Interkulturelle Terminsuche: 1 Termin für die ganze Stadt?

Eine Veranstaltung für alle Zürcher*innen zu machen, ist eine Herausforderung. sam mosimann hat sie angenommen: Er veranstaltet als Co-Leiter von «About Us!» die ersten Interkulturellen Wochen. Hier erzählt er über die Herausforderung, gleichzeitig Termine zu jonglieren und im Gleichgewicht zu bleiben.
28. Juni 2019

Als Teil der Co-Leitung von About Us! ist es mein Job, mit unzähligen Terminen aus verschiedensten Agenden zu jonglieren. Alles in die Luft werfen und nichts fallen lassen ist eine existentielle Angelegenheit, wie ein Tanz auf einem hohen Seil: Oben bleiben oder runterfallen. Ein Beispiel: Für unsere Eröffnung am 6. September suchen wir 60 Zürcher*innen, die auf dem Helvetiaplatz eine Minute freie Redezeit ausfüllen. Viel Koordinations- und Verhandlungsgeschick sind gefragt, um sie alle zusammenzukriegen. Da sind plötzlich ganz viele Daten in der Luft.

Die Spontanen und die Langzeitplaner

Wenn ich Menschen danach frage, wie sie Ihre Termine verwalten, reagieren sie sehr verschieden. Einige sagen ganz lapidar: «Das habe ich alles im Kopf». Andere suchen umgehend nach ihrem Smartphone und zeigen mir voller Stolz ihre Kalender-App. Ein paar haben ihr Terminverwaltungstool nicht dabei – die Papieragenda liegt Zuhause auf dem Schreibtisch. Und es gibt auch Menschen, die zwei Agenden führen: eine Private und eine für die Arbeit.

Ich bin ein Langzeitplaner. Sag's mir früh, dann ist die Chance, dass ich kommen kann, grösser. Mindestens eine Woche im Voraus. Für mich gilt: Ohne Agenda kein Leben. Für mich ist es unvorstellbar, ohne meine Terminübersicht unterwegs zu sein. Daher habe ich mein organisiertes Leben einer Cloud anvertraut, auf die ich jederzeit und von überall aus zugreifen kann. Sie weiss, wann ich wo bin und was ich da tue.

So verschieden die Agenden, so unterschiedlich sind auch die Beziehungen zur Terminplanung. Für Spontane ist es normal, sich von allen möglichen Optionen treiben zu lassen um dann im Jetzt zu entscheiden, was grad stimmig ist und passt. Spontan eben. Für Langzeitplaner ist das sehr herausfordernd. Im Idealfall sind Freund*innen zwei Monate und noch einmal drei Tage vorher zur eigenen Geburtstagsparty einzuladen. Also zweimal. So fühlen sich zwar die Langzeitplaner auf die Füsse getreten – «hab ich doch längst eingetragen!!!» – doch die Spontanen kommen dann auch.

Der Umgang mit Terminen ist geprägt vom kulturellen Hintergrund. Bei einer kurzfristigen Anfrage für das gemeinsame Realisieren eines Anlasses verweist der Schweizer Verein auf den Jahresplan. Hier sind alle Termine gesetzt und die verfügbaren Ressourcen eingeplant. Vielleicht nächstes Jahr?

Dem gegenüber antwortet der Somalische Kulturverein erfreut mit: «Oh – endlich mal etwas in unserem Tempo.»

Die Agenden der Stadt

Doch die Terminfülle in unser aller Agenden ist harmlos im Vergleich zu jenen der Stadt Zürich. Jeder öffentliche Platz hat einen eigenen Kalender! Damit Zürcher*innen nur ansatzweise eine Übersicht behalten und auswählen können, womit sie ihre Zeit verplanen wollen, gibt es Zusammenzüge von Veranstaltungen ähnlicher Natur.

