Auf der Kosmopolitics Bühne (Foto: Elio Donauer)

«In Zürich hat man Angst, Raum zu haben ohne Programm!»

Die unterschiedlichsten Menschen wohnen in Zürich oder wünschen es sich zumindest. Der Boden ist knapp – für wen bleiben die Wohnträume auch in Zukunft nur Schäume? Tsüri.ch fand es an der Podiumsdiskussion im Rahmen des Human Rights Film Festivals heraus.
08. Dezember 2020
Praktikantin Redaktion

Um 20 Uhr stehen die Gesprächsteilnehmer*innen an diesem Montagabend für den Livestream bereit: Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung der Stadt Zürich, Monika Streule, Stadtethnologin vom Architekturdepartement der ETH und Felix Bosshard, Präsident der Wohnbaugenossenschaft GBMZ. Journalistin und Redaktionsleiterin Rahel Bains von Tsüri.ch moderiert die Podiumsdiskussion. Es geht um die Frage, wer denn in unserer Stadt wohnen kann, wenn der Platz knapper und die Mieten höher werden.

Fehlprognose Millionenstadt

Glaubt man der offiziellen Prognose werden im Jahr 2040 520’000 Menschen in Stadt Zürich wohnen; das wären 100’000 Menschen mehr als jetzt. Das Thema Verdichtung ist deshalb aktueller den je. Laut dem Stadtplaner Dr. Jürg Sulzer sollte man in Zukunft auf Wohlfühl-Bauten setzen; heisst konkret Blockrand-Wohnungen statt Hochhäuser. Anna Schindler will diese zwei Wohnformen jedoch nicht einander gegensetzen. Man könne sich auch in einem Hochhaus wohlfühlen und das zu einem günstigen Preis. Als Beispiel nennt sie die Hochhäuser der Hardau. Der Direktorin ist es vor allem wichtig, eine Stadt mit viel Grünfläche zu schaffen, welche die vielfältigsten Bevölkerungsgruppen ihr Zuhause nennen können. Stadtplanerin Monika Streule findet Prognosen durchaus sinnvoll, jedoch könnte man auch falsch liegen: So dachte man, Zürich werde eine Millionenstadt und dann kam die Stadtflucht in den 70er Jahren. In Zeiten von Klima-Streiks dürfe man auch die gesellschaftliche ökologische Sensibilisierung nicht ausser Acht lassen und in die Bauten integrieren.

Die Rolle der Genossenschaften

Laut Felix Bosshard halte man sich als Genossenschaft an den Bundesgerichtsentscheid, welcher aussagt, was erhalten und was abgerissen werden soll. Markante Siedlungen bleiben erhalten, jedoch dürfe man nicht vergessen, dass jede erhaltene Siedlung schlussendlich auch wieder Platz wegnehme und vor allem alte Wohnungen einen hohen Energieverbrauch haben. Momentan plant die GBMZ einen neuen Ersatzbau an der Hohlstrasse. Dafür haben sie eine Machbarkeitsstudie durchgeführt und in Kontakt mit dem Amt für Städtebau sich an die vorgegebenen Strukturen gehalten.

Im Gespräch mit Tsüri.ch sagte Immobilienexperte Rolf Walther vor einigen Wochen, dass die Wohnbaugenossenschaften in der Stadt Zürich die Möglichkeit haben und hatten, Land zu sehr günstigen Konditionen im Baurecht zu übernehmen. Diese Regelung stamme noch aus den 60er-Jahren und wäre seitdem nicht mehr angepasst worden. Wenn dann zusätzlich der Hypothekarzins sehr tief sei, entstehe mit der sogenannten und angewandten Kostenmiete eine Subventionierung, die zwar auf dem Papier nicht so genannt wird, aber seiner Meinung nach effektiv so sei. Ausserdem werde viel Wohnraum mit der Kostenmiete viel zu günstig angeboten, rund 20 Prozent der Stadtzürcher Bevölkerung wohne so.

Felix Bosshard hält nicht viel davon und meint: «Diese Aussagen sind total falsch und werden nicht richtiger, wenn man sie immer wiederholt!» Viele Genossenschaften hätten den Grossteil ihrer Überbauungen auf relativ teurem Land gekauft und ziehen keinen Gewinn aus dem Boden und den Wohnungen. Die Kostenmiete der Genossenschaften seien fair, die der Privaten zu teuer.

Anna Schindler teilt die Meinung des GBMZ-Präsidenten. Genossenschaften seien wichtige Partnerinnen der Stadt für die Menschen, die keine anderen Mieten zahlen können. Aber man dürfe nicht vergessen, dass auch die Privaten günstige Wohnungen vermieten würden, nämlich die beliebten Altbauwohnungen.

Verdichtung und Fremdkörper

Die Podiumsteilnehmer*innen nennen weiter die Europaallee als Beispiel von Verdichtung. Es sei das Land der SBB, das entwickelt wurde um maximalen Profit aus dem Boden zu ziehen. Bosshard hätte sich für die SBB strengere Vorgaben gewünscht und dass man bei weiteren Arealen darauf achten solle, dass bei den Wohnungen 30 Prozent von gemeinnützigen Bauträgern erstellt werden, was eine gut durchmischte und gemeinschaftliche Siedlung mit sich ziehe. Als Bewohner des Kreis 4 hätte er die Europaallee zunächst als Fremdkörper empfunden.

Anna Schindler hält dagegen, dass die Europaallee primär als Arbeitsplatz statt als Wohnraum gedacht sei: anders sehe es schon beim Zollhaus oder im Altstetter Letzibach aus. Schindler ist nach wie vor davon überzeugt, dass es Zeit braucht, um sich ein Quartier anzueignen.

