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Ingenieur Thomas Järmann: «Der Fachkräftemangel ist gross, wir brauchen die Frauen»

Thomas Järmann von der ZHAW spricht über Ingenieure*innen und die Entwicklungen des Berufsbildes entlang der Digitalisierung. Aber auch über den Frauenmangel im Beruf, den Klimawandel und über Kampfroboter - die dunkle Seite der Technik.
24. Februar 2020
Redaktorin

Lara Blatter: Wie sieht heute ein typischer Arbeitstag eines Ingenieurs aus?

Thomas Järmann: Gegenfrage, wie stellen Sie sich den Arbeitsalltag von einem Ingenieur vor? Ich stelle fest, dass viele Personen, insbesondere Frauen, eine falsche Vorstellung von Ingenieuren*innen haben.

Stimmt, ich merkte bei der Recherche, wie viel mehr Ingenieure*innen machen, als mir selber bewusst war. Mein Grossvater war ein Ingenieur, der hat viel mit Maschinen gemacht, aber der ganze Aspekt der Informatik, war mir nicht bewusst.

Vor 30 Jahren haben Ingenieure mit grossen Maschinen gearbeitet, der Bauingenieur als Inbegriff der Ingenieure. Mittlerweile hat sich das Berufsfeld komplett gewandelt. Ingenieure*innen haben vor allem mit Daten und deren Analyse zu tun, weniger mit der Produktion. Wir sind kein Produktionsstandort mehr. Hingegen finden Entwicklung und Forschung nach wie vor in der Schweiz statt. Ingenieure und besonders Ingenieurinnen sind gesucht, sie werden vom Arbeitsmarkt wortwörtlich aufgesogen.

Thomas Järmann
Thomas Järmann ist Leiter Lehre der ZHAW School of Engineering. Er ist verantwortlich für die Ingenieurausbildung an der ZHAW, d.h. für acht verschiedene Bachelorstudiengänge, einen Masterstudiengang und die Weiterbildung im Bereich Engineering. Järmann studierte Physik und das Ingenieurwesen, doktorierte in Naturwissenschaften und machte das höhere Lehramt.

Sie sprechen explizit die Ingenieurinnen an. Wie sieht die Diversität im Studiengang aus?

Besser wie auch schon, aber der Frauenanteil ist immer noch zu gering. Das Potenzial ist zu wenig ausgeschöpft. Konkret: Über alle acht Studiengänge hinweg haben wir einen Frauenanteil von 14 Prozent. Vergleichbar mit jenem der ETH.

Studiengänge in Richtung Medizintechnik haben mehr Studentinnen als das «Hardcore Ingenieurwesen». Ebenfalls spielen die Zugänge eine Rolle. Studiengänge, bei welchen der Gymnasium-Anteil höher ist, bei denen ist der Frauenanteil höher, als bei jenen, die über eine Lehre zu uns kommen.

Kann man also behaupten, dass am Gymnasium die Thematik rund um technische Berufe attraktiver vermittelt wird?

Das ist durchaus möglich. Wir sprechen hier von der Leaky Pipeline. Das heisst; bis etwa im Alter von 10 bis 12 Jahren interessieren sich Mädchen genauso für technische Dinge wie Jungs. Und dann, zack, kehrt das. Gegen das wollen wir ankämpfen, der Fachkräftemangel ist gross, wir brauchen die Frauen. In Osteuropa oder in Asien studieren viel mehr Frauen beispielsweise Mathematik. Wie können wir den Ingenieurs-Beruf für Frauen attraktiver machen?

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Was sind die grundlegenden Fähigkeiten, welche Ingenieure*innen haben müssen?

Die Anforderungen sind unterschiedlich. Gemeinsame Nenner sind analytisches Denken, das Erkennen von Problemen und strukturiertes Vorgehen. Aber auch Soft Skills. Ein*e Ingenieur*in muss kommunizieren und komplexe Probleme einfach beschreiben können. Er*Sie muss ein Teamplayer sein. Überspitzt gesagt: Früher reichte es, extrem gut in Mathematik zu sein, heute kommen Sozial- und Selbstkompetenzen dazu.

Im Kampf gegen den Klimawandel werden Ingenieure*innen eine grosse Rolle spielen.
Thomas Järmann

Spricht man über Digitalisierung, so spricht man oft auch von künstlicher Intelligenz. Werden Ingenieure*innen bald nur noch Wächter*innen der Maschinen sein?