Beispielsweise finden Kulturaffine ein grosses Angebot im Kalender von Kulturzüri. Wer sich gerne lokal vergnügt, erkunde die Angebote der jeweiligen Quartiervereine in deren Kalender. Zig Möglichkeiten für körperliche Betätigungen schafft das Sportamt mit buchbaren Tennisplätzen, saisonal geöffneten Freibädern und Jahreskursen für Kinder und Jugendliche. Die 17 über die Stadt verteilten Gemeinschaftszentren haben eine breite Auswahl von Veranstaltungen und Aktivitäten für alle Mitglieder von Familien-, Paar- und Singelhaushalten. Und dann gibt es auch noch all die immer wieder stattfindenden Anlässe wie das Züri Fäscht, der Ironman, das Schwamenair, die Streetparade und so weiter und so fort...

Die wahre Challenge

Beim Organisieren der Interkulturellen Wochen habe ich gelernt: Je mehr Termine beim Jonglieren gleichzeitig durch die Luft fliegen, umso schwieriger. Man kann anfangen mit einer Teamsitzung. Doch schon bei einem kleinen Event, wie beim Suppendialog beispielsweise, wird es schnell komplizierter. Hier treffen sich Menschen über Mittag, essen gemeinsam Suppe und hören einen kurzen Input zu einem Thema, welcher die Diskussion in Gang setzt. Dazu brauchen wir: einen öffentlichen Platz, einen mobilen Suppentopf, eine Person die den Input macht, Tisch und Stühle. Alle Dinge und Menschen müssen zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort sein. Keine einfache Sache, denn in Zürich hat selbst ein mobiler Suppentopf einen vollen Terminkalender.

Doch wir sind geübt und schaffen das. Trotzdem ist das erst auf Niveau Beginnerlevel. Das eigentliche Kunststück besteht darin, einen Eintrag in den Agenden der Zürcher*innen zu ergattern – und zwar bei den Langzeitplanern und den Spontanen. Denn kommt keiner zum Anlass: big fail. Also ist jeder Programmpunkt nicht nur eine Termin-Jonglage, sondern zugleich ein Akt auf dem hohen Seil – ohne Netz. Wenn es uns gelingt, dass Menschen unsere Anlässe besuchen, bleiben wir auf dem Seil. Dann ist der Akt vollbracht. Noch wissen wir nicht, ob es uns gelingt. Doch wir üben, üben, üben und sind zuversichtlich. Falls jemand einen Tipp hat, wie wir besser werden können: gerne melden!

Übrigens: Die besten Termine im Kalender sind «frei» oder «nix ausmachen». Es sind Stunden ohne Verpflichtungen – geplante Zeit für das Spontan-Sein. In solchen Momenten übe ich oft das Balancieren auf der Slackline auf der Josefwiese. Hier geht es nur darum oben zu bleiben – ohne jonglieren. Ein perfekter Ausgleich. Oder ich besuche ganz spontan einen Anlass...

sam mosimann
sam mosimann ist 37 Jahre alt und lebt seit 10 Jahren in der Stadt. Geld verdient er in Projekten mit Anfang und Ende. Eines davon ist About Us!. Als Co-Leiter veranstaltet er im September die ersten Interkultruellen Wochen in der Stadt. Für Tsüri.ch schreibt sam monatlich darüber, wie er dadurch neue Seiten von Zürich entdeckt.

Abonniere unsere Artikel über Mail, WhatsApp, Telegram oder Facebook Messenger!

Tsüri-Mail

Trage dich hier für den Newsletter ein.

Diese Rubriken interessieren mich:
<

Whatsapp

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Whatsapp-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button, speichere unsere Nummer und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Facebook-Messenger

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Facebook-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Telegram

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Telegram-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klicke auf den Button. Schon geht's los.

Kommentare

Willst du mitreden?

Wir kämpfen zusammen für mehr Diversität, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und ein Zürich für alle. Als Tsüri-Member bestimmst du mit, worüber wir berichten und bist Teil von verschiedenen Formaten, die unsere Stadt bewegen.

Tsüri-Member werden
Einloggen und zurück zum Artikel
Weiterlesen