch?

Wir haben gute Arbeit geleistet (lacht) wie auch die Präventionsstellen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in Zürich mit der 4-Säulen-Drogenpolitik, die sich auf Prävention, Repression, Schadensminderung und Therapie gute Instrumente und Konzepte haben. In anderen Städten und auf dem Land ist das teilweise anders.

Als ich vor 10 bis 15 Jahren noch in der Schule war, wurde auf den Pausenplätzen geraucht, was das Zeug hält. Damals rauchte rund ein Viertel der Jugendlichen, heute sind es nur noch rund 6 Prozent der 15-Jährigen. Warum? Was hat sich geändert?

Allerdings haben wir aktuell wieder eine leichte Zunahme bei den 15- bis 19-Jährigen. Aber sowohl das normale Rauchen wie auch die E-Zigis gelten inzwischen selten als cool. Jene, die rauchen, machen das auch, um Stress abzubauen. Grundsätzlich gilt aber schon, dass sich das Rauchen und die Leistungs- und Karrierebereitschaft gegenseitig ausschliessen. Die Jungen wollen sich nicht schaden.

Bezüglich Internet, Smartphone und Social Media: Gemäss Sucht Schweiz haben 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen eine problematische Internetnutzung und verbringen unter der Woche 4,4 Stunden und am Wochenende 7,4 Stunden damit.

(Verdreht die Augen und schüttelt den Kopf) Ist das problematisch? Das sagen Erwachsene, die nicht damit aufgewachsen sind, die das gar nicht beurteilen können. Es ist nicht vergleichbar mit einer Zigarette: Ohne Internet und Smartphone geht es schlicht nicht mehr. Das Gerät gehört schon fast zum Körper.

Was wäre ein problematischer Smartphone-Gebrauch nach Ihrer Sicht?

Es gibt schon Regeln und Empfehlungen wie zum Beispiel die 3-6-9-12 Faustregel, die das Entwicklungsstadium der Gehirne der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt und ganz gut ist: Kein Fernsehen unter 3 Jahren, keine eigene Spielkonsole vor 6, Internet nach 9 und Soziale Netzwerke nach 12. Je jünger ein Gehirn ist, desto weniger Informationen kann es verarbeiten und desto eher sollte das Leben analog stattfinden. Als Faustregel gilt: Vor der Pubertät kein Smartphone.

Kürzlich hat mir ein Lehrer erzählt, er sei von den Eltern gelobt worden, weil er die Smartphones aus dem Unterricht verbannt hatte.

Natürlich kann es für eine Klasse ganz gut sein, wenn sie für ein paar Stunden analog ist, das ist ja auch vollkommen okay. Trotzdem: Das sind Erwachsene, die einen Erwachsenen loben, weil er den Kindern etwas weggenommen hat. Diese Veränderungen der letzten 20 Jahre sind enorm! Die heutigen Jugendlichen gehören zur ersten echten Generation der Digital Natives, sie sind die Expert*innen, wir älteren sollten da nicht zu schnell urteilen.

Die 80er-Unruhen sitzen noch tief in den Knochen.

Es gibt noch andere Verhaltenssüchte, zum Beispiel Schönheits- und Gesundheitswahn oder Arbeits- und Konsumsucht. Das sind Süchte, die unsere heutige Gesellschaft fast schon verlangt. Wie gehen Jugendliche damit um?

Ein riesiges Thema unter Jungen ist der Leistungsdruck. Die Jugendlichen haben im Beruf und in der Schule mit extrem hohen Anforderungen zu kämpfen. Es wird viel von ihnen abverlangt. Sie müssen immer besser werden.

Das gilt aber nicht für Schönheit und Gesundheit, danach streben sie in der Freizeit.

Es ist lustig, Jugendliche definieren das nicht als Sucht. Sie bezeichnen sich nicht als abhängig.

Das heisst nicht, dass sie es nicht sind.

Zum heutigen Jugendlichsein gehört das Streben nach Gesund- und Schönsein halt dazu. Ich erinnere mich, wie verdammt anstrengend meine Pubertät war. Wie ziehe ich mich an? Wie gefalle ich? Wie verhalte ich mich? In der Pubertät ist man extrem angewiesen auf das Feedback von aussen, von Gleichaltrigen. Darum müssen wir das differenziert anschauen, auch wenn das Verhalten nach gewissen Kriterien als Suchtverhalten bezeichnet werden kann. Sie selber sehen das nicht so. Es gehört einfach dazu. Genau wie Social Media. Das gehört dazu, für die ganze Gesellschaft. Es geht nicht mehr ohne. Auch wenn Jugendliche wissen, dass gewisse Dinge ungesund sind.

Sie beschönigen, wenn Sie sagen «alles kein Problem», weil die Jugendlichen wissen, dass es ungesund ist und es selber nicht als Sucht bezeichnen.

Nein, Leistungsstreben, Gesundheitsstreben und so weiter, das dient alles den Anforderungen, die es braucht, ein Mensch in unserer Gesellschaft zu werden. Im Moment ist die Gesundheit halt ein Trend, also machen auch die Jungen mit. Jugendliche sind nicht süchtig, sie sind teilweise überfordert durch die Schule, den Job, die sozialen Medien. Die Reize und Einflüsse sind sehr vielfältig geworden, die Orientierung ist schwieriger geworden: Welche Lehre soll ich beginnen? Was soll ich liken? Wem soll ich followen? Wem soll ich nacheifern? Dieses ständig entscheiden müssen hat zugenommen.