Es gibt eine Richtung zu autonomen Systemen. Aber Ingenieure*innen sind nicht diejenigen, die die Maschinen bedienen. Sie entwickeln die Systeme dahinter, also die Algorithmen. Die Entwicklung derer ist wichtig, aber auch die Entwicklung neuer Technologien. Stichwort Klimawandel.

Klimawandel?

Im Kampf gegen den Klimawandel werden Ingenieure*innen eine grosse Rolle spielen, ohne sie wird uns der Wandel nicht gelingen.

Aber ist es nicht auch die Technik und die Industrie, welche uns in diese Lage gebracht hat?

Kann sein, dass die Technik uns in diese Misere reingebracht hat. Das Klima geht bachab. Aber es werden auch Ingenieure*innen und die Naturwissenschaftler*innen sein, die uns da wieder rausholen werden. Es werden Geräte entstehen, die den Klimawandel stoppen können.

Von welchen Geräten sprechen Sie?

Photovoltaik, Elektrofahrzeuge etc. Wir müssen alternative Energiequellen vermehrt nutzen können. Politiker*innen entwickeln diese Systeme nicht, sie versuchen den Wandel in der Gesellschaft vielleicht zu steuern. Letztendlich entwickeln Ingenieure*innen solche Technologien.

Zurück zu den automatisieren Systemen. Was entgegnen Sie dem Vorwurf: «Wir werden von Robotern abgelöst und bald arbeitslos»?

Logisch, es werden Jobs wegfallen, jene die man gut automatisieren kann. Berufe, bei denen es um Interaktion zwischen Menschen geht, wird man nie ersetzen können. Berufsbilder wandeln sich und es kommen auch neue hinzu. Denken Sie an eine Frau oder ein Mann hinter der Coop Kasse. In den letzten 50 Jahren sass diese Person an der Kasse. In 10 Jahren wird es sie wahrscheinlich nicht mehr geben. Andere Systeme kommen, man wird durch eine Schleuse gehen und die Einkäufe werden gescannt.

In der ganzen Digitalisierung und Entwicklung wird es Verlierer*innen geben.
Thomas Järmann

Bleiben wir beim Stereotypen des 50-jährigen Kassierers. Dieser wird in 10 Jahren keinen Job mehr haben. Auf die Schnelle sich auch nicht umschulen und neu orientieren können.

Das ist so. In der ganzen Digitalisierung und Entwicklung wird es Verlierer*innen geben. Auch schon früher, denkt man an die Industrialisierung. Umso wichtiger ist es, dass sich junge Leute gut ausbilden. Egal was. Eine gute Ausbildung ist der Garant dafür, dass man nicht zum Verlierer unseres Systems wird. Davon bin ich felsenfest überzeugt, insbesondere in der Schweiz. Wir haben keine Rohstoffe, wir müssen in Bildung investieren.

Ist künstliche Intelligenz ein Thema, mit welchem man sich auch kritisch im Studium auseinandersetzt?

Wir haben an der ZHAW Module, die den ethischen Bereich, das Recht an Informationen und auch Datensicherheit behandeln. Die ganzen kulturellen und gesellschaftlichen Aspekte sind wichtig. Aber es ist eine Gratwanderung. Wir müssen den Studierenden erstmal beibringen, wie die Technik funktioniert. Solche Module kommen dann in den oberen Semestern oder im Masterstudium zum Zug.

Wissen kann man immer zweiseitig anwenden. Zum Positivem und zum Negativem.
Thomas Järmann

Es werden ja schon «Kampfroboter» entwickelt. Irgendwann wird Star Wars wohl mehr als ein Film sein.

Diese Gefahr besteht. Wissen kann man immer zweiseitig anwenden. Zum Positivem und zum Negativem. Der Hammer als Beispiel: Einen Hammer braucht man eigentlich, um Nägel in die Wand zu schlagen. Man kann ihn aber auch nutzen, um einander die Köpfe einzuschlagen. Wir versuchen unsere Studierende zu sensibilisieren und appellieren an ihre Vernunft. Aber wie sie schlussendlich ihr Wissen nutzen, darauf haben wir als Fachhochschule wenig Einfluss. Da gibt es übergeordnete Organisationen, wie beispielsweise die UNO, die sich diesen Fragen und Themen annehmen werden müssen.

Vielleicht sollten Sie «Die Physiker» von Friedrich Dürrenmatt in den Lehrplan für Ingenieure*innen aufnehmen.

Ja, die Thematik ist durchaus nicht veraltet.

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