Freiräume und Stadtinseln

«Was wird möglich, wenn man keinen Plan hat?», fragt sich Monika Streule und verweist auf den Film «Acasa, My Home», der im Rahmen des Human Right Festivals zuvor im Kosmos lief. «In Zürich hat man Angst, Raum zu haben ohne Programm!» Von Freiräumen wie dem Geroldareal oder der Hardturmbrache wünschen sich alle Beteiligten mehr. Diese Freiräume müssten ausserdem viel spontaner und unter Berücksichtigung der Bewohner*innen entstehen und weniger kontrolliert und diszipliniert von der Stadt. Für Anna Schindler sind Freiräume auch Orte wie das Areal der Zentralwäscherei, welches in den kommenden fünf Jahren als Raum etablieren kann. Ein Freiraum brauche nicht zuletzt Kreativität und Geld fügt Bosshard hinzu.

Gentrifizierung am Beispiel der Weststrasse

Wenn durch verschiedene Prozesse ein Quartier aufgewertet wird und Menschen wegen den steigenden Mieten wegziehen müssen, dann spricht man von Gentrifizierung. Durch diese Aufwertung werden zum Beispiel Quartiere wie der Kreis 3 mit seiner Weststrasse zu einem Trendquartier. Die Folge – die Weststrasse ist an einer verkehrsberuhigten Lage, die Mieter*innen jedoch aufgrund der doppelt so hohen Mieten nicht mehr die gleichen. «Ein Haus an der Weststrasse wurde von einem Problem zu einer Goldgrube», weiss Stadtforscherin Monika Streule; dies aufgrund Luxus-Sanierungen Neubauten und Eigentumswohnungen im Wert von bis zu drei Millionen. 2006 informierte die Stadtverwaltung über das Vorhaben bezüglich der Verkehrsberuhigung an der Weststrasse, 2011 folgten dann die Massenkündigungen.

Die Gesprächsteilnehmer*innen sind sich alle einig, dass Gentrifizierung eine politische Entscheidung sei und die Stadtverwaltung früher hätte eingreifen müssen. Auch Felix Bosshard bedauert, dass man als Genossenschaft nicht früher auf die Idee gekommen sei, an der Weststrasse ein Haus zu kaufen. Die drei Stadtexpert*innen sind sich einig, dass es darum gehe, die Gentrifizierung nicht aufzuhalten, sondern rechtzeitig geschickt zu begleiten. Aus der Weststrasse hätte man seine Lektionen gelernt, der Prozess wäre bei der Rosengartenstrasse besser abgelaufen, meint Schindler. Überhaupt solle man in Zukunft ein Auge auf die Quartiere haben, wo es vermehrt alten Wohnungsbestand mit hohem Sanierungsbedarf gäbe, in denen Menschen mit tieferem Haushaltseinkommen wohnen. Es werden Orte wie Zürich Nord und West, Schwamendingen und Hirzenbach genannt.

Hyper-Gentrifizierung im Kreis 5 und anderen Städten

Die Gentrifizierung eines Quartiers gehe von dessen Entdeckung zum Hype bis zur Kommerzialisierung und Normalisierung, alles im Sinne einer profitorientierten Stadtentwicklung, erklärt Streule. Im Kreis 5 gingen aufgrund der Mietpreise schon einige Läden zu, in London oder San Francisco stehen gar Wohnungen leer. Berlin zum Beispiel hat als Massnahme dieses Jahr ein Gesetz zur Mietenbegrenzung im Wohnungswesen erlassen, den sogenannten Mietendeckel. In München geht seit 30 Jahren als Mehrwertausgleich ein Betrag an die soziale Bodennutzung in Form von sozialer Infrastruktur wie Schulhäusern. In Zürich gelten andere Rechten und Pflichten; die Gentrifizierungswelle würde aber auch wieder vorbeigehen, beruhigt Schindler.

Polyzentrisches Zürich

Um den Druck von den einzelnen Quartieren zu nehmen liege der Fokus auch auf sogenannten Subzentren. Diese wären zum Beispiel in Altstetten oder Oerlikon auf alle Fälle da, meint Schindler und nennt die Genossenschaft mehr als Wohnen als Vorzeigebeispiel. Als Genossenschaft solle man Nebenzentren gezielt fördern, sagt Bosshard. Nicht zuletzt um Familien zu zeigen, dass es ein Leben abseits vom Einfamilienhaus gibt. Aber der Wille müsse da sein.

Monika Streule hält dagegen: «Ein Zentrum kann man nicht planen.» Es sei fragiles Gemeingut, dass von seinen Bewohner*innen lebt. «Fördern ja, aber auch zulassen, damit etwas entstehen kann.»

Leben in Zürich

Was eine Stadt lebenswert mache, das spüre man oft, könnte es aber nicht immer beim Namen nennen, meint Stadtforscherin Streule. «So plakativ es auch klingen mag, aber Zürich soll eine Stadt für möglichst alle sein!» meint Anna Schindler. Sei es jung oder alt, Student*in oder Rentner*in. Die Stadt habe bei eigenen Liegenschaften einen grösseren Entscheidungsspielraum; ansonsten sehen sie Genossenschaften, die sich für gemeinnützigen Wohnraum einsetzen, als ihre wichtigsten Partnerinnen. Auch bei den privaten Liegenschaften wolle man durch einen Mehrwertausgleich oder durch Sensibilisierung der Sozialverträglichkeit mehr Wohnraum schaffen.

Man habe nicht nur ein Recht auf ein Dach über dem Kopf, sondern auch auf Zentralität, meint Monika Streule. Die Stadt soll ein Ort des Zusammentreffens sein, mit Nutzung und Mitbestimmung von gesellschaftlichem Reichtum. «Angemessenes wohnen ist ein Menschenrecht und keine messbare Ware!» sagt Streule bestimmt.

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