Die Jugend ist lahm geworden. Es gibt keine Revolten mehr.

Die Jugend ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Wir sind alle lahm. Und wir hätten gerne, dass wenigstens die Jugendlichen diese Rolle übernehmen, irgendjemand muss sich ja auflehnen. Andererseits reklamieren viele sofort, wenn sich dann wirklich jemand anders verhält.

Sie arbeiten mit Jugendlichen, also sind Sie für die lahmen Jugendlichen verantwortlich.

Ja, ich habe durchaus meinen Beitrag geleistet. Teilweise ist das auch unser Auftrag. Die Soziale Arbeit steht immer im Spannungsfeld zwischen Handlungsfähigkeit und sozialer Integration. Einerseits sollen wir die Menschen gesellschaftsfähig machen, an Normen anpassen und dort halten, anderseits sollen wir dieselben zu selbstständigen Menschen, die gerne Verantwortung übernehmen, begleiten. Aber ja, die meisten Jugendarbeiter*innen sind den Gemeinden und damit der kommunalen Politik unterstellt, haben wenig Mittel und eher den Auftrag, für eine ruhige Jugend zu sorgen.

Ziel erreicht, dann braucht es eure Arbeit ja nicht mehr.

Sich überflüssig zu machen, muss immer das höchste Ziel der Sozialen Arbeit sein. Aber die 80er-Unruhen sitzen noch tief in den Knochen. Die Leute wissen, dass es jederzeit wieder losgehen könnte. Darum dürfen wir weiter arbeiten. (lacht) Zwar tun wir das mit wenig Ressourcen, meistens sind es nicht mehr als 50 Stellenprozente in den Gemeinden, das reicht nicht für viel, aber es sorgt für Frieden und Ruhe.

Eine Demokratie braucht Streit und Debatten.

Was könntet ihr mit mehr Mitteln machen?

Die Jugendlichen im nonformalen, also ausserschulischen Bereich bilden und zu mündigen Bürger*innen erziehen, die zum Beispiel auch gewillt sind, in naher Zukunft ein Gemeinderatamt zu übernehmen. Dazu braucht es keine ruhiggestellten Langweiler*innen, sondern Menschen, die gewillt sind, mehr zu machen als der Durchschnitt: hinterfragen, selbstkritisch Grenzen suchen. In diesem Bereich könnte die Jugendarbeit noch intensiver wirken, denn man könnte es auch auf einen einfachen Nenner bringen: ohne Kinder- und Jugendförderung, keine Schweiz! Zumindest keine, die so aufgebaut ist, wie sie sich heute präsentiert.

Was heisst das also für unser Milizsystem, wenn alle in der totalen Harmonie leben?

Im politischen Sinn heisst für mich Harmonie nichts anderes als Diktatur. Und in einer solchen bin aufgewachsen, damals in Jugoslawien. Eine Demokratie braucht Streit und Debatten. Wir müssen bereit sein, Konflikte auszuhandeln und uns zu reiben. Nur so kann Innovation entstehen, nur durch das Infragestellen der Grenzen und durch, wenn es nötig ist, neue Grenzsetzungen.

Auch in Bezug auf Sucht und Drogen?

Ja! 1993 haben wir in Zürich die weltweit fortschrittlichste Drogenpolitik eingeführt. Keinesfalls aus Harmonie, sondern aus purer Not heraus. Es hat geklöpft und dann ist es richtig gut geworden. Die Probleme gibt es nicht mehr, weil wir uns damit auseinandergesetzt haben. In urbanen Räumen ist das fast selbstverständlich.

Und ausserhalb der Stadt?

In ländlichen Regionen muss ich immer noch an vielen Orten erklären, dass es neben der Repression auch andere Mittel gibt und braucht. In Zürich wissen das alle: Sexboxen braucht es, egal ob sie gut sind oder nicht, sie sind einfach da. Hier leben rund 170 verschiedene Nationalitäten, da ist es klar, dass sich nicht alle verstehen, nur schon sprachlich nicht. Aber das Verständnis, dass wir etwas machen müssen, das resultiert daraus. Es braucht die Polizei, die Schule, die Prävention, die Förderung. Eine Gesellschaft ist wie eine Familie (lacht).

Wenn Sie das auf dem Land erklären, verstehen die Leute Sie?

In kleineren Gemeinden, wo sich die Linken und die Rechten alle vier Jahre in der Regierung abwechseln, beziehungsweise wo die Jugendarbeit noch direkter von der politischen Haltung zuständiger Gemeinderäte abhängig ist, fehlt natürlich die Konstanz. Es ist der stete Tropfen, der den Stein höhlt. In den Gemeinden, die konzeptionell abgesicherte und über mehrere Jahre konstant erprobte Erfahrungen mit der Jugendarbeit verfügen, ist verstanden worden, dass es nicht nur Repression gibt. In diesen Gemeinden ist die Jugendarbeit nicht mehr wegzudenken.

Titelbild: zVg


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